Flowers for Hitler

/ 1964

Leonard Cohen dürfte den meisten Menschen vor allem wegen seiner balladenhaften Musik und seiner Doppelbass-Stimmlage bekannt sein. Ursprünglich war Cohen aber ein Lyriker, der die Gitarre seinen eigenen Angaben nach nur darum in die Hand nahm, weil die Leute auf diese Weise endlich seiner Lyrik Aufmerksamkeit schenkten. Auch deutsche Lyriker*innen können ein Lied davon singen. Der Gedichtband „Flowers for Hitler“ aus dem Jahr 1964 widmet sich der Frage nach der Intimität zwischen Opfer und Täter, einer Verbindung, auf die Cohen nicht reagiert, indem er den Tätern Rosen auf den Weg streut, sondern ihnen einen ganzen Blumenstrauß reicht. Sicherlich sind es weiße Lilien.

 

Warum lesen

Weil Leonard Cohen viel zu oft als Dichter tiefsinniger Liebeslieder und viel zu selten als Verfasser wehrhafter Lyrik wahrgenommen wird. Und weil Rache manchmal auch bedeuten kann, die Intimität, die zwischen Täter und Opfer entsteht, abzubilden und zu unterlaufen.

[mc]

Auf der Liste:
Jüdische Rache

Auf der Suche nach Gerechtigkeit in der Literatur nach 1945

Gedichte einer schönen Frau

/ 1983

Auf 128 Seiten zeigen die Gedichte der Performance-Künstlerin, Aktivistin und Autorin Guy St. Louis einen Einblick in West-Berlins lesbisches Leben der frühen 1980er. Kämpferisch, ungefiltert und kraftvoll schreibt sie über ihr Lesbischsein, ihr Schwarzsein und ihr Begehren aus dieser Position heraus. Selbstbewusst, kinky und taff.

 

Warum lesen?

Ohne den Rassismus und die Homofeindlichkeit der BRD kleinreden zu wollen, finde ich es wichtig zu betonen, dass rassifizierte Queers nicht nur existiert haben, sondern handlungsfähig waren und eine Legacy hinterlassen haben, aus der wir heute sehr viel Kraft und Inspiration schöpfen können – insbesondere, wenn es darum geht, mit einer Selbstverständlichkeit zu einem Begehren zu stehen, welches nicht allen schmeckt.

Auf der Liste:
Unverschämtes Verlangen

Queeres Begehren in der Literatur

Rot. Zwei Romane in Versen

/ 2019
Autobiography of Red: A Novel in Verse

Der heranwachsende Geryon fühlt sich wie ein Freak, ein Monster, ganz in Rot, schreibt er in sein Notizbuch, das er mit dem Titel „Autobiography“ versehen hat. Und dann verliebt er sich auch noch in den Fuckboy Herakles. Die kanadische Dichterin, Essayistin und Altphilologin Anne Carson schreibt die griechische Antike in zeitgenössische Verse – und macht den schwindelerregenden Zustand der Pubertät samt erster Liebe und Identitätskrise spürbar. In der deutschen Übersetzung werden zwei Romane zusammengeführt: The Autobiography of Red ist Geryons Coming-of-Age-Geschichte, in der sich der Outsider verknallt und ganz außer sich ist. Im zweiten Teil kommt Red Doc>, eine Fortsetzung, die 40 Jahre später spielt und in seiner Erzählform noch experimenteller wird. Carson schafft es immer wieder, das erotische Paradox, also das Zusammenspiel von Genuss und Schmerz, von Süße und Bitterkeit, von Liebe und Hass, auf neue Arten zu erzählen.

 

Warum lesen

Wenn ich über queere Literatur als Genre nachdenke, ist Anne Carson einer der ersten Namen, die mir durch den Kopf gehen. Es ist nicht nur ihr experimenteller Stil der lyrischen Prosa, sondern das Hijacken der griechischen Mythologie, die zwar viel Queerness in sich trägt, aber in Carsons Werk durch die zeitgenössische Sprache viel mehr Spaß macht.

Auf der Liste:
Unverschämtes Verlangen

Queeres Begehren in der Literatur

Laute Paare

/ 2002

Der Prosa- und Lyrikband zeigt, was Sprache alles kann. Ihre lautmalerischen Listen und Wortspiele, ihre Kammerspiele und Kulissen nehmen erotische und kriminologische Szenen aufs Korn, sind aber auch todernste Installationen und Stimmungsbilder aus Beziehungen. Zum Vorlesen, Anstacheln, und nebenbei auch als Material für Schreibübungen. Schockierend, inspirierend und komisch und höchst unanständig. mehr

 

Warum lesen

Nicht viel fragen, einfach darauf einlassen. Großes Kino auf wenigen Seiten!

Auf der Liste:
Das Politische im Privaten – österreichische Autorinnen