Im Glasturm

/ 2015

Clara, einst vielversprechende Musikerin, ist seit dem 8. Lebensjahr gehörlos. Sie räumt die Wohnung ihrer Eltern aus und erinnert sich an die Konfrontation mit der Behinderung, sie rollt die Familiengeschichte auf, auch ihr Bruder und korrupte Machenschaften kommen ins Spiel – alles erzählt durch die dicke Glasschicht, die Clara von der Welt trennt. Wie Ursula Wiegele die Gehörlosigkeit beschreibt, den Verlust der Geräusche, die Versuche, sich zu erinnern, die Einschränkung der Kommunikation, die Strategien gegen das Ausgesperrtwerden – das ist alles so zart und wuchtig zugleich, und gehört erzähltechnisch und poetologisch zu den besten Texten, die ich kenne. mehr

Warum lesen

Wie sich eine körperliche Einschränkung sozial auswirkt und die Protagonistin damit ringt, nicht den Anschluss an die Gesellschaft zu verlieren, wird schmerzlich bewusst gemacht. Auch die persönliche, alltägliche und behördliche Diskriminierung ist greifbar. Der Verlust eines Sinnes ist mehr als ein Verlust. Er beinhaltet viele Verluste. Wie so etwas individuell empfunden und teilweise gemeistert werden kann, weiß ich nach diesem Buch. Außerdem; diese Sprachästhetik…!

Auf der Liste:
Das Politische im Privaten – österreichische Autorinnen