Originär deutschsprachige politische Fantasy und Science-Fiction

Von Judith C. Vogt

Science-Fiction und Fantasy sind die Länder der unbegrenzten Möglichkeiten. Wo sonst kann Geschlechtergerechtigkeit längst erreicht, unsere hochkonstruierte Vorstellung von Normalität aufgelöst, der ultimative böse Herrscher – das Patriarchat – zerschlagen und Diversität als Grundprämisse etabliert werden, wenn nicht in parallelen Welten, in weiten Zukünften, in magischem Alltag? Und trotzdem verheddert sich unsere Vorstellung vom Phantastischen oft in dem, was wir aus unserer Gegenwart mitbringen. Argumente wie „Im Mittelalter war das eben so!“ sorgen für das Aufrechterhalten von Misogynie in historisierenden Fantasywelten, und selbst im All waren die Raumschiffcrews jahrzehntelang vornehmlich männlich und heterosexuell, ganz davon abgesehen, dass bei jedem Überlebenskampf, egal, ob auf lebensfeindlichen Planeten, gegen Zombies oder die Schergen des dunklen Herrschers, doch wieder der starke Mann herangezogen werden muss, um die Schwachen zu schützen. mehr

Für ein Genre, das aus dem Vollen menschlicher Vorstellungskraft schöpfen könnte, ist die Phantastik oft erstaunlich tief in Traditionen verstrickt. Doch das Bewusstsein für diese Traditionen wächst und mir ihr auch die Auseinandersetzung mit Stereotypen und Klischees, die Ablehnung jahrzehntealter verletzender Muster und der Wille, Neues zu denken. In Deutschland gibt es nun bereits einige Jahre nachvollziehbarer öffentlicher Auseinandersetzung der Phantastikszene mit dem alten Rucksack voller Gepäck. Eine erste Begriffsfindung für diese Prozesse fand 2020 statt, als James A. Sullivan, Co-Autor des 2004 erschienenen Bestsellers „Die Elfen“ in einem Tweet ankündigte: „Wenn alles gut geht, kehre ich bald nach langer Zeit in die Fantasy zurück […]. Subgenre: Progressive High Fantasy“. Kurze Zeit später verfassten wir gemeinsam den Text „Lasst uns Progressive Phantastik schreiben!“ als eine Beschreibung für die Aushandlungsprozesse moderner Fantasy und Science-Fiction. Die Traditionen des Genres sind dabei das Gepäck, das Schreibende, zusammen mit ihren Erfahrungen und den Fragestellungen der Gegenwart mitbringen. Doch bevor einfach drauflos gewandert wird, wird der Rucksack einmal ausgeleert und der Inhalt auf Tauglichkeit überprüft. Weiße Vorherrschaft in einer Fantasywelt – erschien uns das bislang normal? Heteronormativität als Motor aller Gesellschaften und ihrer Konflikte – lassen wir das unhinterfragt? Was ist beispielsweise mit Ritterlichkeit und dem ihr zugrundeliegenden binären Geschlechterkonzept und Machtverhältnis? Kann der möglichst grausame Verlust von Ehefrau und vielleicht sogar Kindern als Hauptantrieb für einen männlichen Helden weg, und ebenso die Vergewaltigung in einer jeden weiblichen Backstory? Oder, wenn wir Teile dieser Traditionen wieder in unseren Rucksack packen – können wir ihnen einen neuen Dreh verleihen, etwas Subversives, Ent-mantelndes?

Progressive Phantastik hat sich auf den Weg gemacht. Es geht um nichts Geringeres als das Aufbrechen von Patriarchat, Kapitalismus, Rassismus, Queerfeindlichkeit, Ableismus – nicht um das Erschaffen einer neuen Welt, sondern vieler neuer Welten. Und ebenso wie auf den Inhalt kann sich die Progressivität auf die Form erstrecken – es muss gewagt werden und es darf gescheitert werden. Progressive Phantastik ist ein Haufen Fragen und keinesfalls eine fertige Antwort.

