Das Meer der Erinnerung

/ 1999
Tu, Mio / 1998

Italien in den 1950ern. Der Krieg ist vorbei, der Faschismus passé. Geblieben sind Sommer, Sonne und massenhaft deutsche Urlauber, die ihren Wirtschaftswunderwohlstand genießen und hier und dort auch mal SS-Lieder grölen. Der jugendliche italienische Erzähler ist den Sommer über auf Ischia und verbringt viel Zeit mit dem Fischer Nicola, der ihm als einziger davon erzählt, was er im Krieg erlebt und gesehen hat. Als sich der Junge in die mysteriöse Caia verliebt und erfährt, dass ihre Eltern von den Nazis umgebracht wurden, sieht er die Deutschen noch einmal mit ganz anderen Augen. Aus Unbehagen und Ablehnung wird Zorn. Er beobachtet sie genau und schmiedet schließlich einen Plan.

 

Warum lesen

Weil de Luca auf gerade einmal 120 Seiten eindrücklich zeigt, dass es angesichts der Shoah keine ‚Unbeteiligten‘ geben kann und dass Liebe und Rache durchaus Hand in Hand gehen können.

Bester Satz: „Sie taten so, als wären sie lediglich Touristen und nie etwas anderes gewesen. In Gruppen, in Scharen schwärmten sie von Juni bis Oktober über die Insel, von der Sonne gerötet, den Bauch voll mit Limonade und von Sonnenöl glänzend wie Rumtörtchen mit Zuckerguß.“

[ssch]

Auf der Liste:
Jüdische Rache

Auf der Suche nach Gerechtigkeit in der Literatur nach 1945

Anatomie einer Rache

/ 2001
Anatomiya shel nekama / 1993

Was ist damals im Wald passiert? Gabriel Jedermann, Professor für deutsche Literatur in Jerusalem, will wissen, wie seine Mutter gestorben ist – damals in Europa, als er selbst noch ein Kind war. Götz Engeldorf, deutscher Botaniker und Experte für Moose will die Vergangenheit seiner Eltern lieber nicht so genau kennen, doch er kann ihr nicht entkommen. „Sie war schön wie eine Gazelle“ – rund um diesen Satz entspinnt sich ein psychologisches Katz- und Mausspiel zwischen zwei Akademikern der zweiten Generation. Wer es gern komplex, widersprüchlich und mysteriös hat, ist bei Rivka Keren an der richtigen Adresse. Innerhalb dieser Leseliste ist es vermutlich der Text, der seine Leser*innen vor die größten Herausforderungen stellt. Erzählperspektiven wechseln sich ab, es gibt fremdsprachige Einsprengsel, typografische Unterschiede. Erinnerung und Fantasie verschränken sich, die Aufzeichnungen der toten Väter geraten in den Erzählfluss und schließlich sind Geschichte und Gegenwart, Väter und Söhne, Wunsch und Wirklichkeit nicht mehr recht auseinanderzuhalten.

 

Warum lesen

Weil Rivka Keren sich nicht nur in die Gedankenwelt des jüdischen Rächers, sondern ebenso in die der alten und neuen Nazis hineinversetzt und das Publikum unweigerlich mit in die Abgründe zieht.

Bester Satz: „Der Waffenschein trifft per Post ein.“

[ssch]

Auf der Liste:
Jüdische Rache

Auf der Suche nach Gerechtigkeit in der Literatur nach 1945

Elektro Krause

/ 2021

Kassy Krause springt 1989 im provinziellen Rheinland als Elektrikerin für ihren Vater ein, nachdem dieser in einem Einsatz traumatisiert wurde. Denn sowohl Vater als auch Tochter sind in der Lage, Geister zu sehen und unter dem Deckmantel eines Handwerkseinsatzes ins Jenseits zu befördern. Kurz vor dem Mauerfall häufen sich die Geistereinsätze, und Kassy kommt rasch einem Muster auf die Schliche: Nazis, die mit Zyankali Suizid begangen haben, übertreten die Schwelle zwischen dem Reich der Lebenden und der Toten, um zu beenden, was sie begonnen haben: Die unbewältigte Nazivergangenheit der Deutschen soll wieder ihre Gegenwart werden. Doch die afrodeutsche Geisterjägerin Kassy ist nicht allein: Ihre Freundin KaySer, Schrottplatzbesitzerin und Butch-Lesbe, ihr One-Night-Stand Errol, Deutschtürke und Geisteragnostiker, ihr weißer Vater Nobby mit seinem stoischen besten Kumpel Peter und der Kioskbesitzer Costa, im Rollstuhl und mit Zivi, sind die, die zwischen dem (West-)Deutschland, wie wir es kennen, und dem Geisternazireich stehen.

 

Warum lesen

Eine temporeiche und dabei sehr deutsche Ghostbusters-Geschichte, in der der Schwarzen Autorin Patricia Eckermann das fast Unmögliche gelingt, nämlich rechte Gewalt, Nazierbe und Rassismus sowohl als übernatürlichen Antagonisten aufzubauen als auch als bittere Alltagsrealität ihrer Eighties-Heldin zu zeigen.

Auf der Liste:
Progressive Phantastik

Originär deutschsprachige politische Fantasy und Science-Fiction