Die Frage, wie und in welchen Formen von Beziehungen wir miteinander leben wollen, ist aufs Engste verstrickt mit der Frage, wie wir darüber sprechen und schreiben. Wie von Liebe und Freundschaft heute erzählen? Wie mit anderen darüber sprechen, und wie in Literatur und Theorie darüber schreiben? Vor dem Hintergrund zunehmender Entfremdung und Vereinsamung in der Gegenwart gewinnt in jüngerer Zeit das Sprechen, Denken und Schreiben über freundschaftliche und intime Beziehungen an Bedeutung. Handelt es sich um ein Zeichen der Krise oder eher der Lebendigkeit solcher Beziehungen im Spätkapitalismus?
Was steht der Emanzipation und Entfaltung vielfältiger Beziehungsweisen entgegen – sind es die kulturellen Normen, die herkömmlichen Sprechweisen und Sprachregelungen? Oder die Vergleichs- und Wettbewerbszwänge eines ›emotionalen Kapitalismus‹, der auch Liebe und Freundschaft warenförmig zurichtet und die Einzelnen zur Selbstvermarktung anhält?
Wie Freundschaft ist auch Liebe kein zeitloses Gefühl. Sie entsteht in ihrer modernen Form, der romantischen Liebe, erst in der bürgerlichen Gesellschaft, die das Ideal freier, auf gegenseitiger Zuneigung beruhender Bindungen entwirft. Mit dem Glücksversprechen ist bis in die Gegenwart die utopische und emanzipative Hoffnung verbunden, jenen Zwängen und Normen spätkapitalistischer Vergesellschaftung zu entkommen.
Doch wie konstituieren sich in der Gegenwart Freundschaft, Liebe, Begehren und Sexualität? So wie die Befreiung von Liebe und Sexualität aus der Enge heteronormativer Vorstellungen von monogamen Paarbeziehungen unzweifelhaft emanzipatorisch war, so könnte es vielleicht auch die Befreiung des Begehrens aus ihrer zwanghaften Kopplung mit Sexualität sein. Vielleicht ist das Begehren in vielen Fällen ja eher unspezifisch, uneindeutig: ein Schweben oder Schillern zwischen Freundschaft, Flirt, Erotik und Liebe.
Diese Fragen berühren grundlegend die Problematik, ob sich innerhalb der bestehenden Gesellschaft neue Beziehungsweisen entwickeln lassen, die gesellschaftlich produzierte Oppositionen infrage stellen, gesellschaftliche Ordnungen unterlaufen. Dabei geht es auch um Überlegungen, die bereits im Umfeld der 68er-Bewegung virulent waren, wie die, ob Formen von Intimität das repressive Realitätsprinzip zu überwinden vermögen, oder ob sie innerhalb der bestehenden Gesellschaft mit diesem immer schon identisch sind.
In dem Seminar wollen wir ausgewählte Passagen aus literarischen, soziologischen und philosophischen Texten zum Thema lesen und mit den Erfahrungen und dem Wissen der Teilnehmer:innen ins Gespräch bringen.
- Seminar mit zwei Sitzungen: 06.03. und 13.03.2026, jeweils 12:00–16:30 Uhr
- Anmeldung per Mail an campus@lfbrecht.de
- Die Texte werden über einen Reader zur Verfügung gestellt
- Das Seminar gehört zum Programm der LfB School. Hier den Newsletter abonnieren und rechtzeitig über neue Seminare informiert werden
Robin Becker hat Kultur- und Politikwissenschaften sowie Philosophie und Germanistik in Berlin, Lüneburg und Wien studiert. Er war wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Leuphana Universität Lüneburg arbeitet derzeit an einer Promotion im Fach Philosophie an der Freien Universität Berlin. Er hat 2022 den Sammelband »Ästhetik nach Adorno. Positionen zur Gegenwartskunst« mitherausgegeben, ist Lehrbeauftragter an der Universität Greifswald und schreibt für verschiedene Zeitungen.
Michael Hirsch, PD Dr. phil., ist Privatdozent für politische Theorie und Ideengeschichte an der Universität Siegen und lebt als freier Autor in München. Jüngere Veröffentlichungen waren »Durchlöchert den Status Quo! Autonome Zonen, radikale Demokratie und Ökologie« (mit Kilian Jörg), Hamburg 2025; »Kulturarbeit. Progressive Desillusionierung und professionelle Amateure«, Hamburg 2022; »Richtig falsch. Es gibt ein richtiges Leben im falschen«, Hamburg 2019.