In dieser Liste möchte ich einige Titel vorstellen, deren Autor*innen als Eigenbezeichnung Progressive Phantastik nutzen, deren Verlage sie als Progressive Phantastik deklarieren oder die ich ganz einfach als Progressive Phantastik lese. Natürlich ist diese Liste, wie alle exemplarischen Listen, unvollständig, zumal beinahe monatlich neue Titel dazukommen. Ich versuche, einen möglichst facettenreichen Überblick über Subgenres zu geben und dabei vielfältige deutschsprachige Stimmen zu Wort kommen zu lassen. Viel Vergnügen mit neugepackten Rucksäcken!

Das Erbe der Elfenmagierin (Die Chroniken von Beskadur 1)

/ 2021

Der Zweiteiler des Autors, dem wir den Begriff „Progressive Phantastik“ verdanken, erzählt vordergründig die Geschichte des gerade volljährigen Elfen Ardoas, der die jüngste von mehreren Inkarnationen einer Heldin seines Volkes ist, auf deren Erinnerungen er jedoch nicht zugreifen kann. Angespornt von seiner Mentorin bricht er in die Welt der Menschen auf, wo ihn Begegnungen, Orte, Konflikte, Mordversuche und Orakelblicke mit seinen vergangenen Leben verknüpfen.

Im Hintergrund bespielt Sullivan die Motive von Unsterblichkeit und Wiedergeburt, Generationentrauma und Schicksal, Tradition und das Aufbrechen derselben bei Elfen und anderen Fantasyvölkern. Auf den ersten Blick scheinen die Herausforderungen, vor denen Ardoas steht, phantastisch und mit wenig Bezug zu unserer Lebensrealität. mehr

Doch Sullivan als Schwarzer deutschsprachiger US-Amerikaner flechtet schon in die Fundamente seiner Welt eine Erinnerungskontinuität ein, die in der High Fantasy, in der die Magie meist schwindet und das einst „Große“ verloren geht, selten ist. Seine Elfen erinnern sich an vergangene Versklavung und bauen darauf eine selbstermächtigte Gegenwart und die Hoffnung auf eine utopischere Zukunft. In „Die Chroniken von Beskadur“ verbindet sich die Philosophie dieses Weltenbaus auf kunstvolle und geduldig erzählte Weise mit der Handlung.

 

Warum lesen

High-Fantasy-Weltenbau krankt oft daran, dass er darauf basiert, dass bei Völkern eine „natürliche“ Zuschreibung von Eigenschaften vorgenommen wird – ein Erbe des Kolonialismus. Wer erleben möchte, wie es anders geht, ist nach Beskadur eingeladen!

Die Töchter von Ilian

/ 2019

In vielerlei Hinsicht erinnert „Die Töchter von Ilian“ an Ursula K. Le Guins „Erdsee“-Zyklus: Es ist High Fantasy, die Archaik und Magie atmet, eine feministische Stimme, die eher fragt als antwortet, und eine getragene Erzählung aus einer alten Zeit, als die Völker Ilians vier Artefakte schufen, um erst mit- und dann gegeneinander bestehen zu können. Die Flüsternde Flöte, der Blickende Becher, die Sternenscheibe und der Sprechende Spiegel waren Geschenke, und sie erhielten ihre Macht dadurch, dass sie weiterverschenkt wurden. Doch Menschen, Elfen und das kleine Volk begehrten die Gaben, die die vier Artefakte gewährten und begannen, sie zu erobern statt zu verschenken. Der Sprechende Spiegel zerbrach, und das kleine Volk fertigte daraus das Kupferne Kleid seiner Matriarchin, das ihre Herrschaft sichern und ihre Feinde zerstören sollte. mehr

Doch Walgreta, die neue Trägerin des Kupfernen Kleids, und ihr Geliebter Fayanú, ein elfischer trans Mann, kennen – unterschiedliche – Entstehungsgeschichten der vier Artefakte, möchten sie finden und etablieren, dass sie erneut verschenkt werden, auf dass wieder der vorzeitliche Friede einkehrt. Doch die Liebenden werden getrennt und geraten auf die Irrwege ihrer eigenen, eigentlich guten Absichten.

