Elisabeth, ein Hitlermädchen

/ 1937

Maria Leitners (1892–1942) antifaschistischer Roman »Elisabeth, ein Hitlermädchen« ist in mehrerlei Hinsicht außergewöhnlich: Er wurde 1937 in Fortsetzungen in der »Pariser Tageszeitung« veröffentlicht, zu einem Zeitpunkt, zu dem Leitner bereits seit mehreren Jahren im französischen Exil lebte. Anders als die meisten ihrer Kolleg*innen berichtet Leitner in »Elisabeth« jedoch nicht von der Mühsal und den Herausforderungen nach der Flucht aus Deutschland, sondern beschreibt eindringlich die nationalsozialistischen Verhältnisse. Dem Geschilderten kommt dabei eine hohe dokumentarische Qualität zu, denn Leitner war trotz ihrer Gefährdung als jüdische und linke Autorin nach 1933 immer wieder inkognito nach Deutschland gereist, um über die dortigen Arbeitsverhältnisse sowie über Aufrüstung und Giftgasproduktion zu berichten.

Im Zentrum von »Elisabeth, ein Hitlermädchen« steht die junge Angestellte Elisabeth Weber, die zu Beginn noch eine überzeugte Anhängerin des NS ist. Im Verlauf der Handlung wird sie jedoch zum Arbeitsdienst eingezogen und lernt schnell, dass nationalsozialistische Erziehung in erster Linie militärischer Drill und Schikane ist. Im Arbeitslager trifft sie auch auf eine Vielzahl von Frauen mit unterschiedlichsten sozialen und politischen Hintergründen. Sie alle – von Elisabeth über die bürgerliche Studentin Lilli bis hin zur sozialistischen Arbeiterin Hilde – werden sich schlussendlich zusammentun und eine Revolte gegen die drakonische Lageraufseherin Frl. Kuczinsky anzetteln. Dabei bilden sie eine durch und durch heterogene Gemeinschaft, die sich markant vom nationalsozialistisch-völkischen Kollektiv unterscheidet. mehr

Warum lesen?

In »Elisabeth, ein Hitlermädchen« erfolgt der Zusammenschluss der aufständischen Lagergemeinschaft im Dialog der Figuren. Dadurch gelingt die literarische Herstellung eines ebenso diversen wie inklusiven politisch wirksamen Kollektivs, was schließlich auch ermöglicht, das antifaschistische Figurenarsenal durch neue Akteurinnen zu bereichern. Darüber hinaus widmet sich Leitner Themen, die zum Teil selbst von der historischen Forschung erst seit kurzem bearbeitet werden: So berichtet sie nicht nur von Arbeitsdienst und Zwangssterilisation, sondern auch von weiblicher Täter*innenschaft im NS.

[Stephanie Marx]

Auf der Liste: Antifaschistische deutschsprachige Literatur (1918-1945)