#Propaganda
»Deutsche Hörer!« Radiosendungen nach Deutschland
/ 1940-1945Im Oktober 1940 sendete die BBC über ihren Deutschen Dienst die erste von fast 60 Reden Thomas Manns. »Deutsche Hörer!« – so begann jede Ansprache, die er monatlich aus dem US-amerikanischen Exil an seine Landsleute richtete, um ihnen die Monstrosität der Nationalsozialisten vor Augen zu führen und sie dazu zu bewegen, den Krieg zu beenden. Überzeugt davon, dass es einem Schriftsteller seines Ranges nicht gestattet sei, die Politik von der Kunst zu trennen, sah er in den Radiosendungen vor allem einen »moralischen Gewissensdienst«.
Die Anfrage der BBC bot dem prominenten Schriftsteller Mann Gelegenheit, mit seinem deutschen Publikum, das im Krieg keinen Zugang mehr zu seinen Büchern hatte, verbunden zu bleiben – zumindest mit denjenigen, die sich vom Verbot, den »Feindsender« einzuschalten, nicht einschüchtern ließen.
Mit Mann engagierte die BBC einen wortmächtigen Intellektuellen, an dessen Gegnerschaft zu Hitler kein Zweifel bestand. Schließlich hatte der Nobelpreisträger einen großen Teil seines Vermögens, seine deutsche Staatsbürgerschaft sowie die Möglichkeit zur Veröffentlichung seiner Bücher verloren und war damit selbst Opfer des Regimes geworden.
Neben dem Wunsch, in den Köpfen seiner deutschen Leserschaft präsent zu bleiben, boten die Radiosendungen Thomas Mann Gelegenheit, seinen Hass auf die Nationalsozialisten in die Welt zu rufen. Dementsprechend heißt es in einem Brief an Agnes Meyer vom 28. April 1942: »Ich kann mir nicht helfen: Es tut doch wohl, Hitler so recht ins Gesicht hinein einen blödsinnigen Wüterich zu nennen.« Seine scharfzüngigen Attacken gegen Hitler durchziehen die Reden wie ein roter Faden, und je länger der Krieg dauerte, desto polemischer wurde auch sein Ton.
Mann ging es mit seinem Botschaften vor allem darum, der Lügenpropaganda der Nazis eine Stimme der Wahrheit entgegenzusetzen und so sprach er schon im September 1941 von der Judenverfolgung; berichtete im Januar 1942 von der Tötung holländischer Juden durch Vergasung und vom Grauen der Konzentrationslager, von Auschwitz und Majdanek und schonte seine Hörer nicht. Immer wieder drängte er seine Hörer mit flammenden Appellen zur Selbstbefreiung, zu einer »demokratischen Revolution von innen«.
Als dann im Mai 1945 die Kapitulation Deutschlands erfolgt war, forderte Thomas Mann seine Landsleute auf, den Sieg als Leistung der Alliierten anzuerkennen und ihn als Stunde der Rückkehr zur Menschlichkeit zu betrachten.
Doch neben diesen versöhnlicheren Tönen gab es auch andere: Denn die Radiosendungen adressieren auch die kollektive Schuld und Verantwortung des deutschen Volkes – ein Grund für die bisweilen heftige Ablehnung, mit der deutsche Intellektuelle nach 1945 auf Thomas Mann reagierten. mehr
Warum lesen?
Die »Deutsche Hörer!« -Sendungen sind ein herausragendes Beispiel für das politische Engagement Thomas Manns im Kampf gegen Faschismus. Zu Unrecht führten die Rundfunktexte – neben seinen berühmten Romanen – lange ein Schattendasein, Erzählungen und Essays. Es lohnt sich, Thomas Mann von einer weniger bekannten Seite kennenzulernen und seine sprachliche Virtuosität auch in den BBC-Reden zu bewundern.
[Sonja Valentin]
Professor Mamlock
/ 1933In seinem 1933 erschienenen Theaterstück »Professor Mamlock« zeigt Friedrich Wolf das Chaos nach dem Reichstagsbrand und wie die Nationalsozialisten durch emotionale Manipulation und Wortverdrehung schnell die Macht ergreifen können. Der angesehene jüdische Chirurg Mamlock, der sich als Kriegsveteran in Sicherheit wähnt, verliert durch die »Gesetze zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums« über Nacht seine Klinik. Auch seine Familie ist davon betroffen: Seine Tochter Ruth wird aus der Schule ausgeschlossen und gedemütigt, während sein Sohn Rolf sich den Kommunisten anschließt. Generationenkonflikte und die drängende Frage, wie man sich verhält, wenn die Grenzen zwischen Legalität und Willkür verschwimmen, prägen das Stück.
Mamlocks blindes Vertrauen in Wissenschaft und Nation verdeutlicht die Ohnmacht der Vernunft, denn die Nazis brauchen keine Logik, schließlich lebt ihr System von Hass. Indem Wolf die NS-Propaganda wörtlich wiedergibt, vertraut er darauf, dass ihre Absurdität von selbst sichtbar wird. mehr
Warum lesen?
Weil das Stück präzise die Ereignisse von 1933 und die Reaktionen verschiedener gesellschaftlicher Milieus in kurzer Form einfängt und damit besonders lehrreich ist. Weil es in einer Zeit, in der Fakten ignoriert und Emotionen instrumentalisiert werden, die drängende Frage nach Widerstand und Verantwortung stellt.
[Margot Desplanches]