»Nach Mitternacht«

/ 1937

Irmgard Keun zeigt in diesem Roman (von 1937), wie eine Hybridgattung – Kriminalroman und Exilliteratur – bis heute seine Wirkung nicht verfehlt und als Sozialstudie gelesen werden kann. Die naiv anmutende Perspektive der neunzehnjährigen Sanna zeigt uns ihr Privatleben und das gesellschaftliche Umfeld. Es ist repräsentativ für das Alltagsleben der Menschen in NS-Deutschland nach 1933, in der Provinz an der Mosel, aber auch in Köln und Frankfurt. Von sozialer Ungleichheit, Profitdenken und extremer Gewaltbereitschaft geprägt, herrscht eine Atmosphäre der Angst. Gegenseitige Überwachung, Denunziation und Bigotterie des Kleinbürgertums werden durch Sannas emotionalen und unverstellten Blick schlüssig offenbart. Ohne Absicht ist sie hochpolitisch, antifaschistisch, subversiv und entblößt die Lächerlichkeit der NS-Ideologie.

Heini, Intellektueller und ehemaliger Journalist, mutiert infolge der Zensur nicht zum Schriftsteller der Literatur der Innerlichkeit, sondern schweigt lieber und ergänzt Sannas Perspektive, indem er in vielen Dialogen voller Ironie, sarkastisch und zynisch die politische Situation rational analysiert. Die Verzahnung beider Perspektiven führt zu enormer Spannung, absurden Situationen und Situationskomik. mehr

Warum lesen?

Verpackt in eine Liebesgeschichte handelt es sich um einen spannenden, filmreifen, gesellschaftskritischen Krimi und antifaschistischen Exilroman, ohne das Exil selbst zu beschreiben: Sanna flieht mit ihrem Verlobten Franz mit dem Zug nach Mitternacht – dabei ist es schon längst »Nach Mitternacht« für die deutsche Gesellschaft.

[Simela Delianidou]

Auf der Liste: Antifaschistische deutschsprachige Literatur (1918-1945)