#NS
»Nach Mitternacht«
/ 1937Irmgard Keun zeigt in diesem Roman (von 1937), wie eine Hybridgattung – Kriminalroman und Exilliteratur – bis heute seine Wirkung nicht verfehlt und als Sozialstudie gelesen werden kann. Die naiv anmutende Perspektive der neunzehnjährigen Sanna zeigt uns ihr Privatleben und das gesellschaftliche Umfeld. Es ist repräsentativ für das Alltagsleben der Menschen in NS-Deutschland nach 1933, in der Provinz an der Mosel, aber auch in Köln und Frankfurt. Von sozialer Ungleichheit, Profitdenken und extremer Gewaltbereitschaft geprägt, herrscht eine Atmosphäre der Angst. Gegenseitige Überwachung, Denunziation und Bigotterie des Kleinbürgertums werden durch Sannas emotionalen und unverstellten Blick schlüssig offenbart. Ohne Absicht ist sie hochpolitisch, antifaschistisch, subversiv und entblößt die Lächerlichkeit der NS-Ideologie.
Heini, Intellektueller und ehemaliger Journalist, mutiert infolge der Zensur nicht zum Schriftsteller der Literatur der Innerlichkeit, sondern schweigt lieber und ergänzt Sannas Perspektive, indem er in vielen Dialogen voller Ironie, sarkastisch und zynisch die politische Situation rational analysiert. Die Verzahnung beider Perspektiven führt zu enormer Spannung, absurden Situationen und Situationskomik. mehr
Warum lesen?
Verpackt in eine Liebesgeschichte handelt es sich um einen spannenden, filmreifen, gesellschaftskritischen Krimi und antifaschistischen Exilroman, ohne das Exil selbst zu beschreiben: Sanna flieht mit ihrem Verlobten Franz mit dem Zug nach Mitternacht – dabei ist es schon längst »Nach Mitternacht« für die deutsche Gesellschaft.
[Simela Delianidou]
Der Abgrund
/ 1936Oskar Maria Graf hält sich nach dem 24. Februar 1933 zu einer Lesereise in Wien auf. Die Stadt sollte danach seine erste Exilstation werden. Zwei Tage nach dem Scheitern des Februar-Aufstands der Wiener Arbeiter gegen die Regierung Dollfuß flieht er zusammen mit seiner Lebensgefährtin Mirjam Sachs am 16. Februar 1934 aus Österreich über Bratislava nach Brünn (Tschechoslowakei). Dort wird er bis zu seiner Ausreise in die USA 1938 leben.
1934, im Exil in Brünn, arbeitete Graf an dem Zeitroman »Der Abgrund«, der zwei Jahre später im Malik Verlag in London und in der Verlags-Genossenschaft ausländischer Arbeiter in der UdSSR erschien. Den Nukleus des Romans bilden die Erfahrungen, die er in seinem Wiener Jahr 1933/34 machte, und durch die er seine Enttäuschung über das Scheitern einer Einheitsfront gegen den Nationalsozialismus verarbeitete.
Der Roman behandelt die Zeitspanne von 1930 bis in die Wirren des Wiener Arbeiteraufstands 1934 und stellt den Nationalsozialismus am Beispiel der Münchener Familie Hochegger dar. Die divergierenden Positionen zwischen Sozialdemokratie und Kommunismus zeigen sich anhand unterschiedlicher Familienmitglieder.
Grafs Ziel war es, mit der kritischen, literarischen Darstellung der Ereignisse zur antifaschistischen Einheitsfront beizutragen. 1956 überarbeitete er den Roman und gab ihm den neuen Titel »Die gezählten Jahre«. Dieser Fassung (posthum 1976 veröffentlicht) fehlt die hoffnungsvolle Geste vom Schluss der Erstfassung. mehr
Warum lesen?
Der Roman enthält eine gelungene Mischung aus faktualen und fiktionalen Elementen, mit denen der Einbruch der historischen Katastrophe 1933 aufgegriffen wird. Graf rief sein Publikum im Exil zur produktiven Auseinandersetzung mit Differenzen auf. Was im Roman geschieht, so seine Intention, soll von der Leserschaft fortgesetzt werden, allerdings als vielstimmiger Dissens, der zur Gemeinschaftlichkeit neigt, so wie es radikale Demokratietheorien heute formulieren.