 

Warum lesen

„Die Töchter von Ilian“ ist ein ruhig erzählter Roman voller Menschlichkeiten und Grausamkeiten und klugem, lakonischem Pessimismus, darüber, wie (auch geschlechtsbezogene) Herrschaft sich, einmal etabliert, in den Herzen derer hält, die in sie hineingeboren werden.

Krieg und Kröten (Die Frost-Chroniken 1)

/ 2020

Der alternde Siegelmeister und Feuermagier Yuriko kommt in seine Heimatstadt zurück, nachdem er allen, die ihm lieb waren, den Rücken gekehrt und fünf Jahre lang amourösen Eskapaden nachgegangen ist. Er erwartet großes Hurra ob seiner Rückkehr inklusive einer Weiterbeschäftigung auf seinem alten Uni-Posten und wird herbe enttäuscht: Das Leben ist ohne ihn weitergegangen, und das, obwohl sich doch das Universum um ihn dreht! Als seine Freund*innen, darunter seine ehemalige und von ihm im Stich gelassene Schülerin Galina, beschließen, einer rätselhaften stummen Person zu helfen, die von zerstörerischen Magier*innen verfolgt wird, hat Yuriko gerade erst angefangen, es sich wieder gemütlich zu machen und muss schon entführt werden, um zu dem Helden zu werden, für den er sich schon sein ganzes Leben lang hält.

 

Warum lesen

Mit Yuriko ist Pavlovic eine Seltenheit gelungen: Einen gleichzeitig sympathischen und haarsträubenden Protagonisten zu schaffen, der von einem Patriarchat geformt wurde, in dem er es immer recht bequem hatte – viel bequemer als seine Schülerin zum Beispiel. Wie Chauvinismus und überbordendes männliches Selbstwertgefühl Yuriko oft nicht sehen lassen, wie es Leuten mit weniger Privilegien ergeht, wie er aber trotzdem doch immer im letzten Moment Einsichten hat, die man ihm auf seine alten Tage gar nicht mehr zugetraut hätte – das ist wunderbar witzig und subversiv geschrieben.

Die Götter müssen sterben

/ 2021

Nora Bendzko hat mit ihrem Verlagsdebüt bei Droemer Knaur einen blutigen, kraftvollen, facettenreichen Roman über Amazonen in der Zeit des Trojanischen Kriegs verfasst. Als Amazonen den verhassten Ehemann der Hellenin Areto töten, schließt diese sich ihnen an. Obwohl sie keine Kriegerin ist und oft in der Düsternis ihrer eigenen Seele versinkt, wird sie von Artemis auserwählt, die Amazonen in ein neues Zeitalter zu führen – wenn Troja erst gefallen ist, werden es die Amazonen sein, die endlich herrschen. Nach und nach finden Aretos Verbündete heraus, dass Göttern nicht zu trauen ist. mehr

„Die Götter müssen sterben“ ist einer der Eckpfeiler der Progressiven Phantastik: Der kritische Blick auf Patriarchat, aber auch auf ein Matriarchat, das ebenfalls Krieg und Versklavung über seine Feind*innen bringt, ergänzt sich zur brutalen, kompromisslosen, klugen, modernen Adaption einer alten Sage um weibliches Empowerment.

 

Warum lesen

Bendzko gelingt es, antike Motive direkt in die Gegenwart zu erzählen und dabei die Waage zwischen feministischer Power-Fantasy und machtkritischem Hintersinn zu halten. Das klassische Setting der griechischen Mythologie hat zudem sowohl Schau- als auch Wiedererkennungswert und lässt Leser*innen das Neue inmitten des Altbekannten noch einmal mehr wertschätzen.

