Das Wort „Kollapsologie“ beschreibt keine klar umrissene Disziplin. Die meisten Autor*innen und Wissenschaftler*innen, denen diese Denkrichtung zugeschrieben wird, bezeichnen sich selten selbst als Kollapsolog*innen. Sie eint jedoch die Vorstellung, dass das menschengemachte Ende unabwendbar ist. Die bislang vor allem in Frankreich beheimateten „Kollapsolog*innen“ verfassen keine Science Fiction – die Szenarien und Auswirkungen sind möglichst genau und realistisch ausgelotet und thematisieren den unweigerlichen Zusammenbruch („l’effondrement“) der Infrastrukturen, Versorgungsketten, Gesundheits- und Versicherungssysteme. Kritiker*innen werfen ihnen Fatalismus, Entpolitisierung und Undifferenziertheit vor; doch zwingt die diffuse Bewegung gleichzeitig ihre Gegner*innen, eigene Argumente zu schärfen.
23. – 27.8.2021
Nach der Ruhe vor dem Sturm.
Über Katastrophismus, Kapitalozän und Kollapsologie
Die „Kollapsologie“ ist getragen von der Überzeugung, dass der Zusammenbruch der uns bekannten Zivilisation angesichts von Klimawandel, Artensterben, Ressourcenknappheit, Produktivismus, Profitmaximierung und sozialer Ungleichheit unweigerlich bevorsteht. Panikmache scheint unangebracht zu sein. Doch wie viel Verdrängung steckt in Diskursen, die sich als sachlich-nüchtern geben? Je mehr Zeit vergeht, desto stärker wächst das Gefälle zwischen der Dringlichkeit der Aufgaben und der Trägheit des politischen Handelns. Während dieser Themenwoche werden Denkrichtungen, Narrative, Theorien und Kontroversen vorgestellt, die alle versuchen, Zukunftsblindheit und Resignation zu entgehen, ohne deswegen das Feld der rationalen Argumentation zu verlassen. Die Absicht ist, produktive Unruhe zu stiften.
Projektleitung Guillaume Paoli
Mit freundlicher Unterstützung durch das Institut français Deutschland
Programm
Mo. 23.08.2021
Am Rand des Zusammenbruchs. Kontroverse Kollapsologie
Das Wort „Kollapsologie“ beschreibt keine klar umrissene Disziplin. Die meisten Autor*innen und Wissenschaftler*innen, denen diese Denkrichtung zugeschrieben wird, bezeichnen sich selten selbst als Kollapsolog*innen. Sie eint jedoch die Vorstellung, dass das menschengemachte Ende unabwendbar ist. Die bislang vor allem in... weiterlesen
Di. 24.08.2021
Aufgeklärter Katastrophismus. Das Vermächtnis von Günther Anders, Hans Jonas und Ivan Illich
Das Worst-Case-Szenario so überzeugend an die Wand malen, dass es rechtzeitig abgewendet werden kann – dafür stehen die drei Autoren Günther Anders, Hans Jonas und Ivan Illich. Sie teilen eine Position, die der Philosoph Jean-Pierre Dupuy „aufgeklärter Katastrophismus“ nennt und... weiterlesen
Das Worst-Case-Szenario so überzeugend an die Wand malen, dass es rechtzeitig abgewendet werden kann – dafür stehen die drei Autoren Günther Anders, Hans Jonas und Ivan Illich. Sie teilen eine Position, die der Philosoph Jean-Pierre Dupuy „aufgeklärter Katastrophismus“ nennt und wie folgt zusammenfasst: „Nur noch ein Wunder kann uns retten, vorausgesetzt, dass wir nicht darauf warten.“ In den letzten Jahrzehnten ziemlich in Vergessenheit geraten, erleben Anders, Jonas und Illich neuerdings eine Renaissance. Wie können sie helfen, jenseits von Alarmismus und Fatalismus zu denken und zu handeln?
Mi. 25.08.2021
Geist der Dystopie
Im 20. Jahrhundert spielten Huxleys »Brave New World« und Orwells »1984« eine maßgebliche Rolle zum Verständnis totalitärer Gesellschaften. Heute sind Filme und Serien wie »Die Tribute von Panem« oder »Black Mirror«, die eine düstere Zukunft zeichnen, besonders bei jungem Publikum... weiterlesen
Im 20. Jahrhundert spielten Huxleys »Brave New World« und Orwells »1984« eine maßgebliche Rolle zum Verständnis totalitärer Gesellschaften. Heute sind Filme und Serien wie »Die Tribute von Panem« oder »Black Mirror«, die eine düstere Zukunft zeichnen, besonders bei jungem Publikum sehr populär. Auch in der Gegenwartsliteratur werden bedrückende Zukunftsvisionen dargestellt, die ansonsten aus dem öffentlichen Diskurs verdrängt werden. Was ist die Motivation, Funktion, Form und Dynamik dystopischer Erzählungen?