[Waldemar Fromm]
Elisabeth, ein Hitlermädchen
/ 1937Maria Leitners (1892–1942) antifaschistischer Roman »Elisabeth, ein Hitlermädchen« ist in mehrerlei Hinsicht außergewöhnlich: Er wurde 1937 in Fortsetzungen in der »Pariser Tageszeitung« veröffentlicht, zu einem Zeitpunkt, zu dem Leitner bereits seit mehreren Jahren im französischen Exil lebte. Anders als die meisten ihrer Kolleg*innen berichtet Leitner in »Elisabeth« jedoch nicht von der Mühsal und den Herausforderungen nach der Flucht aus Deutschland, sondern beschreibt eindringlich die nationalsozialistischen Verhältnisse. Dem Geschilderten kommt dabei eine hohe dokumentarische Qualität zu, denn Leitner war trotz ihrer Gefährdung als jüdische und linke Autorin nach 1933 immer wieder inkognito nach Deutschland gereist, um über die dortigen Arbeitsverhältnisse sowie über Aufrüstung und Giftgasproduktion zu berichten.
Im Zentrum von »Elisabeth, ein Hitlermädchen« steht die junge Angestellte Elisabeth Weber, die zu Beginn noch eine überzeugte Anhängerin des NS ist. Im Verlauf der Handlung wird sie jedoch zum Arbeitsdienst eingezogen und lernt schnell, dass nationalsozialistische Erziehung in erster Linie militärischer Drill und Schikane ist. Im Arbeitslager trifft sie auch auf eine Vielzahl von Frauen mit unterschiedlichsten sozialen und politischen Hintergründen. Sie alle – von Elisabeth über die bürgerliche Studentin Lilli bis hin zur sozialistischen Arbeiterin Hilde – werden sich schlussendlich zusammentun und eine Revolte gegen die drakonische Lageraufseherin Frl. Kuczinsky anzetteln. Dabei bilden sie eine durch und durch heterogene Gemeinschaft, die sich markant vom nationalsozialistisch-völkischen Kollektiv unterscheidet. mehr
Warum lesen?
In »Elisabeth, ein Hitlermädchen« erfolgt der Zusammenschluss der aufständischen Lagergemeinschaft im Dialog der Figuren. Dadurch gelingt die literarische Herstellung eines ebenso diversen wie inklusiven politisch wirksamen Kollektivs, was schließlich auch ermöglicht, das antifaschistische Figurenarsenal durch neue Akteurinnen zu bereichern. Darüber hinaus widmet sich Leitner Themen, die zum Teil selbst von der historischen Forschung erst seit kurzem bearbeitet werden: So berichtet sie nicht nur von Arbeitsdienst und Zwangssterilisation, sondern auch von weiblicher Täter*innenschaft im NS.
[Stephanie Marx]
Unsere Töchter, die Nazinen
/ 1935Hermynia Zur Mühlen, die im April 1933 aus Deutschland mit ihrem jüdischen Partner nach Wien geflohen war, setzte sich mit ihren Werken für Kinder und Erwachsene für eine gerechtere Welt ein. In »Unsere Töchter, die Nazinen« lässt die Autorin drei ältere Frauen aus unterschiedlichen sozialen Schichten zu Wort kommen, eine Arbeiterin und Anhängerin der sozialistischen Partei, eine Gräfin, die ebenfalls den Sozialist*innen nahesteht und eine mit einem nationalsozialistisch eingestellten Arzt verheiratete Frau. Alle drei haben Töchter, die sich, zumindest zeitweise, den Nazis anschließen. Jede der drei Frauen erlebt die politische Situation in Deutschland unterschiedlich: die Bücherverbrennungen, der Antisemitismus, die Gewalt und die »Arisierungen« werden so in den drei Figurenperspektiven reflektiert. Angetrieben wird das Erzählen von der Frage, warum sich die Töchter dem Nationalsozialismus zuwenden. Hermynia zur Mühlen beweist in diesem Roman ihre politische Weitsicht, zeigt aber auch, anhand der Ehefrau des Arztes, wie Kränkungen, Neid und zwischenmenschliche Probleme dazu führen können, sich einer menschenverachtenden Politik zuzuwenden. mehr
Warum lesen?
Obwohl das Buch als spannende Fiktion zu lesen ist, gibt die Autorin einen tiefen und zeitgenössischen Einblick in die Entstehung und frühe Zeit des Nationalsozialismus und zeigt, wie eine Nähe zur nationalsozialistischen Ideologie – oft unreflektiert – entstehen kann.
[Susanne Blumesberger]
Professor Mamlock
/ 1933In seinem 1933 erschienenen Theaterstück »Professor Mamlock« zeigt Friedrich Wolf das Chaos nach dem Reichstagsbrand und wie die Nationalsozialisten durch emotionale Manipulation und Wortverdrehung schnell die Macht ergreifen können. Der angesehene jüdische Chirurg Mamlock, der sich als Kriegsveteran in Sicherheit wähnt, verliert durch die »Gesetze zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums« über Nacht seine Klinik. Auch seine Familie ist davon betroffen: Seine Tochter Ruth wird aus der Schule ausgeschlossen und gedemütigt, während sein Sohn Rolf sich den Kommunisten anschließt. Generationenkonflikte und die drängende Frage, wie man sich verhält, wenn die Grenzen zwischen Legalität und Willkür verschwimmen, prägen das Stück.
