Überbitten

/ 2017

Man muss Unorthodox nicht unbedingt gelesen haben. Bestseller hin oder her. Und die merkwürdig bemühte Netflix-Adaption macht auch nicht direkt Lust auf die Lektüre. Aber Feldmans zweite autobiografische Erzählung hat in ihrer deutschen Fassung trotz ihres Umfangs von mehr als 700 Seiten etwas sehr Faszinierendes. Nicht nur, weil so viel mehr drinsteht als in der schmalen Version „Exodus“ für den amerikanischen Markt. „Überbitten“ ist in vielerlei Hinsicht beachtenswert, insbesondere mit Blick auf das Verhältnis zu Deutschland und auf den Umgang mit geerbten Rachegefühlen. Was macht eine junge Mutter aus ultraorthodoxem Haus, der man als Kind zum Einschlafen vorgesungen hat „nimm nekume ojf dejn mames blut“ (Nimm Rache für deiner Mutter Blut), wenn sie sich ein neues Leben im Land der Täter*innen einrichtet? Wie viele Anläufe braucht es, um eine ‚unbelastete‘ Liebesbeziehung mit einem Deutschen zu führen? Der Text wird nach hinten raus vielleicht ein bisschen arg versöhnlich und bildungsromanig: Die Erzählerin hat eine Entwicklung durchgemacht und erfolgreich ihre Ressentiments gewilhelmmeistert. Aber das ungeschminkte Vermessen der privaten wie kollektiven Gefühlslandschaften mitsamt der zahlreichen Literaturverweise lohnt die Lektüre allemal.

 

Warum lesen

Weil weibliche Stimmen im literarischen Universum jüdischer Rache eine Seltenheit sind und Rachegefühle nachweislich auch in der dritten Generation fortwirken.

Bester Satz: „Nazis hatten in meiner Kindheit eine übermäßige Rolle gespielt.“

[ssch]

Auf der Liste:
Jüdische Rache

Auf der Suche nach Gerechtigkeit in der Literatur nach 1945

Laute Paare

/ 2002

Der Prosa- und Lyrikband zeigt, was Sprache alles kann. Ihre lautmalerischen Listen und Wortspiele, ihre Kammerspiele und Kulissen nehmen erotische und kriminologische Szenen aufs Korn, sind aber auch todernste Installationen und Stimmungsbilder aus Beziehungen. Zum Vorlesen, Anstacheln, und nebenbei auch als Material für Schreibübungen. Schockierend, inspirierend und komisch und höchst unanständig. mehr

 

Warum lesen

Nicht viel fragen, einfach darauf einlassen. Großes Kino auf wenigen Seiten!

Auf der Liste:
Das Politische im Privaten – österreichische Autorinnen