Do. 26.08.2021
Kapitalozän. Das Zeitalter des Kapitals
Am landläufig gewordenen Begriff „Anthropozän“ wird immer öfter kritisiert, dass die Ursache für die ökologische Katastrophe sowohl zu eng (die fossilen Energien) als auch zu pauschalisierend (die Menschenspezies) aufgefasst wird. Wird hingegen die wachstums- und profitfixierte Wirtschaftsweise in den Fokus... weiterlesen
Am landläufig gewordenen Begriff „Anthropozän“ wird immer öfter kritisiert, dass die Ursache für die ökologische Katastrophe sowohl zu eng (die fossilen Energien) als auch zu pauschalisierend (die Menschenspezies) aufgefasst wird. Wird hingegen die wachstums- und profitfixierte Wirtschaftsweise in den Fokus gestellt, kommen ganz andere Zusammenhänge zum Vorschein. Bleibt die Frage: Müssen wir auf Katastrophen warten, um die Herrschaft des kurzfristigen Profits zu überwinden, oder ist eine ökologisch-politische Strategie möglich?
Fr. 27.08.2021
Strategien der Anpassung
So unvorhersehbar die künftigen Auswirkungen der Umweltkatastrophe auch sind, sicher ist jedoch, dass es keine Rückkehr zum Status quo ante geben wird. Darum werden sich die entscheidenden Konflikte der nahen Zukunft um die Frage der Anpassung drehen. Der Begriff ist... weiterlesen
So unvorhersehbar die künftigen Auswirkungen der Umweltkatastrophe auch sind, sicher ist jedoch, dass es keine Rückkehr zum Status quo ante geben wird. Darum werden sich die entscheidenden Konflikte der nahen Zukunft um die Frage der Anpassung drehen. Der Begriff ist jedoch ambivalent. Anpassung kann sowohl konservativ als auch fortschrittlich interpretiert werden – wer oder was muss angepasst werden? Der Mensch an die Umwelt oder die Umwelt an den Menschen?
Renaud Cayla hat Geschichte und Sozialwissenschaften studiert, er arbeitet seit 20 Jahren als Kommunikationsdesigner in Berlin. Er setzte sich intensiv in den 2010er Jahren mit den Theorien des möglichen Zusammenbruchs von der thermo-industriellen Zivilisation auseinander und trug dazu bei, die französische Collapsologie in Deutschland bekannter zu machen.
Christian Dries arbeitet als Philosoph und Soziologe an den Universitäten Freiburg und Basel. Seine Forschungsschwerpunkte liegen in der Sozialphilosophie, der Kultursoziologie und philosophischen Anthropologie sowie bei Günther Anders und Hannah Arendt. Er habilitiert zum Begriff der Urteilskraft. Demnächst erscheint von ihm der Aufsatz »Von Menschen, Flundern und letzten Dingen. Günther Anders’ negative Menschenkunde der Moderne«.
Bue Rübner Hansen ist Postdoc für Soziologie an der Friedrich-Schiller-Universität in Jena. Er setzt sich mit Klassen- und Klimafragen der Gegenwart, kritischer politischer Philosophie und sozialen Bewegungen auseinander. Er schreibt u.a. für das Viewpoint Magazine.
Jonathan Franzen arbeitet als Autor, Essayist und Journalist. Er war langjähriges Mitglied der American Bird Conservancy und erhielt sowohl den EuroNatur Prize als auch den Utah Award im Feld der Umweltwissenschaften für sein Engagement um den Naturschutz.
Helene Bukowski, geboren 1993 in Berlin, studierte Literarisches Schreiben und Lektorieren in Hildesheim. Sie ist Co-Autorin des Dokumentarfilms »Zehn Wochen Sommer«, der 2015 den Grimme Sonderpreis Kultur erhalten hat, und war 2016 zur Autorenwerkstatt Prosa des Literarischen Colloquiums Berlin eingeladen. Sie war Mitherausgeberin der »BELLA triste« und Teil der künstlerischen Leitung des »PROSANOVA 17«. Seit 2018 gibt sie Scheib-Workshops für Kinder und Jugendliche. 2019 erschien ihr Debüt »Milchzähne«.
