Während das internationale Kino mit Werken von Jordan Peele, Nia DaCosta oder Ryan Coogler den Horror längst als schärfste Waffe der Gesellschaftskritik neu positioniert hat, herrscht in Deutschland weitgehend betretenes Schweigen oder intellektuelle Abwehr, von hiesigen Horrorproduktionen fehlt weit und breit jede Spur. Einst prägend, gilt Horror hierzulande bis heute als trivial und randständig und wird, wenn überhaupt, sensationsheischend rezipiert. Dabei leben wir in einer Ära der Verdichtung von Traumasituationen und ihrer allgegenwärtigen Thematisierung (»Trauma-Onslaught«). Man hat das Gefühl, direkt in den Abgrund zu blicken und kaum mehr zwischen Fiktion und Realität unterscheiden zu können. Die Antonio Gramsci zugeschriebene Diagnose der Krisenzeit erscheint aktueller denn je: »Das Alte stirbt und das Neue kann nicht zur Welt kommen: In diesem Interregnum kommt es zu den unterschiedlichsten Krankheitserscheinungen. Es ist die Stunde der Monster«. Doch wer sind die Monster?
Dieses Seminar bricht mit der deutschen Skepsis und fragt: Ist die Abwesenheit des Horrors ein Symptom für die Flucht vor den eigenen, verdrängten Monstern? Liegt der wahre Schrecken nicht in den hegemonialen Ordnungen, die uns als »normal« präsentiert werden? Zwischen patriarchaler Gewalt, kapitalismuskritischen Lesarten und dekolonialen Visionen, fragen wir, was passiert, wenn marginalisierte Figuren im Kino nicht mehr zuerst sterben, sondern selbst Blick und Linse richten.
Mit einer kuratierten Textauswahl, Filmausschnitten und kreativen Übungen setzt sich das Seminar mit der politischen und machtkritischen Dimension von Horror als einem »Dritten Raum« (Homi K. Bhabha) auseinander, in dem Identitäten und Machtverhältnisse nicht nur dargestellt, sondern radikal neu verhandelt werden. Wie lassen sich filmische Bilder »affirmativ sabotieren« (Gayatri Chakravorty Spivak), um rassistische und sexistische Repräsentationen zu dekonstruieren und in Werkzeuge des Widerstands zu überführen?
Das Seminar richtet sich nicht nur an eingefleischte Horrorfans, sondern auch an Horrorscheue, die bisher wenig Berührungspunkte mit dem Genre hatten.
- Seminar mit vier Sitzungen: 08.06., 15.06., 22.06., 29.06, jeweils 16–18:00
- Anmeldung per Mail an campus@lfbrecht.de
- Die Texte werden über einen Reader zur Verfügung gestellt
Nabila Bushra ist Pädagogin und Sozialwissenschaftlerin, hat Soziale Arbeit an der Frankfurt University of Applied Sciences sowie Soziologie an der Universität Bielefeld studiert und forscht zum Verhältnis von Gender, Ökologie und Ökonomie aus einer ökofeministischen Perspektive. Sie lehrt an der Alice Salomon Hochschule Berlin, ist Mitbegründerin und Co-Geschäftsleiterin von Lost Film, wo sie Horrorfilme produziert, dazu publiziert und Veranstaltungen zum Genre organisiert. Außerdem ist sie Mitglied des bildungsLab*.
Farah Bouamar ist Kulturwissenschaftlerin, hat Literaturwissenschaft und Philosophie an der Universität Paderborn studiert, wo sie zu den Themen Gender und Religion forscht. Sie ist Mitbegründerin und Co-Geschäftsleiterin von Lost Film sowie Mitglied des bildungsLab*. Als Autorin und Filmemacherin produziert sie sozialkritische Horrorfilme und widmet sich im Medium des Horrors dem Spannungsfeld von Kultur, Gesellschaft und Politik. Gemeinsam mit Nabila Bushra hat sie die Publikation »Jenseits des Schreckens – Horror, Widerstand und Visionen«, erschienen im Unrast Verlag, veröffentlicht.