Überbitten

/ 2017

Man muss Unorthodox nicht unbedingt gelesen haben. Bestseller hin oder her. Und die merkwürdig bemühte Netflix-Adaption macht auch nicht direkt Lust auf die Lektüre. Aber Feldmans zweite autobiografische Erzählung hat in ihrer deutschen Fassung trotz ihres Umfangs von mehr als 700 Seiten etwas sehr Faszinierendes. Nicht nur, weil so viel mehr drinsteht als in der schmalen Version „Exodus“ für den amerikanischen Markt. „Überbitten“ ist in vielerlei Hinsicht beachtenswert, insbesondere mit Blick auf das Verhältnis zu Deutschland und auf den Umgang mit geerbten Rachegefühlen. Was macht eine junge Mutter aus ultraorthodoxem Haus, der man als Kind zum Einschlafen vorgesungen hat „nimm nekume ojf dejn mames blut“ (Nimm Rache für deiner Mutter Blut), wenn sie sich ein neues Leben im Land der Täter*innen einrichtet? Wie viele Anläufe braucht es, um eine ‚unbelastete‘ Liebesbeziehung mit einem Deutschen zu führen? Der Text wird nach hinten raus vielleicht ein bisschen arg versöhnlich und bildungsromanig: Die Erzählerin hat eine Entwicklung durchgemacht und erfolgreich ihre Ressentiments gewilhelmmeistert. Aber das ungeschminkte Vermessen der privaten wie kollektiven Gefühlslandschaften mitsamt der zahlreichen Literaturverweise lohnt die Lektüre allemal.

 

Warum lesen

Weil weibliche Stimmen im literarischen Universum jüdischer Rache eine Seltenheit sind und Rachegefühle nachweislich auch in der dritten Generation fortwirken.

Bester Satz: „Nazis hatten in meiner Kindheit eine übermäßige Rolle gespielt.“

[ssch]

Auf der Liste:
Jüdische Rache

Auf der Suche nach Gerechtigkeit in der Literatur nach 1945

Mein ist die Rache

/ 1943

Genau genommen fällt die erste Empfehlung auf der Liste gleich mal aus dem Rahmen, denn die Novelle erschien bereits 1943. Umso beachtlicher ist es, wie Friedrich Torberg, ein österreichischer Jude im amerikanischen Exil, in seinem Text über ein fiktives Konzentrationslager lange vor Kriegsende und dem Bekanntwerden des ganzen Ausmaßes der deutschen Verbrechen die Frage nach dem „Danach“ stellt. In „Mein ist die Rache“ hat der sadistische Lagerkommandant Wagenseil seine besondere Freude daran, die jüdischen Gefangenen so lange zu quälen bis sie sich mit einem bereitliegenden Revolver das Leben nehmen. Intensiv wird in der Baracke darüber diskutiert, wie man sich als Jude im Angesicht von Grausamkeit und Gewalterfahrung richtig verhalten soll: selbst handeln oder auf Gottes Rache vertrauen? Als einer der Gefangenen den Revolver benutzt, um Wagenseil zu erschießen, gelingt ihm daraufhin auch die Flucht aus dem Lager. Doch sein Gewissen lässt ihm keine Ruhe, denn Rache ist dem gläubigen Juden verboten und als Rache deutet er seine Tat. In der bangen Hoffnung, er möge nicht der einzige Überlebende sein, sitzt er Tag für Tag am Pier von New Jersey und beobachtet die Schiffe.

 

Warum lesen

Weil kaum ein anderer literarischer Text sich so früh mit der ethisch-religiösen Dimension jüdischer Rache für die Shoah beschäftigt hat und weil Erstleser wie Arnold Schönberg oder Willi S. Schlamm der Meinung waren, „alle Deutschen“ (Schönberg) müssten dieses Buch lesen bzw. es müsse als „Zwangslektüre“ (Schlamm) in der Schule auferlegt werden.

Bester Satz: „Ich heiße Joseph Aschkenasy.“

[ssch]

Auf der Liste:
Jüdische Rache

Auf der Suche nach Gerechtigkeit in der Literatur nach 1945