Ich tötete einen Nazi

/ 1946

Der Medizinstudent David Frankfurter war der erste Jude, der Rache an den Nazis nahm, als er 1936 den NSDAP-Landesgruppenleiter der Auslandsorganisation Wilhelm Gustloff in dem Schweizer Ort Davos erschoss. Er tat das auch, weil er die Katastrophe kommen sah und setzte ihr seinen eigenen, praktischen Widerstand entgegen. Den Krieg verbrachte Frankfurter in einem Schweizer Gefängnis, aus dem er 1945 entlassen und des Landes verwiesen wurde. Seine Biographie veröffentlichte er in Israel unter dem hebräischen Titel „Nakam“ (Rache), seit 2022 liegt sie endlich auch auf Deutsch vor.

 

Warum lesen

Weil es sich bei David Frankfurter um eine echte Neuentdeckung für den deutschsprachigen Raum handelt. Und weil sich damit eine Lücke schließt, die die offizielle deutsche Erinnerungskultur zwischen der Pogromnacht vom 9. November 1938 und der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz am 27. Januar 1945 lässt.

[mc]

Auf der Liste:
Jüdische Rache

Auf der Suche nach Gerechtigkeit in der Literatur nach 1945

Insu Pu

/ hebräisch 1948/dt. 1951

Mira Lobes Robinsonade entstand zuerst in Palästina im Exil. In der deutschen Fassung, die sie 1951 in Wien schrieb, hat sie den zeitgeschichtlichen Kontext des II. Weltkriegs und der Kindertransporte jüdischer Kinder auf der Flucht vor dem Nationalsozialismus verallgemeinert und fiktionalisiert. Das Schiff einer Gruppe Kinder, die auf der Flucht vor dem Krieg von ihren Eltern in ein anderes Land verschickt werden, läuft auf eine Mine und sinkt. Die 11 Kinder, die sich auf eine Insel retten können, sind ein soziales Spiegelbild der gesellschaftlichen Verhältnisse, aus denen sie jeweils stammen. Sie überwinden diese ‘Klassenverhältnisse’ und etablieren eine Art demokratischen Kinderstaat, was nicht ohne Konflikte um die Macht erfolgt. Im Zielland der Flucht glaubt nur ein Junge nicht an den Tod der Kinder. Er macht sich gegen alle Widerstände der Erwachsenen auf die (letztendlich) erfolgreiche Suche nach den geflüchteten Kindern. mehr

Warum lesen?

Sozialpsychologisch differenzierte Darstellung von Gemeinschaftsbildungsprozessen und ihren Hürden und Chancen; dabei spannend und einfühlsam erzählt.

Auf der Liste:
Kinder- und Jugendliteratur des Exils

Literatur als Widerstand

Elisabeth. Ein Hitlermädchen

/ 1937/2020

Leitners Jugendroman, der zuerst 1937 als Fortsetzungsgeschichte im Pariser Tageblatt erschien, ist ein typischer Wandlungsroman. Die Heldin Elisabeth ist zunächst begeistert von der nationalsozialistischen ‘Bewegung’ und dem BDM und verliebt sich in einen SA-Mann. Ihr Erwachen beginnt, als sie von ihm schwanger wird, er von ihr den Abbruch der Schwangerschaft verlangt und sie aufs Land zum Arbeiten verschickt wird. Die Autorin unternahm illegale Recherchereisen nach Deutschland und starb 1941 auf der Flucht vor den Nationalsozialisten. In der Darstellung des Lagerlebens und der Ausbildung der Frauen zu Kämpferinnen werden die verschiedenen Haltungen diskursiv verhandelt. Die multiperspektivische Erzählweise wird der Intention aufzuklären und zu eigener Meinungsbildung anzuregen, besonders gut gerecht. Elisabeth begehrt gegen die Lagerverwaltung auf und wird verstoßen. Ob sie sich am Ende für den aktiven Widerstand entscheidet, bleibt offen. Die Neuausgabe ergänzt den Roman um Reportagen der Autorin. mehr

Warum lesen?

Der auf dokumentarischem Material beruhende Jugendroman ist ein Musterbeispiel engagierter Literatur und gibt authentische Einblicke in den Lebensalltag unter dem Nationalsozialismus.

Auf der Liste:
Kinder- und Jugendliteratur des Exils

Literatur als Widerstand

Manja. Ein Roman um fünf Kinder

/ 1938/2014

Fünf Kinder werden 1920 in einer Nacht in den unterschiedlichsten Verhältnissen gezeugt. In einem sozialen Psychogramm stellt Gmeiner einen Querschnitt durch die Gesellschaft dar: Die Familie des arbeitslosen Vertreters und späteren SS-Mannes Anton Meißner, die Familie des klassenbewussten Proletariers Eduard Müller, die großbürgerliche jüdische Familie Hartung, die des liberalen Arztes Ernst Heidemann und die verarmte, alleinerziehende Jüdin Lea, deren älteste Tochter Manja ist. Als einziges Mädchen bildet sie den Mittelpunkt der Kindergruppe, die sich immer heimlich zum Spielen an einer Mauer trifft. Dort, am Rande der Gesellschaft und im „Katzenkorb der Kindheit” (1938, 8) haben die gesellschaftlichen und politischen Verhältnisse keine Macht. Mit Erstarken des Nationalsozialismus bricht der Antisemitismus aber auch in diesen utopischen Ort und damit in die Freundschaft der Kinder ein. Nachdem ein Hitlerjunge Manja zu vergewaltigen versucht, begeht sie Selbstmord. Dieser mehrsträngig erzählte Roman gibt realistische Einblicke in die Alltagsgeschichte und zeigt anhand der Kinderfiguren und oft aus deren Perspektive wie der Nationalsozialismus nach und nach die Herrschaft übernimmt. mehr

Warum lesen?

Eine hellsichtige Gegenwartsanalyse der Autorin verknüpft mit realistischen Kinderfiguren, an denen die gesellschaftlichen Veränderungen ihre Spuren hinterlassen, ohne, dass diese als Opfer gezeigt werden.

Auf der Liste:
Kinder- und Jugendliteratur des Exils

Literatur als Widerstand