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08.02.11
20:00
Vorträge und Diskussion
Florian Vaßen und Martin Rector

Moderation: Marianne Streisand
Veranstaltungsort: Literaturforum im Brecht-Haus

Florian Vaßen: „einverstanden sein heißt auch: nicht einverstanden sein.“ Gewaltstrukturen in Brechts Lehrstück-Texten und -Spielprozessen

 

Vor allem die Lehrstücke der 1920er und 1930er Jahre, und besonders „Die Maßnahme“, scheinen auf die Gewaltfrage fokussiert zu sein. Tatsächlich finden aber weder abstrakte Gewaltdiskussionen noch etwa Rechtfertigung von Gewalt statt, vielmehr geht es neben gesellschaftlicher Gewalt und Gegengewalt vor allem um Gewaltsituationen innerhalb von Gruppen. Von den Gewalthandlungen wird zumeist nur berichtet oder sie werden nachgespielt, nie jedoch werden Gewalt und Grausamkeit ausagiert. Brechts Lehrstück-Texte bilden nur die Grundlage und Ausgangssituation für eine kritische Auseinandersetzung mit Gewaltformationen: „die Nachahmung“ der Gewaltkonstellationen spielt dabei eine ebenso „große rolle“ wie „die kritik“ „durch ein überlegtes andersspielen“ (Brecht: „Zur Theorie des Lehrstücks“). In der Erprobung von Gewalt im Lehrstück können die Spielenden lernen, mit ihr umzugehen. Die Identifikation gerade auch mit asozialen Handlungen und Verhaltensweisen (nicht mit Personen wie im Schaustück) ermöglicht die spielerische und „artistische“ (Adorno) Auseinandersetzung mit individueller, verinnerlichter und äußerer gesellschaftlicher Gewalt. Wie später Heiner Müller betont auch Brecht, dass „Schrecken“ „nötig ist“ „zum Erkennen“. Das performative Verfahren des Lehrstücks als „mimetische Verhaltensform“ (Lehmann) und „Rebellion des Körpers“ „gegen die Wirkung von Ideen“ (Müller) setzt in seiner Materialität und Prozesshaftigkeit an die Stelle einer Orientierung an Sinn und Moral die Potenzialität von Erfahrung – auch der von Gewalt.

 

 

Martin Rector: Zum Verhältnis von Menschlichkeit und Gewalt in Brechts „Heiliger Johanna“

 

Brecht versetzt in seinem 1932 erschienenen ersten großen epischen Drama „Die heilige Johanna der Schlachthöfe“ die längst literarisierte und ideologisierte Heldin aus den spätmittelalterlichen Schlachtfeldern in die Klassenkämpfe der hochkapitalistischen Schlachthöfe Chicagos um 1930 und aktualisiert ihren Konflikt zu einer szenischen Demonstration über die Frage der Legitimität der revolutionären Gewalt. Als die ruinösen Konkurrenzkämpfe zwischen Viehhändlern, Fleischfabrikanten und Börsenjobbern zur äußersten Verelendung und schließlich Freisetzung der Arbeiter führen, fühlt sich das bürgerliche Heilsarmeemädchen Johanna Dark berufen, dieses Elend zu beseitigen, indem sie den Ursachen auf den Grund geht. Sie überwindet ihren anfänglichen wirklichkeitsfremden Idealismus und stellt sich an die Seite der Arbeiter – versagt aber im entscheidenden Moment, indem sie die Vorbereitung des Streiks verrät. Am Ende wird sie, die an der Proletarierkrankheit Tuberkulose stirbt, von den ihren Sieg feiernden Fleischbaronen und Heilsarmisten in einem grölenden Chor heiliggesprochen, so dass ihre letzten Worte unterzugehen drohen: „Es hilft nur Gewalt, wo Gewalt herrscht, und es helfen nur Menschen, wo Menschen sind.“ Hier hat jede Interpretation des Stücks anzusetzen.

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