Shape Me

/ 2019

In der im kurzen Roman nur ausschnitthaft, aber sehr intensiv beleuchteten Zukunft dreht sich alles um Ernährung. Ein persönliches Kalorienbudget hat die Rolle von Geld übernommen, als eine Art bedingungsloses Grundeinkommen (mit ethischem Haken). Damit muss die Oberschicht sich natürlich nicht aufhalten: Ihr steht eine Körpertauschtechnologie zur Verfügung, mit der Fitnesstrainer*innen die Körper ihrer reichen Kundschaft übernehmen und auf Wunschmaß hungern und trainieren können. Der Einsatz ist streng reglementiert – trotzdem kommt ein Körper abhanden, gestohlen von einem Menschen, der entschlossen und verzweifelt genug ist, die Technologie zu nutzen, um der Todesfalle des eigenen Körpers zu entkommen.

Warum lesen

Vogltanz baut eine dystopische Zukunft um die Themen Dickenfeindlichkeit, skinny privilege, chronische Krankheit und Ableismus auf und stellt eine der oft gestellten „Was wäre wenn“-Fragen der Science-Fiction – nämlich: „Was wäre, wenn der menschliche Geist von Körper zu Körper transferiert werden könnte“ – auf neue Weise.

Auf der Liste:
Progressive Phantastik

Originär deutschsprachige politische Fantasy und Science-Fiction

Im Glasturm

/ 2015

Clara, einst vielversprechende Musikerin, ist seit dem 8. Lebensjahr gehörlos. Sie räumt die Wohnung ihrer Eltern aus und erinnert sich an die Konfrontation mit der Behinderung, sie rollt die Familiengeschichte auf, auch ihr Bruder und korrupte Machenschaften kommen ins Spiel – alles erzählt durch die dicke Glasschicht, die Clara von der Welt trennt. Wie Ursula Wiegele die Gehörlosigkeit beschreibt, den Verlust der Geräusche, die Versuche, sich zu erinnern, die Einschränkung der Kommunikation, die Strategien gegen das Ausgesperrtwerden – das ist alles so zart und wuchtig zugleich, und gehört erzähltechnisch und poetologisch zu den besten Texten, die ich kenne. mehr

Warum lesen

Wie sich eine körperliche Einschränkung sozial auswirkt und die Protagonistin damit ringt, nicht den Anschluss an die Gesellschaft zu verlieren, wird schmerzlich bewusst gemacht. Auch die persönliche, alltägliche und behördliche Diskriminierung ist greifbar. Der Verlust eines Sinnes ist mehr als ein Verlust. Er beinhaltet viele Verluste. Wie so etwas individuell empfunden und teilweise gemeistert werden kann, weiß ich nach diesem Buch. Außerdem; diese Sprachästhetik…!

Auf der Liste:
Das Politische im Privaten – österreichische Autorinnen