#Justizwillkür
Die Gronauer Akten
/ 1954Auf Gut Gronau wird ein SA-Mann ermordet. Günther Geismar, wie der Autor in der Wandervogel-Jugend sozialisierter Bildungsbürger, wird als Sonderermittler im Dienst der NSDAP mit der Aufklärung des Falls beauftragt. Schnell gerät der Parteigenosse in ein unübersichtliche Beziehungsgestrüpp von SA und SS, einem Gutsherren, der auf eigene Rechnung arbeitet, und dem Hauslehrer Berger, der sich am Ende als KPD-Genosse auf »Urlaub«, also ohne Parteiauftrag dort, erweist. Der Schöngeist Geismar interessiert sich aber eigentlich mehr für die »Gronauer Akten«, die im Archiv der Pfarrei liegen und von einem mittelalterlichen Hexenprozess erzählen. Er verheddert sich in den Niederungen seines Falls, Hexenverfolgung und politisch instrumentalisierte Ermittlungsarbeit überlagern sich und Geismar muss begreifen, dass er seine humanistischen Ideale über Bord werfen muss, wenn er im Sinne der Macht bestehen will. So endet er als Kommandant eines KZ.
Alfred Kurella schreibt den Roman 1936 in Moskau, nachdem er ins Visier der stalinistischen Säuberungen geraten ist. So soll ihm dieser Roman über innere Widersprüche in NS-Deutschland und die schwierige Arbeit der KPD zu neuer Reputation verhelfen. Subkutan gerät ihm aber auch eine Art Selbstportrait, denn zu sehr gleichen sich biografischer Hintergrund und Charakterzüge Geismars und Kurellas. So zeigt sich an dem Roman vielleicht auch das subversive Eigenleben künstlerischer Arbeit, denn er wirft auch einen interessanten Blick auf die zerstörerische Situation des Individuums, das in seinen Grundhaltungen in Widerspruch zu der Gruppe (Partei) gerät, mit der allein er wirksam für seine Ziele arbeiten kann. Gedruckt wird er nicht. Kurellas Bruder Heinrich wird 1937 in Moskau zum Tode verurteilt und hingerichtet. Erst ein Jahr nach Stalins Tod erschien der Roman in der DDR. mehr
Warum lesen?
Der Roman konterkariert das Bild des Nationalsozialismus als eines durchorganisierten und geschlossenen Herrschaftssystems und zeigt innere Widersprüche, wo sie sich am ehesten entfalten konnten: weit weg von Berlin auf dem Land. Einen besonderen Reiz hat der Roman für jene, die sich für Alfred Kurellas ambivalente Rolle in der Kulturpolitik der DDR interessieren.
[Detlef Grumbach]