Von Rache und Regen

/ 2019

Juretzkis Fantasyroman führt in die Eisenzeit einer fiktiven Welt. Hier ist Krieg das prägende Element – doch in diesem Krieg wurde etwas entfesselt, das Tote zu Zombies erweckt. Protagonist Riagh gehört zu einem von den imperialen Legionen eroberten Volk und wurde selbst Soldat. Doch er hat bereits zu Beginn des Buchs eine Desertation hinter sich. Sein Ziehbruder, mit dem ihn mehr als brüderliche Liebe verband, starb auf der Flucht, und Riagh schleppt schwer an seiner Trauer und seinem Zorn. Auf dem Weg zu seiner Verlobten Anryn muss er ein Land durchqueren, das sich nicht nur im Griff des allgegenwärtigen Regens, sondern neuerdings auch der Untoten befindet. Als er Zeuge von Selbstjustiz durch die noch menschlichen Bewohnenden wird, greift er ein und rettet den verfeindeten Nekromanten Nuzar. Nuzars Sprache verwendet das generische Femininum, was ebenso wie Riaghs auf Regen basierende Kultur zu einer faszinierend vielschichtigen und detailreichen Welt beiträgt, durch die die beiden ungleichen Hauptfiguren sich schlagen müssen.

 

Warum lesen

Wie Riagh versucht, Schuld, Wut und gleichzeitig seiner eigenen internalisierten Queerfeindlichkeit und seinen Gefühlen für Nuzar Herr zu werden, hält einige der bestgeschriebenen emotionalen Szenen der letzten Phantastik-Jahre bereit. Auch die Migrations- und Umbenennungserfahrung der in Polen geborenen Autorin und Religionswissenschaftlerin findet sich im Roman, der immer wieder einen Spiegel in Richtung der Dominanzkultur bereithält.

Mutterschoß

/ 2021

Elea Brandt widmet sich in „Mutterschoß“ kompromisslos den Themen Schwangerschaft, Geburt, Fremdbestimmung von Schwangeren in der Medizin – und scheut sich nicht, Parallelen zwischen ihrem Dark-Fantasy-/Horror-Setting und aktuellen Kämpfen rund um Reproduktionsrechte zu ziehen. Der Roman ist aus Sicht von zwei Hauptfiguren erzählt, die ein Spannungsfeld eröffnen, das eine lange Geschichte hat und bis in unsere Gegenwart fortbesteht: das zwischen Arzt und Hebamme. Mediziner Shiran und die Hebamme Ajeri sind bei einer Geburt anwesend, die tödlich für Mutter und Kind endet. Der Körper des Kindes weist seltsame, flügelartige Missbildungen auf, zu denen die Hauptfiguren in den Kreisen nachforschen, die ihnen jeweils zugänglich sind. Dabei gelingt es Brandt, beide Figuren in ihren Ambivalenzen nachvollziehbar zu zeichnen.

 

Warum lesen

„Mutterschoß“ ist mit seinen Bodyhorrorelementen ein grausiges und düsteres Buch, aber es ist auch ein wütendes Buch, das gegen die Restriktionen anschrei(b)t, denen Menschen, die schwanger werden können, ausgesetzt sind. Der Anhang ordnet besonders Ajeris Tätigkeit in einen aktuellen Kontext ein und thematisiert die mangelnde Zugänglichkeit von Schwangerschaftsabbrüchen auch in Deutschland.

Elektro Krause

/ 2021

Kassy Krause springt 1989 im provinziellen Rheinland als Elektrikerin für ihren Vater ein, nachdem dieser in einem Einsatz traumatisiert wurde. Denn sowohl Vater als auch Tochter sind in der Lage, Geister zu sehen und unter dem Deckmantel eines Handwerkseinsatzes ins Jenseits zu befördern. Kurz vor dem Mauerfall häufen sich die Geistereinsätze, und Kassy kommt rasch einem Muster auf die Schliche: Nazis, die mit Zyankali Suizid begangen haben, übertreten die Schwelle zwischen dem Reich der Lebenden und der Toten, um zu beenden, was sie begonnen haben: Die unbewältigte Nazivergangenheit der Deutschen soll wieder ihre Gegenwart werden. Doch die afrodeutsche Geisterjägerin Kassy ist nicht allein: Ihre Freundin KaySer, Schrottplatzbesitzerin und Butch-Lesbe, ihr One-Night-Stand Errol, Deutschtürke und Geisteragnostiker, ihr weißer Vater Nobby mit seinem stoischen besten Kumpel Peter und der Kioskbesitzer Costa, im Rollstuhl und mit Zivi, sind die, die zwischen dem (West-)Deutschland, wie wir es kennen, und dem Geisternazireich stehen.

