#Faschismus
Transit
/ 1947Der Roman handelt von der transitorischen Situation von Flüchtlingen in Form eines dialogischen Monologs: Ein Ich, dessen wahren Namen man nicht erfährt, erzählt einem ebenso anonymen Du in der Hafenstadt Marseille, einer Zwischenstation auf der Flucht vor dem Nationalsozialismus 1940/41, von den kafkaesken Mühen, Transitvisa zu beschaffen. Anna Seghers schrieb den Roman selbst in einem Raum des Transits während ihrer Flucht in Marseille, den Pyrenäen und auf einem Schiff nach Martinique. Er wurde 1944 auf Englisch und Spanisch veröffentlicht, 1947 auf Deutsch. Der Roman ist auch in seiner literarischen Form den Flüchtlingen gewidmet, ihrer flüchtigen Zeit – »flüchtig« ist das hervorstechendste Adjektiv des Texts – und ihrer ephemeren Rolle im Räderwerk der herrschenden Verhältnisse, dem dennoch zarte Bande der Solidarität und der Sorge entgegengesetzt werden. Nicht zuletzt verbinden sich in einer Liebesgeschichte mythische Figuren der Wiederkehr und der Identitätsvertauschung mit der radikalen Gegenwärtigkeit unaustauschbarer historischer Umstände. mehr
Warum lesen?
In höchster Intensität rüstet uns »Transit« für die Bedrohungen aktueller Faschismen und bringt die heutige Gefangenschaft nicht nur von Migrant:innen in einer scheinbar unentrinnbaren Gegenwart ästhetisch auf den Punkt. In dieser Verbindung von Wiederkehr und historischer Konkretion liegt seine atemberaubende Gegenwärtigkeit.
[Florian Kappeler]
Furcht und Elend des Dritten Reiches
/ 1970»Furcht und Elend des Dritten Reiches« stellt Brechts direkteste dramatische Konfrontation mit dem Faschismus dar. Während »Arturo Ui« dessen (»aufhaltsamen«) Aufstieg mit hintergründiger Allegorie entlarvt und »Frau Carrar« die Entscheidungsfrage des Widerstandes stellt, besteht dieses Stück aus einer Reihe von zwei Dutzend »(Schreckens-)Szenen« aus NS-Deutschland. 1937–38 in Zusammenarbeit mit Margarete Steffin entstanden, basiert es auf Zeitungs- und Zeugenberichten, die die beiden im dänischen Exil aus dem knapp 60 km entfernten Deutschland erreichten.
Diese Szenen, die in Auswahl und beliebiger Reihenfolge von Amateur:innen gespielt werden können, sind Paradebeispiele eines eingreifenden, zeitgenössischen Theaters und wurden schon vor 1945 in London, New York, Moskau, Paris und vor Frontsoldaten in Leningrad inszeniert. mehr
Warum lesen?
Die Szenen »Rechtsfindung«, »Die jüdische Frau« und »Der Spitzel« zählen zum Beklemmendsten und Bewegendsten, was im Brecht-Kreis je geschrieben wurde; selten sind die Alternativen von Kollaboration, Selbstverrat und Solidarität so schonungslos dargelegt worden. Brecht und Steffin bohren hier unter die Oberfläche des Alltags, um die kommunikativen Strukturen menschlichen Zusammenlebens freizulegen. Justiz, Religion, Ehe, Erziehung, Wirtschaft und Wissenschaft werden mit klinischem Blick gemustert, um aufzuzeigen, wie sie sich – vom faschistischen Virus befallen – zersetzen und sich das Gewebe der Gesellschaft auflöst. Die Ergebnisse sind soziologisch exakt, menschlich erschütternd und unerbittlich aktuell.
[Noah Willumsen]