Julia Grillmayr ist promovierte Kultur- und Literaturwissenschaftlerin und forscht an der Kunstuniversität Linz über das zeitgenössische Schreiben von Zukunftsszenarios im literarischen, philosophischen und futurologischen Kontext. Sie ist außerdem freie Journalistin, gestaltet die Radiosendung »Superscience Me« auf Radio Orange und podcastet für die Uni Wien und die Österreichische Akademie der Wissenschaften.
Heinz Helle studierte Philosophie in München und New York und arbeitet als Schriftsteller. Im Jahr 2013 gewann er beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb den Ernst-Willner-Preis. Er publizierte bisher drei Romane, von denen der zweite »Eigentlich müssten wir tanzen« 2015 für den deutschen Buchpreis nominiert wurde. Helle wohnt in Zürich.
Felix Maschewski ist Literatur-, Kultur- und Wirtschaftswissenschaftler, Research Associate am Institute of Network Cultures (Amsterdam) und lehrte zuletzt an der FU Berlin. Neben seiner akademischen Forschung zum digitalen bzw. kybernetischen Kapitalismus und seinen poetologischen wie polit-ökonomischen Ausprägungen, schreibt er regelmäßig Essays für u.a. die FAS/FAZ, NZZ, Republik, Wirtschaftswoche oder das Philosophie Magazin. 2019 erschien von ihm »Die Gesellschaft der Wearables« (zus. mit Anna-Verena Nosthoff).
Frank Meyer moderiert Sendungen zu literarischen und anderen Themen im Deutschlandfunk Kultur und für den Rundfunk Berlin Brandenburg. Außerdem ist er Kritiker und Featureautor, spezialisiert auf Graphic Novels und Literatur aus Ostdeutschland und Osteuropa. Er hat Literatur-, Sprach- und Theaterwissenschaft in Jena und München studiert.
Vincent Mignerot ist französischer Essayist. Er ist Mitglied der Aesthetics, Art and Science Research Group der René Descartes University und forscht zu den Themen Kollapsologie und Synästhesie. Zuletzt erschien 2020 ein Aufsatz von Mignerot in »L’Effondrement de l’empire humaine: Regards croisés«, das kollektiv gestaltet wurde.
Jason W. Moore ist US-amerikanischer Historiker und Professor für Soziologie an der Binghamton University. Er forscht zu den Themen Umwelt und Kapitalismus und wurde in diesem Zusammenhang 2004 mit dem Alice Hamilton Prize der American Society for Environmental History ausgezeichnet. Moore ist Koordinator des World Ecology Research Network.
Anna-Verena Nosthoff ist Philosophin, politische Theoretikerin, Ko-Direktorin des Data Politics Lab der HU Berlin und Research Associate am Institute of Network Cultures (Amsterdam). Zuletzt erschien ihr Buch »Die Gesellschaft der Wearables. Digitale Verführung und soziale Kontrolle« (gem. mit Felix Maschewski). Für ihre wissenschaftlichen Arbeiten wurde sie u.A. mit dem Surveillance-Studies-Preis ausgezeichnet. Als Publizistin schreibt sie regelmäßig u.A. für die FAS, NZZ, die Republik und Deutschlandfunk Kultur.
Guillaume Paoli ist französischer Schriftsteller, der seine Werke auf Deutsch verfasst. Er war Mitherausgeber der Zeitschrift müßiggangster sowie politisch engagiert in der Gelbwestenbewegung Frankreichs. Zuletzt erschien 2019 von ihm »Soziale Gelbsucht«.
Silja Samerski ist Soziologin und Biologin. Zwischen 1997 und 2002 arbeitete sie als persönliche Assistentin von Ivan Illich, und seit 2018 ist sie als Professorin an der Hochschule Emden/Leer im Bereich Soziale Arbeit und Gesundheit. Sie forscht schwerpunktmässig zu den sozialen und kulturellen Folgen der Digitalisierung des Gesundheitswesens, zum Risikodenken, zur Wirkmacht von Statistik im Alltag und zu lebensweltlicher Gesundheitskompetenz.
Ines Schwerdtner ist Politanalystin und Autorin. Schwerdtner arbeitet aktuell als Chefredakteurin der deutschen Ausgabe des Jacobin-Magazins, einer sozialistischen US-amerikanischen Zeitschrift. Sie ko-moderiert außerdem den Podcast halbzehn.fm.
