Mein ist die Rache

/ 1943

Genau genommen fällt die erste Empfehlung auf der Liste gleich mal aus dem Rahmen, denn die Novelle erschien bereits 1943. Umso beachtlicher ist es, wie Friedrich Torberg, ein österreichischer Jude im amerikanischen Exil, in seinem Text über ein fiktives Konzentrationslager lange vor Kriegsende und dem Bekanntwerden des ganzen Ausmaßes der deutschen Verbrechen die Frage nach dem „Danach“ stellt. In „Mein ist die Rache“ hat der sadistische Lagerkommandant Wagenseil seine besondere Freude daran, die jüdischen Gefangenen so lange zu quälen bis sie sich mit einem bereitliegenden Revolver das Leben nehmen. Intensiv wird in der Baracke darüber diskutiert, wie man sich als Jude im Angesicht von Grausamkeit und Gewalterfahrung richtig verhalten soll: selbst handeln oder auf Gottes Rache vertrauen? Als einer der Gefangenen den Revolver benutzt, um Wagenseil zu erschießen, gelingt ihm daraufhin auch die Flucht aus dem Lager. Doch sein Gewissen lässt ihm keine Ruhe, denn Rache ist dem gläubigen Juden verboten und als Rache deutet er seine Tat. In der bangen Hoffnung, er möge nicht der einzige Überlebende sein, sitzt er Tag für Tag am Pier von New Jersey und beobachtet die Schiffe.

 

Warum lesen

Weil kaum ein anderer literarischer Text sich so früh mit der ethisch-religiösen Dimension jüdischer Rache für die Shoah beschäftigt hat und weil Erstleser wie Arnold Schönberg oder Willi S. Schlamm der Meinung waren, „alle Deutschen“ (Schönberg) müssten dieses Buch lesen bzw. es müsse als „Zwangslektüre“ (Schlamm) in der Schule auferlegt werden.

Bester Satz: „Ich heiße Joseph Aschkenasy.“

[ssch]

Auf der Liste:
Jüdische Rache

Auf der Suche nach Gerechtigkeit in der Literatur nach 1945

Die Perlmutterfarbe. Ein Kinderroman für fast alle Leute

/ 1937/1995

Der allegorisch erzählte Schulroman hat selbst eine im Vorwort präsentierte Fluchtgeschichte. “Josef, dem edlen Schmuggler” ist das Buch gewidmet, der 1939 zunächst die Autorin und einige Wochen später ihr Manuskript aus der von den Deutschen besetzten Tschechei nach Polen schleuste. Der in Wien situierte Roman erzählt sozialpsychologisch fundiert von der Entstehung einer Feindschaft zwischen zwei Parallelklassen einer Schule und deren finaler Auflösung. Die Ereignisse werden durch einen neuen Mitschüler ins Rollen gebracht, der sich eine Machtposition in der Klasse sichern will. Wie Nachbarn plötzlich zu Feinden werden und wie diese Prozesse den einzelnen Menschen in Mitleidenschaft ziehen, ihn korrumpieren und welche persönlichen und sozialen Möglichkeiten zur Konfliktlösung es geben kann, zeigt Jokl in einem spannend erzählten Soziogramm. Die Verbindung von historischer Situiertheit (s. Vorwort) und allegorischer Erzählweise (die Ereignisse könnten jederzeit überall stattfinden) macht den Text besonders empfehlenswert mehr

Warum lesen?

Wer auf der Suche nach einer differenzierten und zugleich spannend erzählten Alternative zu “Die Welle” ist, greife zu diesem “Kinderroman für fast alle Leute”

Auf der Liste:
Kinder- und Jugendliteratur des Exils

Literatur als Widerstand

Insu Pu

/ hebräisch 1948/dt. 1951

Mira Lobes Robinsonade entstand zuerst in Palästina im Exil. In der deutschen Fassung, die sie 1951 in Wien schrieb, hat sie den zeitgeschichtlichen Kontext des II. Weltkriegs und der Kindertransporte jüdischer Kinder auf der Flucht vor dem Nationalsozialismus verallgemeinert und fiktionalisiert. Das Schiff einer Gruppe Kinder, die auf der Flucht vor dem Krieg von ihren Eltern in ein anderes Land verschickt werden, läuft auf eine Mine und sinkt. Die 11 Kinder, die sich auf eine Insel retten können, sind ein soziales Spiegelbild der gesellschaftlichen Verhältnisse, aus denen sie jeweils stammen. Sie überwinden diese ‘Klassenverhältnisse’ und etablieren eine Art demokratischen Kinderstaat, was nicht ohne Konflikte um die Macht erfolgt. Im Zielland der Flucht glaubt nur ein Junge nicht an den Tod der Kinder. Er macht sich gegen alle Widerstände der Erwachsenen auf die (letztendlich) erfolgreiche Suche nach den geflüchteten Kindern. mehr

Warum lesen?

Sozialpsychologisch differenzierte Darstellung von Gemeinschaftsbildungsprozessen und ihren Hürden und Chancen; dabei spannend und einfühlsam erzählt.