Mamlocks blindes Vertrauen in Wissenschaft und Nation verdeutlicht die Ohnmacht der Vernunft, denn die Nazis brauchen keine Logik, schließlich lebt ihr System von Hass. Indem Wolf die NS-Propaganda wörtlich wiedergibt, vertraut er darauf, dass ihre Absurdität von selbst sichtbar wird. mehr
Warum lesen?
Weil das Stück präzise die Ereignisse von 1933 und die Reaktionen verschiedener gesellschaftlicher Milieus in kurzer Form einfängt und damit besonders lehrreich ist. Weil es in einer Zeit, in der Fakten ignoriert und Emotionen instrumentalisiert werden, die drängende Frage nach Widerstand und Verantwortung stellt.
[Margot Desplanches]
Zehn Millionen Kinder. Die Erziehung der Jugend im Dritten Reich
/ 1938Unter dem Titel »School for Barbarians« war dieses Buch 1938 drei Monate nach Erscheinen in den USA ein Bestseller (40.000 Exemplare). Ausgangspunkt und Anlass für die gründlichen Recherchen war Erika Manns Vortragstätigkeit in Volkshochschulen, Women's Clubs, Kirchen und Wohlfahrtsorganisationen seit 1937. Für ihre Mission, die amerikanische Öffentlichkeit von der Gefährlichkeit des Faschismus zu überzeugen, arbeitet Mann mit Zitaten aus Hitlers »Mein Kampf«, aus Erlassen für Schule und Unterricht, aus Lehrerbegleitheften für den »Rasse- und Wehrkundeunterricht«, aus der »Fibel« und aus dem »Stürmer«. Diese Dokumentation bindet sie in fiktionale, aber durch Erzählungen von Menschen aus Deutschland geformte Kinderleben und Kinderperspektiven ein. Das aufrüttelnde und zugleich aufklärerische Potential der Darstellung von Familie, Schule und Jugend im »Dritten Reich« ist bis heute ungebrochen. mehr
Warum lesen?
Meine erschreckendste Einsicht aus diesem Buch lautet: »Das alles also lag 1937 vollkommen offen zu Tage und konnte jede*r jederzeit zur Kenntnis nehmen!?« Der Text zeigt in seiner Kombination aus Fakten und Fiktion (faction) bis heute zugleich systematisch, detailliert und unendlich emphatisch, wie faschistische Herrschaftsstrukturen funktionieren und wie sie das Individuum infiltrieren und angreifen, um es zu zerstören.
[Wiebke von Bernstorff]
Transit
/ 1947Der Roman handelt von der transitorischen Situation von Flüchtlingen in Form eines dialogischen Monologs: Ein Ich, dessen wahren Namen man nicht erfährt, erzählt einem ebenso anonymen Du in der Hafenstadt Marseille, einer Zwischenstation auf der Flucht vor dem Nationalsozialismus 1940/41, von den kafkaesken Mühen, Transitvisa zu beschaffen. Anna Seghers schrieb den Roman selbst in einem Raum des Transits während ihrer Flucht in Marseille, den Pyrenäen und auf einem Schiff nach Martinique. Er wurde 1944 auf Englisch und Spanisch veröffentlicht, 1947 auf Deutsch. Der Roman ist auch in seiner literarischen Form den Flüchtlingen gewidmet, ihrer flüchtigen Zeit – »flüchtig« ist das hervorstechendste Adjektiv des Texts – und ihrer ephemeren Rolle im Räderwerk der herrschenden Verhältnisse, dem dennoch zarte Bande der Solidarität und der Sorge entgegengesetzt werden. Nicht zuletzt verbinden sich in einer Liebesgeschichte mythische Figuren der Wiederkehr und der Identitätsvertauschung mit der radikalen Gegenwärtigkeit unaustauschbarer historischer Umstände. mehr
Warum lesen?
In höchster Intensität rüstet uns »Transit« für die Bedrohungen aktueller Faschismen und bringt die heutige Gefangenschaft nicht nur von Migrant:innen in einer scheinbar unentrinnbaren Gegenwart ästhetisch auf den Punkt. In dieser Verbindung von Wiederkehr und historischer Konkretion liegt seine atemberaubende Gegenwärtigkeit.
[Florian Kappeler]