Furcht und Elend des Dritten Reiches

/ 1970
Uraufführung 1938

»Furcht und Elend des Dritten Reiches« stellt Brechts direkteste dramatische Konfrontation mit dem Faschismus dar. Während »Arturo Ui« dessen (»aufhaltsamen«) Aufstieg mit hintergründiger Allegorie entlarvt und »Frau Carrar« die Entscheidungsfrage des Widerstandes stellt, besteht dieses Stück aus einer Reihe von zwei Dutzend »(Schreckens-)Szenen« aus NS-Deutschland. 1937–38 in Zusammenarbeit mit Margarete Steffin entstanden, basiert es auf Zeitungs- und Zeugenberichten, die die beiden im dänischen Exil aus dem knapp 60 km entfernten Deutschland erreichten.

Diese Szenen, die in Auswahl und beliebiger Reihenfolge von Amateur:innen gespielt werden können, sind Paradebeispiele eines eingreifenden, zeitgenössischen Theaters und wurden schon vor 1945 in London, New York, Moskau, Paris und vor Frontsoldaten in Leningrad inszeniert. mehr

Warum lesen?

Die Szenen »Rechtsfindung«, »Die jüdische Frau« und »Der Spitzel« zählen zum Beklemmendsten und Bewegendsten, was im Brecht-Kreis je geschrieben wurde; selten sind die Alternativen von Kollaboration, Selbstverrat und Solidarität so schonungslos dargelegt worden. Brecht und Steffin bohren hier unter die Oberfläche des Alltags, um die kommunikativen Strukturen menschlichen Zusammenlebens freizulegen. Justiz, Religion, Ehe, Erziehung, Wirtschaft und Wissenschaft werden mit klinischem Blick gemustert, um aufzuzeigen, wie sie sich – vom faschistischen Virus befallen – zersetzen und sich das Gewebe der Gesellschaft auflöst. Die Ergebnisse sind soziologisch exakt, menschlich erschütternd und unerbittlich aktuell.

[Noah Willumsen]

Auf der Liste: Antifaschistische deutschsprachige Literatur (1918-1945)

Unsere Straße. Eine Chronik

/ 1947
Erstveröffentlicht 1936 in Prag

Der Tatsachenroman »Unsere Straße« von Jan Petersen (recte Hans Schwalm) gilt als der einzige antifaschistische Text, der während der NS-Zeit in Deutschland verfasst und unter großer Gefahr außer Landes geschmuggelt wurde. Erste Ausschnitte des Textes wurden bereits 1935 in Paris veröffentlicht, der Roman erschien erstmals 1936 in Prag, zeitgleich also zur in NS-Deutschland stattfindenden Olympiade.

Der Roman hebt darauf ab, eine »authentische« Schilderung der Verhältnisse, insbesondere der Gleichschaltung, und des antifaschistischen Widerstands in NS-Deutschland zu liefern und er steht in der Tradition linker »Straßenromane« seit Klaus Neukrantz »Barrikaden am Wedding« (1930) und Willi Bredels »Rosenhofstraße« (1931). Bei der Lektüre wird schnell klar, dass es sich um den Text eines KPD-Kaders handelt, was sich etwa in der Darstellung der vergreisten und eher ahnungslosen SPD-Genoss*innen niederschlägt. Dennoch findet sich in der Figurenrede durchaus eine Kritik an der Sozialfaschismusthese und Sozialdemokrat*innen gelten denn auch prinzipiell als Genoss*innen im gemeinsamen Kampf gegen den deutschen Faschismus. Doch nicht nur der Entstehungsgeschichte, sondern auch dem episoden- und anekdotenhaften Schreibstil ist es geschuldet, dass der Text eine Sogwirkung entfaltet. Auf wenigen Seiten werden kurze, häufig äußerst spannende oder bestürzende Begebenheiten aus dem (stets politischen) Alltag des Ich-Erzählers und seiner Genoss*innen geschildert. Die schwer erträgliche Passage, in der ein Mithäftling Erich Mühsams über dessen Demütigungen, Misshandlungen und Folter im Konzentrationslager berichtet, bleibt eindrücklich in Erinnerung. mehr

Warum lesen?

Durch seine Entstehungsgeschichte ist »Unsere Straße« ein besonderes literarisches Zeugnis des antifaschistischen Kampfes. Der Roman zeigt eindrücklich, was mit den politischen Gegner*innen passiert ist, als der Staatsapparat in die Hände der (deutschen) Faschisten fällt – und damit, was die Weltöffentlichkeit ab 1936, dem Jahr der Olympiade in Berlin, über NS-Deutschland hätte wissen können. Ein großes Verdienst des Textes ist es, den heute kaum mehr bekannten Kommunist*innen aus dem Widerstand zu gedenken und diese in kurzen, wertschätzenden Charakterisierungen nahbar zu machen.

 

[Sebastian Schweer]

Auf der Liste: Antifaschistische deutschsprachige Literatur (1918-1945)