Anatomie einer Rache

/ 2001
Anatomiya shel nekama / 1993

Was ist damals im Wald passiert? Gabriel Jedermann, Professor für deutsche Literatur in Jerusalem, will wissen, wie seine Mutter gestorben ist – damals in Europa, als er selbst noch ein Kind war. Götz Engeldorf, deutscher Botaniker und Experte für Moose will die Vergangenheit seiner Eltern lieber nicht so genau kennen, doch er kann ihr nicht entkommen. „Sie war schön wie eine Gazelle“ – rund um diesen Satz entspinnt sich ein psychologisches Katz- und Mausspiel zwischen zwei Akademikern der zweiten Generation. Wer es gern komplex, widersprüchlich und mysteriös hat, ist bei Rivka Keren an der richtigen Adresse. Innerhalb dieser Leseliste ist es vermutlich der Text, der seine Leser*innen vor die größten Herausforderungen stellt. Erzählperspektiven wechseln sich ab, es gibt fremdsprachige Einsprengsel, typografische Unterschiede. Erinnerung und Fantasie verschränken sich, die Aufzeichnungen der toten Väter geraten in den Erzählfluss und schließlich sind Geschichte und Gegenwart, Väter und Söhne, Wunsch und Wirklichkeit nicht mehr recht auseinanderzuhalten.

 

Warum lesen

Weil Rivka Keren sich nicht nur in die Gedankenwelt des jüdischen Rächers, sondern ebenso in die der alten und neuen Nazis hineinversetzt und das Publikum unweigerlich mit in die Abgründe zieht.

Bester Satz: „Der Waffenschein trifft per Post ein.“

[ssch]

Auf der Liste:
Jüdische Rache

Auf der Suche nach Gerechtigkeit in der Literatur nach 1945

Flowers for Hitler

/ 1964

Leonard Cohen dürfte den meisten Menschen vor allem wegen seiner balladenhaften Musik und seiner Doppelbass-Stimmlage bekannt sein. Ursprünglich war Cohen aber ein Lyriker, der die Gitarre seinen eigenen Angaben nach nur darum in die Hand nahm, weil die Leute auf diese Weise endlich seiner Lyrik Aufmerksamkeit schenkten. Auch deutsche Lyriker*innen können ein Lied davon singen. Der Gedichtband „Flowers for Hitler“ aus dem Jahr 1964 widmet sich der Frage nach der Intimität zwischen Opfer und Täter, einer Verbindung, auf die Cohen nicht reagiert, indem er den Tätern Rosen auf den Weg streut, sondern ihnen einen ganzen Blumenstrauß reicht. Sicherlich sind es weiße Lilien.

 

Warum lesen

Weil Leonard Cohen viel zu oft als Dichter tiefsinniger Liebeslieder und viel zu selten als Verfasser wehrhafter Lyrik wahrgenommen wird. Und weil Rache manchmal auch bedeuten kann, die Intimität, die zwischen Täter und Opfer entsteht, abzubilden und zu unterlaufen.

[mc]

Auf der Liste:
Jüdische Rache

Auf der Suche nach Gerechtigkeit in der Literatur nach 1945