Justice for Some

/ 2018

Seit sie als Kind das Konzentrationslager überlebt hat, ist Roza Grundstein eine geübte, eiskalte Killerin und macht mit beachtlichem Erfolg Jagd auf Nazis. „Nie wieder“ ist für sie jahrzehntelang keine Phrase, sondern eine Handlungsmaxime. Ihr Enkel Hersh dagegen bestraft und beseitigt mit seinen Freunden Menschen, die Kinder und Frauen misshandeln. Das familiäre Gespann mit dem ‚besonderen‘ Sinn für Gerechtigkeit gerät ins Visier der amerikanischen Behörden und wird von der attraktiven und hochintelligenten Polizistin Marian Webber verfolgt. Während es die hochbetagte Roza längst nicht mehr kümmert, ob sie geschnappt wird, macht sie sich doch Sorgen um Hersh, der Marian sehr, sehr nah an sich heranlässt. In bester Tradition schwarzhumoriger Kriminalgeschichten und -filme jagt Cherner sein Publikum in rasantem Erzähltempo durch die Geschichte. Leser*innen mit einer Ader für die ‚hard-boiled novels‘ von Dashiell Hammet, Raymond Chandler oder Philip Kerr, für Filmzitate und Popmusikanspielungen, kommen in diesem Buch voll auf ihre Kosten.

 

Warum lesen

Weil es großen Spaß macht, sich für die Zeit der Lektüre auf die Kompromisslosigkeit der Figuren einzulassen, gerade in Sachen Rache. Ein Meisterstück des „was wäre, wenn…“.

Bester Satz: „The only promise I make is this: the dog does not die in this story.”

[ssch]

Auf der Liste:
Jüdische Rache

Auf der Suche nach Gerechtigkeit in der Literatur nach 1945

Anatomie einer Rache

/ 2001
Anatomiya shel nekama / 1993

Was ist damals im Wald passiert? Gabriel Jedermann, Professor für deutsche Literatur in Jerusalem, will wissen, wie seine Mutter gestorben ist – damals in Europa, als er selbst noch ein Kind war. Götz Engeldorf, deutscher Botaniker und Experte für Moose will die Vergangenheit seiner Eltern lieber nicht so genau kennen, doch er kann ihr nicht entkommen. „Sie war schön wie eine Gazelle“ – rund um diesen Satz entspinnt sich ein psychologisches Katz- und Mausspiel zwischen zwei Akademikern der zweiten Generation. Wer es gern komplex, widersprüchlich und mysteriös hat, ist bei Rivka Keren an der richtigen Adresse. Innerhalb dieser Leseliste ist es vermutlich der Text, der seine Leser*innen vor die größten Herausforderungen stellt. Erzählperspektiven wechseln sich ab, es gibt fremdsprachige Einsprengsel, typografische Unterschiede. Erinnerung und Fantasie verschränken sich, die Aufzeichnungen der toten Väter geraten in den Erzählfluss und schließlich sind Geschichte und Gegenwart, Väter und Söhne, Wunsch und Wirklichkeit nicht mehr recht auseinanderzuhalten.

 

Warum lesen

Weil Rivka Keren sich nicht nur in die Gedankenwelt des jüdischen Rächers, sondern ebenso in die der alten und neuen Nazis hineinversetzt und das Publikum unweigerlich mit in die Abgründe zieht.

Bester Satz: „Der Waffenschein trifft per Post ein.“

[ssch]

Auf der Liste:
Jüdische Rache

Auf der Suche nach Gerechtigkeit in der Literatur nach 1945

Der eiserne Pfad

/ 1999
Mesilat barzel / 1991

Erwin Siegelbaum ist unterwegs. Auf jährlichen Touren durch die Dörfer und Kleinstädte Österreichs spürt der israelische Antiquitätenhändler die materiellen Hinterlassenschaften der ermordeten Juden Europas auf. Dank einiger Schwarzmarktdeals ist er wirtschaftlich unabhängig. Er kennt alle Strecken und alle Orte, die Züge sind sein Zuhause. Doch seine unentwegten Wanderungen haben noch ein anderes Ziel: den Mörder seiner Eltern zur Strecke bringen. Betagt, zahnlos und unbehelligt lebt Oberstleutnant Nachtigel auf dem Land – bis Siegelbaum ihm schließlich auf die Spur kommt. In schnörkellosen Szenen und den lakonischen Reflexionen seines Erzählers gewährt Aharon Appelfeld, der 1932 als Erwin Appelfeld in der Bukowina geboren wurde, tiefe Einblicke in das Seelenleben eines Überlebenden, der mit der Vergangenheit nicht abschließen kann. Die offenen Rechnungen mit Europa wiegen schwerer als die Verheißung von Ruhe und Sicherheit in Israel. Und die unüberwindbare Einsamkeit des Rächenden ist in jeder Zeile greifbar.

