Überbitten

/ 2017

Man muss Unorthodox nicht unbedingt gelesen haben. Bestseller hin oder her. Und die merkwürdig bemühte Netflix-Adaption macht auch nicht direkt Lust auf die Lektüre. Aber Feldmans zweite autobiografische Erzählung hat in ihrer deutschen Fassung trotz ihres Umfangs von mehr als 700 Seiten etwas sehr Faszinierendes. Nicht nur, weil so viel mehr drinsteht als in der schmalen Version „Exodus“ für den amerikanischen Markt. „Überbitten“ ist in vielerlei Hinsicht beachtenswert, insbesondere mit Blick auf das Verhältnis zu Deutschland und auf den Umgang mit geerbten Rachegefühlen. Was macht eine junge Mutter aus ultraorthodoxem Haus, der man als Kind zum Einschlafen vorgesungen hat „nimm nekume ojf dejn mames blut“ (Nimm Rache für deiner Mutter Blut), wenn sie sich ein neues Leben im Land der Täter*innen einrichtet? Wie viele Anläufe braucht es, um eine ‚unbelastete‘ Liebesbeziehung mit einem Deutschen zu führen? Der Text wird nach hinten raus vielleicht ein bisschen arg versöhnlich und bildungsromanig: Die Erzählerin hat eine Entwicklung durchgemacht und erfolgreich ihre Ressentiments gewilhelmmeistert. Aber das ungeschminkte Vermessen der privaten wie kollektiven Gefühlslandschaften mitsamt der zahlreichen Literaturverweise lohnt die Lektüre allemal.

 

Warum lesen

Weil weibliche Stimmen im literarischen Universum jüdischer Rache eine Seltenheit sind und Rachegefühle nachweislich auch in der dritten Generation fortwirken.

Bester Satz: „Nazis hatten in meiner Kindheit eine übermäßige Rolle gespielt.“

[ssch]

Auf der Liste:
Jüdische Rache

Auf der Suche nach Gerechtigkeit in der Literatur nach 1945

Anatomie einer Rache

/ 2001
Anatomiya shel nekama / 1993

Was ist damals im Wald passiert? Gabriel Jedermann, Professor für deutsche Literatur in Jerusalem, will wissen, wie seine Mutter gestorben ist – damals in Europa, als er selbst noch ein Kind war. Götz Engeldorf, deutscher Botaniker und Experte für Moose will die Vergangenheit seiner Eltern lieber nicht so genau kennen, doch er kann ihr nicht entkommen. „Sie war schön wie eine Gazelle“ – rund um diesen Satz entspinnt sich ein psychologisches Katz- und Mausspiel zwischen zwei Akademikern der zweiten Generation. Wer es gern komplex, widersprüchlich und mysteriös hat, ist bei Rivka Keren an der richtigen Adresse. Innerhalb dieser Leseliste ist es vermutlich der Text, der seine Leser*innen vor die größten Herausforderungen stellt. Erzählperspektiven wechseln sich ab, es gibt fremdsprachige Einsprengsel, typografische Unterschiede. Erinnerung und Fantasie verschränken sich, die Aufzeichnungen der toten Väter geraten in den Erzählfluss und schließlich sind Geschichte und Gegenwart, Väter und Söhne, Wunsch und Wirklichkeit nicht mehr recht auseinanderzuhalten.

 

Warum lesen

Weil Rivka Keren sich nicht nur in die Gedankenwelt des jüdischen Rächers, sondern ebenso in die der alten und neuen Nazis hineinversetzt und das Publikum unweigerlich mit in die Abgründe zieht.

Bester Satz: „Der Waffenschein trifft per Post ein.“

[ssch]

Auf der Liste:
Jüdische Rache

Auf der Suche nach Gerechtigkeit in der Literatur nach 1945