The Freezer Door

/ 2020

Ohne sie zu beschönigen, erkundet Mattilda Bernstein Sycamore in ihrem essayistischen Memoir die Gegenwart queerer Urbanität mit all ihren Ambivalenzen. Im Zentrum steht ihr Begehren nach queerer Verbundenheit und die Einsamkeit auf dieser Suche. Sie schreibt über Gentrifizierung, Cruising, Zugehörigkeit und Begehren, mal in kurzen Anekdoten und Gedankenfragmenten, mal weiter ausgeholt. Das Ergebnis ist eine komplexe Auseinandersetzung mit queerem Leben in der Stadt, die gleichermaßen schön und traurig ist.

 

Warum lesen?

Ihre Beobachtungen, durchzogen von Euphorie, Neugierde und Melancholie, sind absolut relatable und werfen die Frage auf, was die Kommodifizierung von Widerständigkeit mit unserem Sehnsüchten macht. Das Buch ist in seiner Form queer und widmet sich gleichzeitig dringlichen Fragen queerer Radikalität – dafür sind auch ihre anderen Werke bekannt.

Auf der Liste:
Unverschämtes Verlangen

Queeres Begehren in der Literatur

Der Aufstand der Sonnenkönigin

/ 1988
La reine soleil levée

Ein Arbeitstag beginnt. Die Minuten rasen dahin. Die Ladungen, die auf ihn warten. Seine besorgten Kunden. Andere Transporteure auf der Lauer. Die Konkurrenz ist hart. Das Elend eines anderen, das Glück eines anderen. So beginnt der Roman von Gérard Etienne mit dem Unglück des integren Transportunternehmers Jo Cannel, der plötzlich erkrankt. Zwischen Cannels Weigerung, sich von der Brutalität dieser Krankheit, die seinen Körper zerfrisst, mitreißen zu lassen, und der Trägheit des medizinischen Systems beschließt Mathilda, Cannels Frau, sich diesem System zu stellen, das von Militärs im Dienste des Großmeisters regiert wird – der nur allzu deutliche Parallelen zu dem Diktator Duvalier aufweist. So lässt uns Etienne den Weg von Mathilda und Jo verfolgen, der sie in Opposition zu dem gesamten politischen Apparat bringt. Etiennes Roman ist eine literarische Hymne, deren Poesie in jedem kurzen und prägnanten Satz lebt. Er ist in einer Sprache geschrieben, die an kreolischen Gesang erinnert. Alles ist Mord und Gewalt in dieser Sprache, die sich jeglicher Künstlichkeit entledigt. mehr

Warum lesen?

Der Roman von Gérard Etienne gehört zu den Werken von Schriftstellern, die Opfer der Diktatur wurden. Indem er das Duvalier-Regime anprangert, enthüllt er die Mechanismen der Macht und des Terrors. Etienne zeigt in dem Roman, wie das Regime die Religion und die damit verbundenen Ängste nutzte, um jede Form des Widerstands niederzuschlagen. Er zeigt außerdem, dass es trotz all dessen zu Widerstand kommen kann.

 

 

Auf der Liste:
Politische Literatur aus Haiti

Deutsche und englische Übersetzungen ausgewählter haititanischer Erzähltexte

Elisabeth. Ein Hitlermädchen

/ 1937/2020

Leitners Jugendroman, der zuerst 1937 als Fortsetzungsgeschichte im Pariser Tageblatt erschien, ist ein typischer Wandlungsroman. Die Heldin Elisabeth ist zunächst begeistert von der nationalsozialistischen ‘Bewegung’ und dem BDM und verliebt sich in einen SA-Mann. Ihr Erwachen beginnt, als sie von ihm schwanger wird, er von ihr den Abbruch der Schwangerschaft verlangt und sie aufs Land zum Arbeiten verschickt wird. Die Autorin unternahm illegale Recherchereisen nach Deutschland und starb 1941 auf der Flucht vor den Nationalsozialisten. In der Darstellung des Lagerlebens und der Ausbildung der Frauen zu Kämpferinnen werden die verschiedenen Haltungen diskursiv verhandelt. Die multiperspektivische Erzählweise wird der Intention aufzuklären und zu eigener Meinungsbildung anzuregen, besonders gut gerecht. Elisabeth begehrt gegen die Lagerverwaltung auf und wird verstoßen. Ob sie sich am Ende für den aktiven Widerstand entscheidet, bleibt offen. Die Neuausgabe ergänzt den Roman um Reportagen der Autorin. mehr

Warum lesen?

Der auf dokumentarischem Material beruhende Jugendroman ist ein Musterbeispiel engagierter Literatur und gibt authentische Einblicke in den Lebensalltag unter dem Nationalsozialismus.