 

Warum lesen

Weil sich Appelfeld nichts Überflüssiges erlaubt. Ein Racheplot in Reinform. Wie auf Schienen läuft die Erzählung auf ihr unausweichliches Ende zu.

Bester Satz: „In Sprache steckt fast immer Verstellung. Ich traue nur den Schweigsamen.“

[ssch]

Auf der Liste:
Jüdische Rache

Auf der Suche nach Gerechtigkeit in der Literatur nach 1945

Muttermilch

/ 2021
Milk Fed

In Melissa Broders zweitem Roman „Muttermilch" sucht die Protagonistin Rachel entgegen der von ihrer narzisstischen Mutter eingetrichterten Disziplin nach lustvollem Vergnügen unterschiedlicher Form. Eigentlich hat sie eine Essstörung und zählt pedantisch Kalorien, wobei ihre Mahlzeiten zu den Highlights ihres Alltags gehören. Nachdem ihre Therapeutin ihr rät, den Kontakt zu ihrer Mutter temporär abzubrechen und sie dem Ganzen eine Chance gibt, verliebt sie sich in die Frozen-Yoghurt-Verkäuferin Miriam. Diese bringt ihr nicht nur den Genuss opulenter Speisen näher, sondern letztlich auch Rachels Begehren, das sie so lange unterdrückt hat. Es geht dabei über Sexualität hinaus: Rachel begibt sich leidenschaftlich in sinnliche Genüsse unterschiedlicher Art – Sex, Essen, Spiritualität – und lernt dabei, wie ein autonomes Leben ohne die Regeln ihrer Mutter für sie aussieht.

 

Warum lesen?

Es geht nicht anders, man verschlingt den Roman. Er ist so lustig und lustvoll, dass es schwer ist, seinem Sog zu entkommen. Durch die Mehrdimensionalität steht vor allem die Sinnlichkeit in ihren verschiedenen Ausprägungen im Zentrum.

Auf der Liste:
Unverschämtes Verlangen

Queeres Begehren in der Literatur

Wie im Wald

/ 2014

Ein verstörendes, teilweise idyllisches Stimmungsbild einer Pflegefamilie, in der es zu einer Bluttat kommt. Der Text erzählt alternierend aus der Sicht einer jungen Frau und ihrer ehemaligen Pflegeschwester. Die beiden hatten eine sehr schöne Kindheit miteinander bis es zu einem traumatisierenden Ereignis gekommen ist. Die Sprache des Pflegekindes entwickelt einen starken Sog, der Plot ist clever und spannend. Sprachlich herausragend, beklemmend, oszillierend und sehr kunstvoll. Elisabeth Klar ist eine Autorin, vor der ich mich gerne verneige. mehr

 

Warum lesen

So eine stimmige, maßgeschneiderte Sprache liest man selten.

Auf der Liste:
Das Politische im Privaten – österreichische Autorinnen

Im Glasturm

/ 2015

Clara, einst vielversprechende Musikerin, ist seit dem 8. Lebensjahr gehörlos. Sie räumt die Wohnung ihrer Eltern aus und erinnert sich an die Konfrontation mit der Behinderung, sie rollt die Familiengeschichte auf, auch ihr Bruder und korrupte Machenschaften kommen ins Spiel – alles erzählt durch die dicke Glasschicht, die Clara von der Welt trennt. Wie Ursula Wiegele die Gehörlosigkeit beschreibt, den Verlust der Geräusche, die Versuche, sich zu erinnern, die Einschränkung der Kommunikation, die Strategien gegen das Ausgesperrtwerden – das ist alles so zart und wuchtig zugleich, und gehört erzähltechnisch und poetologisch zu den besten Texten, die ich kenne. mehr

Warum lesen

Wie sich eine körperliche Einschränkung sozial auswirkt und die Protagonistin damit ringt, nicht den Anschluss an die Gesellschaft zu verlieren, wird schmerzlich bewusst gemacht. Auch die persönliche, alltägliche und behördliche Diskriminierung ist greifbar. Der Verlust eines Sinnes ist mehr als ein Verlust. Er beinhaltet viele Verluste. Wie so etwas individuell empfunden und teilweise gemeistert werden kann, weiß ich nach diesem Buch. Außerdem; diese Sprachästhetik…!

Auf der Liste:
Das Politische im Privaten – österreichische Autorinnen