#Hitlerjugend
Die Geschichte des Hitlerjungen Adolf Goers
/ 1947Der Protagonist Adolf Goers kommt aus der Bündischen Jugend, arbeitet im Bekleidungsgeschäft eines jüdischen Inhabers und geht lediglich auf äußeren Druck in die HJ. Die klare Struktur von Befehl und Gehorsam, die körperliche Schinderei und die regelmäßigen »Saufabende« schrecken ihn ab. Aus der Not heraus will er aufsteigen, um dem größten Druck zu entgehen. Schnell gerät er ins Zentrum von Intrigen und Machtspielen und erfährt, was es bedeutet, »seine Sterne im Bett« zu verdienen. Sex und Macht sind hier zwei Seiten einer Medaille. Doch lernt der heterosexuelle Adolf auch einen um etliche Stufen höherstehenden schwulen Führer kennen, der nicht in das vorgezeichnete Muster passt und ein Bild davon vermittelt, was echte schwule Liebe bedeuten kann.
Seit der Jahrhundertwende nutzen Sozialisten und Kommunisten die herrschenden Vorurteile gegen Homosexuelle als politisches Argument, konstruieren einen Zusammenhang von Homosexualität und Faschismus und sprechen im Exil sogar von der NSDAP als »Bewegung der Homosexuellen«. Wer in dieser Situation ein humanistisches Bild schwuler Liebe zeigen will, kommt um das übermächtige Stereotyp vom »schwulen Nazi« nicht herum. So muss Siemsen (1891–1969) es erst bedienen, wenn er ihm etwas entgegensetzen will. Er vermittelt eine interessante, in Ich-Form präsentierte, auf Authentizität angelegte und deshalb teils auch naiv wirkende Innenansicht der Hitlerjugend und spiegelt zugleich die ausweglose Situation, in die Schwule wie er durch den Opportunismus ihrer Genoss:innen gebracht werden. mehr
Warum lesen?
Ein literarisches Vergnügen bereitet dieser Roman nicht. Aber neben einer wenig schmeichelhaften Innenansicht der Hitlerjugend aus Perspektive eines »Mitläufers« zeigt er die mächtige Wirkungsweise des konstruierten Zusammenhangs zwischen Homosexualität und Faschismus. Wer sich heute noch fragt, woher in manchen linken und antifaschistischen Kreisen eine tiefsitzende Abneigung gegenüber schwulen Männern kommt, findet hier deutliche Hinweise. Man muss allerdings die entsprechenden Zeitumstände dabei »mitlesen« (Kurt Tucholskys »Röhm« und Klaus Manns »Homosexualität und Faschismus« sind insofern vielleicht aussagekräftiger.)
[Detlef Grumbach]