 

Warum lesen

Eine temporeiche und dabei sehr deutsche Ghostbusters-Geschichte, in der der Schwarzen Autorin Patricia Eckermann das fast Unmögliche gelingt, nämlich rechte Gewalt, Nazierbe und Rassismus sowohl als übernatürlichen Antagonisten aufzubauen als auch als bittere Alltagsrealität ihrer Eighties-Heldin zu zeigen.

Totes Zen

/ 2020

„Totes Zen“ ist eine Fantasy-Parodie vom Feinsten, voller absurder Prophezeiungen, zerbröckelnder Klischees und Geschichten in Geschichten in Geschichten, bei denen man nach der Lektüre ganz erstaunt ist, dass das alles in das schmale Büchlein passte. Der Roman führt die Lesenden im Stream-of-Consciousness-Stil auf eine Queste durch Fantasy-Klischees ins Ungewisse mysteriöser unterirdischer Stollen. Der genderfluide Barbar Krass ist mit seinem Schwert „Brudi“ auf der Suche nach einem Juwel und muss sich gegen allerlei Fantasy-Gegenspieler*innen behaupten, während langsam klar wird, dass die wahren Monster die sind, die Krass selbst mitbringt. Sein Vater ist ein Gott, der alles vorhergesehen hat, bis die Erfüllung von Krass‘ Schicksal schließlich in der Hand der Lesenden liegt, die mit dem Lesen des Romans letztlich selbst zu „Auserwählten“ werden, die eine uralte Prophezeiung zu erfüllen haben. mehr

Dennoch ist der genderfluide Barbar Krass mit dem Schwert „Brudi“ ein überraschend berührender Charakter. Nicolaisen gelingt es, einen schmerzlichen Kontrast zwischen der grausigen Familienhintergrundgeschichte und Krass’ wohltuender polyamorer Liebesbeziehung/Freundschaft an der Abenteurerakademie entstehen zu lassen.

 

Warum lesen

Ein Spiel mit Rollenspiel-Tropes, liebgewonnenen und verhassten Fantasy-Klischees, mit Prophezeiungen, die sich sogar über das Buch hinaus auf den*die Leser*in erstrecken. Als Spiegelung der zugleich verschämten und offensiven Sexiness von Fantasy-Romanen finden wir darin außerdem einen hemmungslosen Meerschweinchen-Porno, der jedoch im Kern von einem unglücklichen Volk monogamer Nager erzählt.

Sanguen Daemonis

/ 2020

Zabinis Debüt „Sanguen Daemonis“ führt in ein Wien, in dem Dämonen und somit auch von Dämonen besessene Menschen auf staatliche Anordnung getötet werden. Der Roman erzählt dabei von den dämonenjagenden Zwillingen Sivan und Shanna und ihren Vertrauten, Geliebten, Freund*innen Nesrin und Nikola. Dabei liegt der Fokus nicht auf der Jagd auf äußere Dämonen, sondern auf der Konfrontation mit inneren, die die ohnehin blutige Geschichte noch um einiges düsterer und schmerzvoller machen. Diese inneren Dämonen bestehen aus Selbstverletzung, Suizid und Suizidversuchen, Sucht, Missbrauch – Zabini experimentiert dabei auch mit dem in der Progressiven Phantastik mittlerweile häufigen Element der Inhaltshinweise und setzt diese nicht für den ganzen Roman, sondern überschreibt damit einzelne Kapitel, damit Betroffene wissen, an welchen Stellen sie besonders auf sich achtgeben sollten. Die Hauptfiguren sind queer – doch ihre Queerness ist keine Schattenseite ihres Lebens und nicht die Basis für die Heimsuchungen durch Trauma und Schmerz.

