Thomas Harlan. Das Gesicht deines Feindes. Ein deutsches Leben

/ 2007

»Sie sind am 19. Februar 1929 geboren …«

»Das fängt ja schön an!«

Als Sohn des Regisseurs Veit Harlan ist Thomas Harlan in unmittelbarer Nähe zu Hitler und Goebbels aufgewachsen (die Neuauflage des Buches bei Rowohlt wählt daher den Titel: »Hitler war meine Mitgift«). 1953 filmt er mit Klaus Kinski in Israel. Nach dem Theaterstück »Ich selbst und kein Engel« (1958) recherchiert er in den 1960ern in Polen zu den Verbrechen der deutschen Täter. Mit »Torre Bela« (1975) dreht er einen Film während der portugiesischen Nelkenrevolution. Bei dem Film »Wundkanal« (1984) gelingt ihm, dass der verurteilte Täter SS-Obersturmbannführer Alfred Filbert selbst einen Täter spielt. Schließlich schreibt er in den letzten Jahren seines Lebens die Romane »Rosa« und »Heldenfriedhof« und den Erzählband »Die Stadt Ys« und kehrt damit zurück zum Schreiben, über das er sagt: »Schreiben: sich treiben lassen, denn getrieben war ich ohnehin seit dem 16. Lebensjahr, seit ich erfahren hatte, wes Kind ich war, wes Geistes Kind […]«

Warum lesen

Das Gespräch, das Jean-Pierre Stephan mit Thomas Harlan über dessen Leben führt, ist so etwas Ähnliches wie eine Autobiografie. Zugleich sperrt sich Harlan gegen alle Zuschreibungen und eine einfache, lineare Lebensbeschreibung. Stephan hat es geschafft, von Harlan unglaublich aufschlussreiche und originelle Sätze zu erfahren. Harlan gibt viel von sich preis, ist dabei in seiner Sprache sehr genau und möchte gar nie sich selbst in den Vordergrund stellen. Zudem hat Stephan akribisch Hintergrundinformationen und den historischen Kontext recherchiert, was den Leser*innen eine Menge Umwege zu unzuverlässigen Quellen erspart.

Auf der Liste:
Thomas Harlans Täterliteratur

Auf der Suche nach einer Auseinandersetzung mit den Massenmorden der Shoah im vermeintlich Unsagbaren

Ich tötete einen Nazi

/ 1946

Der Medizinstudent David Frankfurter war der erste Jude, der Rache an den Nazis nahm, als er 1936 den NSDAP-Landesgruppenleiter der Auslandsorganisation Wilhelm Gustloff in dem Schweizer Ort Davos erschoss. Er tat das auch, weil er die Katastrophe kommen sah und setzte ihr seinen eigenen, praktischen Widerstand entgegen. Den Krieg verbrachte Frankfurter in einem Schweizer Gefängnis, aus dem er 1945 entlassen und des Landes verwiesen wurde. Seine Biographie veröffentlichte er in Israel unter dem hebräischen Titel „Nakam“ (Rache), seit 2022 liegt sie endlich auch auf Deutsch vor.

 

Warum lesen

Weil es sich bei David Frankfurter um eine echte Neuentdeckung für den deutschsprachigen Raum handelt. Und weil sich damit eine Lücke schließt, die die offizielle deutsche Erinnerungskultur zwischen der Pogromnacht vom 9. November 1938 und der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz am 27. Januar 1945 lässt.

[mc]

Auf der Liste:
Jüdische Rache

Auf der Suche nach Gerechtigkeit in der Literatur nach 1945

Quasikristalle

/ 2013

Menasse hat eine große technische Herausforderung gemeistert, die sprachlich nicht spürbar ist. Die Biografie einer Frau aus dreizehn verschiedenen Perspektiven. Zuerst ist sie 14, zum Schluss Großmutter. Menasse verwebt die Stimmen aus der Kinderwunschklinik, von einer Auschwitz-Exkursion, von Nachbarn und Freundinnen zu einem vielstimmigen Sittenbild unserer Gesellschaft. Dieser gut orchestrierte Roman hat viele Augen und Ohren und verliert dennoch nie den Fokus.

 

Warum lesen

Abwechslungsreich und facettenreich, große Sogkraft, kluge, bittere Wahrheiten über Deutschland und Österreich

Auf der Liste:
Das Politische im Privaten – österreichische Autorinnen