Die Götter müssen sterben

/ 2021

Nora Bendzko hat mit ihrem Verlagsdebüt bei Droemer Knaur einen blutigen, kraftvollen, facettenreichen Roman über Amazonen in der Zeit des Trojanischen Kriegs verfasst. Als Amazonen den verhassten Ehemann der Hellenin Areto töten, schließt diese sich ihnen an. Obwohl sie keine Kriegerin ist und oft in der Düsternis ihrer eigenen Seele versinkt, wird sie von Artemis auserwählt, die Amazonen in ein neues Zeitalter zu führen – wenn Troja erst gefallen ist, werden es die Amazonen sein, die endlich herrschen. Nach und nach finden Aretos Verbündete heraus, dass Göttern nicht zu trauen ist. mehr

„Die Götter müssen sterben“ ist einer der Eckpfeiler der Progressiven Phantastik: Der kritische Blick auf Patriarchat, aber auch auf ein Matriarchat, das ebenfalls Krieg und Versklavung über seine Feind*innen bringt, ergänzt sich zur brutalen, kompromisslosen, klugen, modernen Adaption einer alten Sage um weibliches Empowerment.

 

Warum lesen

Bendzko gelingt es, antike Motive direkt in die Gegenwart zu erzählen und dabei die Waage zwischen feministischer Power-Fantasy und machtkritischem Hintersinn zu halten. Das klassische Setting der griechischen Mythologie hat zudem sowohl Schau- als auch Wiedererkennungswert und lässt Leser*innen das Neue inmitten des Altbekannten noch einmal mehr wertschätzen.

Auf der Liste:
Progressive Phantastik

Originär deutschsprachige politische Fantasy und Science-Fiction

Toni und Moni

/ 2017

Toni und Moni sind Protagonisten eines Heimatromans – ein Mann und eine Frau mitten in der wunderschönen Natur, eine Liebe, ein Dorf, das feiert – allerdings ganz ohne Sicherheitsgurt und Trugbilder. Da bleibt nicht viel Idylle übrig. Der ganz normale Alltagsfaschismus, das Patriarchat, die patriotische Selbstverliebtheit in großartigen Metaphern und Bildern zu zeigen – so wuchtig und brachial hat noch niemand Österreich (und gern auch die ganze alpenländische Kitschblase) zusammengefasst. Manchmal ist es heftig, wie Piuk da die Idylle demontiert, wenn sie Trunksucht, Fleischkonsum, Herrenmenschentum, Faschismus, sexuelle Gewalt etc. als das benennt, was es ist; gelebte Tradition, akzeptierte Kultur, patriarchaler Alltag. Piuk zoomt gnadenlos auf die hässlichsten Stellen an der Unterseite Österreichs. Dass nebenbei auf der Metaebene die Autorin mit der Verlegerin kommuniziert, die ihr so manche Kitschorgie abverlangt, kommt da als urkomische Abwechslung ganz recht. mehr

 

Warum lesen

Weil Lachen selten so abrupt im Hals steckenbleibt. Sozialkritik kompakt und witzig, wenn man nicht gerade weinen muss.

Auf der Liste:
Das Politische im Privaten – österreichische Autorinnen

Wie kommt das Salz ins Meer?

/ 1977

Ein Klassiker, der seinen beschwerlichen aber erfolgreichen Weg gemacht hat und die Autorin ist auf der Strecke geblieben. Die Protagonistin schleppt sich durch ein bürgerliches Leben mit Ehe, Betrug, Abtreibung, Verletzungen und Enttäuschungen. Für mich beschreibt Brigitte Schwaiger den Wahnsinn der Anforderungen, die in den 1960ern an Frauen gestellt wurden (und immer noch werden); hinter all den gesellschaftlichen Konventionen ist nichts als Abwertung und Ausbeutung der Frauen spürbar. Der herablassende Blick der Patriarchen auf die Protagonistin ist bis in die Jetztzeit spürbar und zeitlos. Die Nazizeit ist schon vorbei, sie wird nicht besprochen, und doch ist sie gespenstisch greifbar. Für mich war das Buch ein Erweckungserlebnis. Es ist voller bösartiger Preziosen, die wie ein feministischer, antifaschistischer, reich bestückter Setzkasten funktionieren. mehr

Warum lesen

Grandiose Aufweckerliteratur! Es lohnt sich auch, sich mit der Rezeption der Autorin auseinanderzusetzen. Sie war eine Pionierin, die zu früh zu viel Erfolg hatte, und eine der ersten Nachkriegsautorinnen im deutschsprachigen Raum, die medial unglaublich gehyped wurden, was einen großen Druck auf Brigitte Schwaiger ausgeübt hat.

Wer glaubt, es ist feministisch alles erledigt, wird hier neu gepolt, auch, oder gerade, weil das Buch aus den 70ern ist. Der Bewusstseinsstrom ist voller tagesaktueller Wahrheiten und Ungeheuerlichkeiten, die nebenbei wirklich süffig zu lesen sind. Auch die Körperlichkeit kommt nicht zu kurz. Ein Text, der spürbar macht, was Literatur kann.

Auf der Liste:
Das Politische im Privaten – österreichische Autorinnen