 

Warum lesen

„Sanguen Daemonis“ ist ein Beispiel dafür, wie Progressive Phantastik sich neben dem Inhalt auch mit der Erzählform auseinandersetzen kann: Zabini erzählt ihre Geschichte nicht linear – sie beginnt am Ende und springt in der Zeit, schildert Ereignisse, deren Tragweite sich erst viel später enthüllt. Die achronologische Erzählweise ist herausfordernd, aber es lohnt sich.

Das Buch der Augen

/ 2021

Früh in ihrer akademischen Laufbahn gescheitert kehrt Renia in ihre Heimatstadt Berlin zurück und treibt durch ein zynisches Millennialleben. Sie ist entfremdet von sich selbst und allen um sie herum, niedergeschlagen von der Perspektivlosigkeit ihres eigenen Lebens und unserer Gegenwart, unfähig, sich und ihre Nöte anderen mitzuteilen und sich als Erwachsene zu begreifen. Erst die Begegnung mit ihrer kompromisslosen, fordernden Großtante gibt ihr ein wenig Halt, lässt jedoch auch die Horrorvisionen erstarken, an denen sie wie der Großteil ihrer Familie väterlicherseits leidet, und die ihr eine dämonische Parallelwelt vorgaukeln. Kann sie die Selbsttäuschung, die sie zu ihrem eigenen Schutz errichtet hat, aufgeben und die dämonische rote Welt jenseits unserer eigenen als Realität akzeptieren?

 

Warum lesen

Niemann legt erbarmungslos den Finger in die Wunde und schildert Renia als privilegiertes und dennoch verlorenes Kind von Generationen, die die Dämonen ihrer Vergangenheit nicht bewältigen konnten. Renias Millennial-Dasein ist gleichzeitig Metapher und steht ganz offen im Erzähltext; den Zwiespalt zwischen Ohnmacht und Verantwortung schildert Niemann mit leiser, selbsterkennender, berührender Ironie.

Berlin – Rostiges Herz

/ 2018

In einer Post-Klimakatastrophen-Zukunft liegt Berlin am Meer. Die Menschen dort haben zivilisatorisch noch einmal neu anfangen müssen und im Spannungsfeld von Technik und Magie hat die Stadt zu neuer und ganz anderer Größe auf den Ruinen unseres heutigen Berlins gefunden. Liebevoll beschreibt Stoffers eine Art „Maker-Culture“; Bastler*innen und Erfinder*innen im Schatten der mächtigeren kapitalistischen Zuckerindustriellen und Magier*innen. Die beiden Hauptfiguren, Erfinderin Mathilda und Magier Fidelio, lieben dieselbe Frau, die an ihrem Geburtstag mit vergifteten Macarons ermordet wird. Mathilda gerät unter Mordverdacht, und im Versuch, ihre Unschuld zu beweisen, kommt sie einem Intrigengeflecht auf die Spur, das von Berlins Erfinder*innen bis hinauf in die zaubernde Elite führt.

 

Warum lesen

„Berlin – Rostiges Herz“ ist ein sinnliches Buch, das nicht nur visuelle Bilder entstehen lässt, sondern auch kulinarische Köstlichkeiten beinahe erlebbar macht. Dazu kommt das echte Highlight dieser Zukunft: Heteronormativität und Zwangsheterosexualität sind nicht mehr. Stoffers, selbst queer und nichtbinär, zeigt, wie Steampunk aussehen kann, wenn es das Biedermeier-Korsett ablegt.

