#Einheitsfront
Der Abgrund
/ 1936Oskar Maria Graf hält sich nach dem 24. Februar 1933 zu einer Lesereise in Wien auf. Die Stadt sollte danach seine erste Exilstation werden. Zwei Tage nach dem Scheitern des Februar-Aufstands der Wiener Arbeiter gegen die Regierung Dollfuß flieht er zusammen mit seiner Lebensgefährtin Mirjam Sachs am 16. Februar 1934 aus Österreich über Bratislava nach Brünn (Tschechoslowakei). Dort wird er bis zu seiner Ausreise in die USA 1938 leben.
1934, im Exil in Brünn, arbeitete Graf an dem Zeitroman »Der Abgrund«, der zwei Jahre später im Malik Verlag in London und in der Verlags-Genossenschaft ausländischer Arbeiter in der UdSSR erschien. Den Nukleus des Romans bilden die Erfahrungen, die er in seinem Wiener Jahr 1933/34 machte, und durch die er seine Enttäuschung über das Scheitern einer Einheitsfront gegen den Nationalsozialismus verarbeitete.
Der Roman behandelt die Zeitspanne von 1930 bis in die Wirren des Wiener Arbeiteraufstands 1934 und stellt den Nationalsozialismus am Beispiel der Münchener Familie Hochegger dar. Die divergierenden Positionen zwischen Sozialdemokratie und Kommunismus zeigen sich anhand unterschiedlicher Familienmitglieder.
Grafs Ziel war es, mit der kritischen, literarischen Darstellung der Ereignisse zur antifaschistischen Einheitsfront beizutragen. 1956 überarbeitete er den Roman und gab ihm den neuen Titel »Die gezählten Jahre«. Dieser Fassung (posthum 1976 veröffentlicht) fehlt die hoffnungsvolle Geste vom Schluss der Erstfassung. mehr
Warum lesen?
Der Roman enthält eine gelungene Mischung aus faktualen und fiktionalen Elementen, mit denen der Einbruch der historischen Katastrophe 1933 aufgegriffen wird. Graf rief sein Publikum im Exil zur produktiven Auseinandersetzung mit Differenzen auf. Was im Roman geschieht, so seine Intention, soll von der Leserschaft fortgesetzt werden, allerdings als vielstimmiger Dissens, der zur Gemeinschaftlichkeit neigt, so wie es radikale Demokratietheorien heute formulieren.
[Waldemar Fromm]