#Stalinismus
Dein unbekannter Bruder
/ 1952»Dein unbekannter Bruder« wurde 1937 parallel in mehreren Exilverlagen veröffentlicht. Inhaltlich und zeitlich schließt er an Bredels 1934 veröffentlichten Roman »Die Prüfung« an, das literarische Zeugnis seiner vierzehnmonatigen Schutzhaft im Hamburger KZ Fuhlsbüttel.
Die Handlung umfasst die Zeit zwischen November 1934 und 1935, die Hauptschauplätze sind Hamburg und Berlin. Souverän zwischen den Innenperspektiven seiner Figuren wechselnd, erzählt der Roman vom konspirativen, von der verbotenen KPD koordinierten antifaschistischen Widerstand in Form einer Geschichte von Helden und Schurken: Ein Verräter in den eigenen Reihen liefert Genoss*innen an die Gestapo aus, bis er am Ende enttarnt wird. Den politischen Kern des Romans bildet die Debatte um die Volksfront: Ganz im Sinne des VII. Weltkongresses der Komintern vom August 1935 vollziehen Kommunisten und Sozialdemokraten am Ende den Schulterschluss gegen den Faschismus. Der Roman endet daher siegesgewiss. Allerdings hat er merklich Mühe, die Widersprüche zu überdecken, die sich ergeben, wenn man einerseits die Dimitroff-These vertritt und das Bild einer nahezu geschlossen antifaschistischen Arbeiterklasse zeichnet, andererseits aber auch den breiten Rückhalt für den Nationalsozialismus in der deutschen Bevölkerung konstatieren muss, der sich im Roman etwa an der Saarabstimmung zeigt, bei der 90 Prozent für den Anschluss an das nationalsozialistische Deutschland stimmten. mehr
Warum lesen?
Willi Bredel verkörpert wie kaum ein anderer den Typus des operativen Schriftstellers im antifaschistischen Kampf. Sein Schreiben ist von seiner eigenen KZ-Haft-Erfahrung und von Berichten aus erster Hand informiert. Er will aber nicht nur dokumentieren, sondern wirken: »Mut, Arnold, Mut!«, ruft die Erzählstimme am Ende ihrem Protagonisten zu. Dessen Entwicklung wird als erfolgreiche Überwindung von Weichheit, Zweifeln und Angst geschildert. »Dein unbekannter Bruder« ist damit nicht nur ein Dokument der leidvollen Erfahrungen des antifaschistischen Kampfes, sondern auch und vor allem ein Dokument seiner fatalen Illusionen. Wer den Roman heute desillusioniert liest, kann daraus viel über die Ursachen für die Niederlage der deutschen Arbeiterbewegung lernen.
[Lukas Betzler]
Die Gronauer Akten
/ 1954Auf Gut Gronau wird ein SA-Mann ermordet. Günther Geismar, wie der Autor in der Wandervogel-Jugend sozialisierter Bildungsbürger, wird als Sonderermittler im Dienst der NSDAP mit der Aufklärung des Falls beauftragt. Schnell gerät der Parteigenosse in ein unübersichtliche Beziehungsgestrüpp von SA und SS, einem Gutsherren, der auf eigene Rechnung arbeitet, und dem Hauslehrer Berger, der sich am Ende als KPD-Genosse auf »Urlaub«, also ohne Parteiauftrag dort, erweist. Der Schöngeist Geismar interessiert sich aber eigentlich mehr für die »Gronauer Akten«, die im Archiv der Pfarrei liegen und von einem mittelalterlichen Hexenprozess erzählen. Er verheddert sich in den Niederungen seines Falls, Hexenverfolgung und politisch instrumentalisierte Ermittlungsarbeit überlagern sich und Geismar muss begreifen, dass er seine humanistischen Ideale über Bord werfen muss, wenn er im Sinne der Macht bestehen will. So endet er als Kommandant eines KZ.
Alfred Kurella schreibt den Roman 1936 in Moskau, nachdem er ins Visier der stalinistischen Säuberungen geraten ist. So soll ihm dieser Roman über innere Widersprüche in NS-Deutschland und die schwierige Arbeit der KPD zu neuer Reputation verhelfen. Subkutan gerät ihm aber auch eine Art Selbstportrait, denn zu sehr gleichen sich biografischer Hintergrund und Charakterzüge Geismars und Kurellas. So zeigt sich an dem Roman vielleicht auch das subversive Eigenleben künstlerischer Arbeit, denn er wirft auch einen interessanten Blick auf die zerstörerische Situation des Individuums, das in seinen Grundhaltungen in Widerspruch zu der Gruppe (Partei) gerät, mit der allein er wirksam für seine Ziele arbeiten kann. Gedruckt wird er nicht. Kurellas Bruder Heinrich wird 1937 in Moskau zum Tode verurteilt und hingerichtet. Erst ein Jahr nach Stalins Tod erschien der Roman in der DDR. mehr
Warum lesen?
Der Roman konterkariert das Bild des Nationalsozialismus als eines durchorganisierten und geschlossenen Herrschaftssystems und zeigt innere Widersprüche, wo sie sich am ehesten entfalten konnten: weit weg von Berlin auf dem Land. Einen besonderen Reiz hat der Roman für jene, die sich für Alfred Kurellas ambivalente Rolle in der Kulturpolitik der DDR interessieren.
[Detlef Grumbach]