Shadowrun: Marlene lebt

/ 2019

Marlene Dietrich starb 1992 in einem Hotelzimmer – und erwacht nach ihrem Tod in der magischen Cyberpunk-Zukunft des Shadowrun-Erzählkosmos in einem jungen Körper, der wie ihrer aussieht, aber nicht ihrer ist. Offenbar soll sie als neue Attraktion Besucher*innen in ein gigantisches Bordell ziehen, doch sie entkommt auf die Straßen eines futuristisch-dystopischen Dortmunds. „Marlene lebt“ ist ein politischer und ideenreicher Roman, der sich jedoch teils in Shadowrun-typischen Doppelverraten und einen unschönen dickenfeindlichen Erzählstrang verstrickt. Meiner Meinung nach sind aber Marlene als Hauptfigur, die antifaschistische Grundhaltung des Romans und die außergewöhnlichen Antagonisten die Lektüre wert: Der Manager der Unterhaltungskette, deren Teil Marlene hätte sein sollen, hat ein japanisches und ein weiß-deutsches Elternteil und ist dank seines neu-rechten Schwiegervaters derart in internalisierten Rassismus verstrickt, dass er seine Mixed-Race-Identität als eine Schwäche interpretiert, die er niemals wird überkommen können. Das Weltbild des Schwiegervaters ist von der neuen Rechten in den USA ebenso inspiriert wie von aktuellen völkischen Ideologien in Deutschland und auf eine eiskalte, zukunftsorientierte Weise faschistoid, die einem nicht so schnell aus dem Kopf geht.

 

Warum lesen

Besonders der Auftakt, in dem eine vielschichtig gezeichnete historische Figur, die viele Zeitenwenden erlebt hat, sich in eine neue Welt einfindet, ist ein Highlight des Romans. Dieser spiegelt den von Marlene erlebten Faschismus der Vergangenheit in einem gentechnisch optimierten Zukunftsfaschismus.

Shape Me

/ 2019

In der im kurzen Roman nur ausschnitthaft, aber sehr intensiv beleuchteten Zukunft dreht sich alles um Ernährung. Ein persönliches Kalorienbudget hat die Rolle von Geld übernommen, als eine Art bedingungsloses Grundeinkommen (mit ethischem Haken). Damit muss die Oberschicht sich natürlich nicht aufhalten: Ihr steht eine Körpertauschtechnologie zur Verfügung, mit der Fitnesstrainer*innen die Körper ihrer reichen Kundschaft übernehmen und auf Wunschmaß hungern und trainieren können. Der Einsatz ist streng reglementiert – trotzdem kommt ein Körper abhanden, gestohlen von einem Menschen, der entschlossen und verzweifelt genug ist, die Technologie zu nutzen, um der Todesfalle des eigenen Körpers zu entkommen.

Warum lesen

Vogltanz baut eine dystopische Zukunft um die Themen Dickenfeindlichkeit, skinny privilege, chronische Krankheit und Ableismus auf und stellt eine der oft gestellten „Was wäre wenn“-Fragen der Science-Fiction – nämlich: „Was wäre, wenn der menschliche Geist von Körper zu Körper transferiert werden könnte“ – auf neue Weise.

Infos zu dieser Liste
Erstveröffentlicht: 19.12.2022
Zuletzt aktualisiert: 19.12.2022
Diese Liste wurde gefördert durch

Judith C. Vogt schreibt in Aachen und oft zusammen mit ihrem Partner Christian Vogt progressiv-phantastische Romane und Sachtexte, übersetzt Science-Fiction und Fantasy aus dem Englischen, gibt das Phantastik-Kurzgeschichtenmagazin „Queer*Welten“ heraus und podcastet zu Feminismus, Rollenspiel und Nerdkultur beim „Genderswapped Podcast“. Zusammen mit James A. Sullivan hat sie das Manifest zur Progressiven Phantastik „Lasst uns Progressive Phantastik schreiben!“ im Portal TOR Online veröffentlicht. „Anarchie Déco“ war im August 2021 einer der ersten Titel, die unter dem Begriff Progressive Phantastik erschienen: Im Berlin der 1920er entdecken die Physikerin Nike und der Künstler Sandor ein neues naturwissenschaftliches Phänomen: die Magie. Der Roman geht der Frage nach, was der Kampf um Selbst- oder Fremdbestimmung durch eine solche Kraft im politischen Gefüge verändert. 2022 erschien „Schildmaid – Das Lied der Skaldin“, ein historischer Fantasyroman um patriarchale Gewalt, weibliche Solidarität und die Kraft der Wut.