Auf der Liste:
Kinder- und Jugendliteratur des Exils

Literatur als Widerstand

Manja. Ein Roman um fünf Kinder

/ 1938/2014

Fünf Kinder werden 1920 in einer Nacht in den unterschiedlichsten Verhältnissen gezeugt. In einem sozialen Psychogramm stellt Gmeiner einen Querschnitt durch die Gesellschaft dar: Die Familie des arbeitslosen Vertreters und späteren SS-Mannes Anton Meißner, die Familie des klassenbewussten Proletariers Eduard Müller, die großbürgerliche jüdische Familie Hartung, die des liberalen Arztes Ernst Heidemann und die verarmte, alleinerziehende Jüdin Lea, deren älteste Tochter Manja ist. Als einziges Mädchen bildet sie den Mittelpunkt der Kindergruppe, die sich immer heimlich zum Spielen an einer Mauer trifft. Dort, am Rande der Gesellschaft und im „Katzenkorb der Kindheit” (1938, 8) haben die gesellschaftlichen und politischen Verhältnisse keine Macht. Mit Erstarken des Nationalsozialismus bricht der Antisemitismus aber auch in diesen utopischen Ort und damit in die Freundschaft der Kinder ein. Nachdem ein Hitlerjunge Manja zu vergewaltigen versucht, begeht sie Selbstmord. Dieser mehrsträngig erzählte Roman gibt realistische Einblicke in die Alltagsgeschichte und zeigt anhand der Kinderfiguren und oft aus deren Perspektive wie der Nationalsozialismus nach und nach die Herrschaft übernimmt. mehr

Warum lesen?

Eine hellsichtige Gegenwartsanalyse der Autorin verknüpft mit realistischen Kinderfiguren, an denen die gesellschaftlichen Veränderungen ihre Spuren hinterlassen, ohne, dass diese als Opfer gezeigt werden.

Auf der Liste:
Kinder- und Jugendliteratur des Exils

Literatur als Widerstand

Die singenden Bäume

Les arbres musiciens / 1957

In seinem zweiten Roman geht Alexis zurück ins Haiti der Zeit der amerikanischen Besatzung (1915-1934). Im Zentrum stehen die drei Brüder Diogène, Edgard und Carles Osmin.  Während Diogène als katholischer Priester und Edgard als Militär in der Gesellschaft aufsteigen, ist der dritte Bruder, ein Poet, voller Kritik und Ablehnung gegen jene gesellschaftlichen Instanzen und das (bürgerliche) Leben, was diese mit sich bringen. Doch Alexis Aufmerksamkeit gilt nicht der Kritik am bürgerlichen Lebenswandel, vielmehr konzentriert er sich darauf, zu zeigen, wie Militär, Staat und Kirche zusammenwirkten, um die Landbevölkerung unter religiösen Vorwänden zu enteignen und damit den Weg frei für die extensive Kautschukproduktion zu machen. Zugleich geschieht dieser Angriff auf die ruralen Lebensgrundlagen und Glaubensformen nicht ohne Widerstand, angeführt von dem betagten vodou-Priester Bois-d’Orme und Gonaibo, einem Jungen, der von seiner Mutter fern jeglicher sozialen Strukturen aufgezogen wurde und in einer engen Verbindung zur Tier- und Pflanzenwelt steht. In den darauffolgenden Auseinandersetzungen merken Diogène und Edgard erst spät, dass sie in dem Spiel um religiöse Deutungshoheiten und ökonomische Macht nur Spielfiguren sind und, dass die physische und epistemologische Widerstandskraft des ländlichen Raums und ihrer Bewohner:innen größer ist, als erwartet. Trotz und auch dank seiner etwas aus der Zeit gefallenen Sprache (in der Übersetzung) besitzt Alexis Roman eine außergewöhnliche Kraft, kunstvoll, aber nicht reduktionistisch, übt er Kritik an kapitalistischer Interessenpolitik und religiösen Dogmatismus und sucht dabei die Nähe zum Magischen Realismus. mehr

Warum lesen?

Weil Alexis einen materialistischen Blick auf die Zeit der amerikanischen Besatzung Haitis wirft, dabei jedoch nicht in eine nüchterne Analyse verfällt, sondern dem haitianischen Imaginären und seinen Widerstandstraditionen Raum einräumt, damit gewohnte Konstruktionen von Wirklichkeit überschreitet und nach wie vor wirksame Paradigmen von Fortschritt hinterfragt.

 

Auf der Liste:
Politische Literatur aus Haiti

Deutsche und englische Übersetzungen ausgewählter haititanischer Erzähltexte