Unsere Straße. Eine Chronik

/ 1947
Erstveröffentlicht 1936 in Prag

Der Tatsachenroman »Unsere Straße« von Jan Petersen (recte Hans Schwalm) gilt als der einzige antifaschistische Text, der während der NS-Zeit in Deutschland verfasst und unter großer Gefahr außer Landes geschmuggelt wurde. Erste Ausschnitte des Textes wurden bereits 1935 in Paris veröffentlicht, der Roman erschien erstmals 1936 in Prag, zeitgleich also zur in NS-Deutschland stattfindenden Olympiade.

Der Roman hebt darauf ab, eine »authentische« Schilderung der Verhältnisse, insbesondere der Gleichschaltung, und des antifaschistischen Widerstands in NS-Deutschland zu liefern und er steht in der Tradition linker »Straßenromane« seit Klaus Neukrantz »Barrikaden am Wedding« (1930) und Willi Bredels »Rosenhofstraße« (1931). Bei der Lektüre wird schnell klar, dass es sich um den Text eines KPD-Kaders handelt, was sich etwa in der Darstellung der vergreisten und eher ahnungslosen SPD-Genoss*innen niederschlägt. Dennoch findet sich in der Figurenrede durchaus eine Kritik an der Sozialfaschismusthese und Sozialdemokrat*innen gelten denn auch prinzipiell als Genoss*innen im gemeinsamen Kampf gegen den deutschen Faschismus. Doch nicht nur der Entstehungsgeschichte, sondern auch dem episoden- und anekdotenhaften Schreibstil ist es geschuldet, dass der Text eine Sogwirkung entfaltet. Auf wenigen Seiten werden kurze, häufig äußerst spannende oder bestürzende Begebenheiten aus dem (stets politischen) Alltag des Ich-Erzählers und seiner Genoss*innen geschildert. Die schwer erträgliche Passage, in der ein Mithäftling Erich Mühsams über dessen Demütigungen, Misshandlungen und Folter im Konzentrationslager berichtet, bleibt eindrücklich in Erinnerung. mehr

Warum lesen?

Durch seine Entstehungsgeschichte ist »Unsere Straße« ein besonderes literarisches Zeugnis des antifaschistischen Kampfes. Der Roman zeigt eindrücklich, was mit den politischen Gegner*innen passiert ist, als der Staatsapparat in die Hände der (deutschen) Faschisten fällt – und damit, was die Weltöffentlichkeit ab 1936, dem Jahr der Olympiade in Berlin, über NS-Deutschland hätte wissen können. Ein großes Verdienst des Textes ist es, den heute kaum mehr bekannten Kommunist*innen aus dem Widerstand zu gedenken und diese in kurzen, wertschätzenden Charakterisierungen nahbar zu machen.

 

[Sebastian Schweer]

Auf der Liste: Antifaschistische deutschsprachige Literatur (1918-1945)

Anatomie einer Rache

/ 2001
Anatomiya shel nekama / 1993

Was ist damals im Wald passiert? Gabriel Jedermann, Professor für deutsche Literatur in Jerusalem, will wissen, wie seine Mutter gestorben ist – damals in Europa, als er selbst noch ein Kind war. Götz Engeldorf, deutscher Botaniker und Experte für Moose will die Vergangenheit seiner Eltern lieber nicht so genau kennen, doch er kann ihr nicht entkommen. »Sie war schön wie eine Gazelle« – rund um diesen Satz entspinnt sich ein psychologisches Katz- und Mausspiel zwischen zwei Akademikern der zweiten Generation. Wer es gern komplex, widersprüchlich und mysteriös hat, ist bei Rivka Keren an der richtigen Adresse. Innerhalb dieser Leseliste ist es vermutlich der Text, der seine Leser*innen vor die größten Herausforderungen stellt. Erzählperspektiven wechseln sich ab, es gibt fremdsprachige Einsprengsel, typografische Unterschiede. Erinnerung und Fantasie verschränken sich, die Aufzeichnungen der toten Väter geraten in den Erzählfluss und schließlich sind Geschichte und Gegenwart, Väter und Söhne, Wunsch und Wirklichkeit nicht mehr recht auseinanderzuhalten.

 

Warum lesen

Weil Rivka Keren sich nicht nur in die Gedankenwelt des jüdischen Rächers, sondern ebenso in die der alten und neuen Nazis hineinversetzt und das Publikum unweigerlich mit in die Abgründe zieht.

Bester Satz: »Der Waffenschein trifft per Post ein.«

[ssch]

Auf der Liste: Jüdische Rache

Auf der Suche nach Gerechtigkeit in der Literatur nach 1945

Flowers for Hitler

/ 1964

Leonard Cohen dürfte den meisten Menschen vor allem wegen seiner balladenhaften Musik und seiner Doppelbass-Stimmlage bekannt sein. Ursprünglich war Cohen aber ein Lyriker, der die Gitarre seinen eigenen Angaben nach nur darum in die Hand nahm, weil die Leute auf diese Weise endlich seiner Lyrik Aufmerksamkeit schenkten. Auch deutsche Lyriker*innen können ein Lied davon singen. Der Gedichtband »Flowers for Hitler« aus dem Jahr 1964 widmet sich der Frage nach der Intimität zwischen Opfer und Täter, einer Verbindung, auf die Cohen nicht reagiert, indem er den Tätern Rosen auf den Weg streut, sondern ihnen einen ganzen Blumenstrauß reicht. Sicherlich sind es weiße Lilien.

 

Warum lesen

Weil Leonard Cohen viel zu oft als Dichter tiefsinniger Liebeslieder und viel zu selten als Verfasser wehrhafter Lyrik wahrgenommen wird. Und weil Rache manchmal auch bedeuten kann, die Intimität, die zwischen Täter und Opfer entsteht, abzubilden und zu unterlaufen.

[mc]

Auf der Liste: Jüdische Rache

Auf der Suche nach Gerechtigkeit in der Literatur nach 1945