Nis-Momme Stockmann wurde 1981 auf Föhr geboren. Seit 2009 schreibt er für das Theater. Sein Werk ist vielfach ausgezeichnet und in viele Sprachen übersetzt worden. 2011 erhielt er den Friedrich-Hebbel-Preis, da er «in wenigen Jahren mit seinen Stücken die deutsche Theaterszene belebt» habe, so die Jury. 2014 gewann er den Literaturpreis des Kulturkreises der deutschen Wirtschaft in der Sparte Dramatik, 2015 den Hermann-Sudermann-Preis.
Prof. Dr. Margarita Tsomou ist Kulturwissenschaftlerin und arbeitet von Berlin aus als Autorin, Dramaturgin, Moderatorin und Kuratorin. Sie ist Kuratorin für Theorie und Diskurs am HAU – Hebbel am Ufer in Berlin und gehört zum Gründerinnen- und Herausgeberinnenteam der popfeministischen Zeitschrift „Missy Magazine“. Seit Oktober 2019 ist sie Professorin für „Zeitgenössische Theaterpraxis“ an der Hochschule Osnabrück.
Joseph Vogl ist Professor für Neuere deutsche Literatur, Literatur- und
Kulturwissenschaft/Medien an der Humboldt-Universität zu Berlin und
Permanent Visiting Professor an der Princeton University, USA. Zuletzt
erschienen »Das Gespenst des Kapitals« (2010), »Der Souveränitätseffekt«
(2015), »Senkblei der Geschichten. Gespräche« (2020, zus. mit Alexander
Kluge) und »Kapital und Ressentiment. Eine kurze Theorie der Gegenwart«
(2021).
Raul Zelik arbeitet seit 1992 als freier Autor. Sein 2005 erschienener Roman »Berliner Verhältnisse« wurde für den Deutschen Buchpreis nominiert. Zelik arbeitet u.a. auch als Übersetzer und Sozialwissenschaftler. 2020 erschien von ihm »Wir Untoten des Kapitals. Über politische Monster und grünen Sozialismus«.
Dokumentation
Alle Streams
Am Rand des Zusammenbruchs. Kontroverse Kollapsologie
Mit Jonathan Franzen (zugeschaltet), Vincent Mignerot, Guillaume Paoli und Renaud Cayla (Mod.)
Aufgeklärter Katastrophismus. Das Vermächtnis von Günther Anders, Hans Jonas und Ivan Illich
Mit Christian Dries, Julia Grillmayr und Silja Samerski
Moderation: Guillaume Paoli
Geist der Dystopie
Mit Helene Bukowski, Heinz Helle und Nis-Momme Stockmann
Moderation: Frank Meyer
Kapitalozän. Das Zeitalter des Kapitals
Mit Bue Rübner Hansen, Raul Zelik und Jason W. Moore (zugeschaltet)
Moderation: Ines Schwerdtner
Strategien der Anpassung
Mit Felix Maschewski, Anna-Verena Nosthoff und Joseph Vogl
Moderation: Margarita Tsomou
Pressestimmen
Was Deutschland angeht, liegt allerdings die Gefahr eher auf der verniedlichenden Seite. Bezeichnend ist, dass auf dem sonst so frankophilen Büchermarkt kein einziger der Kollapsologie-Bestseller vorliegt. Offenbar dominiert die Befürchtung, in die Endzeitstimmung der frühen 1980er Jahre zurückzufallen.
Vor lauter Erinnerung an die damalige Waldsterben-Hysterie sieht man nicht, dass heute der Wald tatsächlich stirbt.
Eine immense, vielfältige Gefahr wird zur „Klimakrise“ verkleinert, welche mit der „Verkehrswende“ schmerzlos gelöst werden soll. Dank des Umstiegs auf Elektro bleibt Deutschland führende Autonation und rettet den Planeten obendrein.
Guillaume Paoli am 23.8.2021 im →Tagesspiegel
Die Journalistin Stephanie Rohde bestätigt nach dem Auftaktgespräch am Montag, sie sei durchaus „ein bisschen unruhig geworden, weil einfach viele Annahmen infrage gestellt wurden, zum Beispiel, dass wir mit der ökologischen Wende unseren Lebensstil doch irgendwie beibehalten können.“
Deutschlandfunk Kultur / Fazit, 23.08.2021
→Themenwoche zur Kollapsologie: Naht das Ende der Welt, wie wir sie kennen? Stephanie Rohde im Gespräch mit Sigrid Brinkmann