Auf der Liste:
Kinder- und Jugendliteratur des Exils

Literatur als Widerstand

Vier spanische Jungen

/ 1938/1987

Am 16. Juni 1937 hatten sich mitten im spanischen Bürgerkrieg Vier spanische Jungen aus einem von franquistischen Truppen besetzten Dorf zu den Internationalen Brigaden durchgeschlagen. Rewalds Kinderroman geht auf diesen Vorfall zurück und ist ein Auftragswerk der Internationalen Brigaden. Die 1942 in Auschwitz ermordete Autorin reiste aus dem Pariser Exil nach Spanien und lernte die vier Jungen in einem Kinderheim der Republikaner kennen. Der Roman beginnt und endet mit dem Blick auf und den Gedanken der spanischen und der ‘internationalen’ Väter an die Kinder. Der Wunsch nach einer demokratischen und freiheitlichen Erziehung und Umwelt für die Kinder rahmt und bestimmt die Erzählung vom zunächst erfolgreichen Kampf für die Republik in einem Dorf. Die in der Villa des geflohenen Bürgermeisters gegründete Schule wird maßgeblich von den Kindern selbst umgebaut und gestaltet. Als die franquistischen Truppen dann doch wieder die Oberhand gewinnen, dürfen die Kinder nicht mehr in die Schule gehen. Stattdessen versuchen die vier Jungen, durch das nächtliche Klauen von Kohlen auf den Minenfeldern ihre Mütter und Geschwister zu unterstützen. Dabei geraten sie unversehens zwischen die Fronten. mehr

Warum lesen?

Der einzige deutschsprachige und zeitgenössische Kinderroman aus dem spanischen Bürgerkrieg eröffnet eine in weiten Teilen aus Sicht der Kinder erzählte Perspektive auf die politische und pädagogische Bedeutung der Kämpfe. Bei aller Ernsthaftigkeit humorvoll und empathisch.

Auf der Liste:
Kinder- und Jugendliteratur des Exils

Literatur als Widerstand

Die Kinder aus Nr. 67 (Die Kinderodyssee)

/ 2004-5

Tetzners neunbändige Kinderodyssee beginnt im Berlin Anfang der 1930er Jahre. Die Geschichten um die Arbeiterkinder Erwin und Paul und ab dem zweiten Band auch um Mirjam, einer jüdischen Waise, die zu ihrer Tante ins Haus Nr. 67 zieht, sind inspiriert von den Gesprächen mit Berliner Kindern, die Tetzner als Redakteurin und Moderatorin der Kinderstunde des Berliner Rundfunks in ihrer Sendung führte. Beginnt der erste Band noch ganz als Arbeiterkinder- und Freundschaftsgeschichte (Erwin und Paul), zeichnen sich im zweiten Band (Das Mädchen aus dem Vorderhaus) bereits die Polarisierungen durch den kurz bevorstehenden Sieg der Nationalsozialisten ab. Ab dem dritten Band und mit der Wahl der Nationalsozialisten (Erwin kommt nach Schweden) trennen sich die Wege der Kinder mehr

Erwin flüchtet mit seinem sozialdemokratischen Vater über Paris ins schwedische und später ins englische Exil, von wo aus er im Krieg als Soldat nach Deutschland zurückkehrt (Als ich wiederkam, Bd. 8). Mirjam flüchtet mit ihrer Tante nach Paris und reist dann weiter mit einem Schiff in Richtung USA. Dem Flüchtlingsschiff wird in keinem Hafen die Einfahrt erlaubt, bis es schließlich aufgrund eines Erdbebens sinkt (Das Schiff ohne Hafen, Bd. 4). Eine Kindergruppe, darunter Mirjam und das ihr anvertraute Baby Ruth, kann sich auf eine Insel retten (Die Kinder auf der Insel, Bd. 5). Als sie nach vielen Wochen gefunden und geborgen werden, bringt sie ein Kriegsschiff nach New York, wo Mirjams amerikanisches Abenteuer beginnt (Mirjam in Amerika, Bd. 6). Der siebte Band behandelt die Geschichte Pauls, der in Berlin bleibt und dort das Kriegsende erlebt (War Paul schuldig?). Den letzten Band der Reihe (Der neue Bund) schreibt Tetzner noch 1944/45 im Schweizer Exil. Hier kommen die Kinder nach dem Krieg noch einmal zusammen. Tetzner begleitete mit dieser Reihe die tatsächlichen Entwicklungen zwischen 1933-45 und fand in einem sowohl psychologisch einfühlsamen als auch zur Reflexion anregenden Stil eine kinderliterarische Antwort auf die menschenverachtende Politik des Nationalsozialismus.

Warum lesen?

Weil hier das Interesse an den Kinder(figuren) und der Wille zur Aufklärung stilistisch und inhaltlich gleichermaßen einen differenzierten Ausdruck findet. Wer sich einmal auf die Welt der Kinder aus Nr. 67 eingelassen hat, will nicht mehr aufhören zu lesen. Versprochen!

Auf der Liste:
Kinder- und Jugendliteratur des Exils

Literatur als Widerstand