#Antisemitismus
Furcht und Elend des Dritten Reiches
/ 1970»Furcht und Elend des Dritten Reiches« stellt Brechts direkteste dramatische Konfrontation mit dem Faschismus dar. Während »Arturo Ui« dessen (»aufhaltsamen«) Aufstieg mit hintergründiger Allegorie entlarvt und »Frau Carrar« die Entscheidungsfrage des Widerstandes stellt, besteht dieses Stück aus einer Reihe von zwei Dutzend »(Schreckens-)Szenen« aus NS-Deutschland. 1937–38 in Zusammenarbeit mit Margarete Steffin entstanden, basiert es auf Zeitungs- und Zeugenberichten, die die beiden im dänischen Exil aus dem knapp 60 km entfernten Deutschland erreichten.
Diese Szenen, die in Auswahl und beliebiger Reihenfolge von Amateur:innen gespielt werden können, sind Paradebeispiele eines eingreifenden, zeitgenössischen Theaters und wurden schon vor 1945 in London, New York, Moskau, Paris und vor Frontsoldaten in Leningrad inszeniert. mehr
Warum lesen?
Die Szenen »Rechtsfindung«, »Die jüdische Frau« und »Der Spitzel« zählen zum Beklemmendsten und Bewegendsten, was im Brecht-Kreis je geschrieben wurde; selten sind die Alternativen von Kollaboration, Selbstverrat und Solidarität so schonungslos dargelegt worden. Brecht und Steffin bohren hier unter die Oberfläche des Alltags, um die kommunikativen Strukturen menschlichen Zusammenlebens freizulegen. Justiz, Religion, Ehe, Erziehung, Wirtschaft und Wissenschaft werden mit klinischem Blick gemustert, um aufzuzeigen, wie sie sich – vom faschistischen Virus befallen – zersetzen und sich das Gewebe der Gesellschaft auflöst. Die Ergebnisse sind soziologisch exakt, menschlich erschütternd und unerbittlich aktuell.
[Noah Willumsen]
»A replacement life«
/ 2014
Debütroman des 1979 in Minsk geborenen Autors. Der Protagonist Slawa ist ein sowjetisch-jüdischer Einwanderer in New York und ein aufstrebender junger Autor bei einem hochkarätigen New Yorker Magazin (einem fiktiven New Yorker oder Harpers). Nach dem Tod seiner Großmutter wird Slawa von seinem Großvater angestiftet, sein literarisches Talent dafür zu nutzen, gefälschte Shoah-Biografien für diesen und andere russisch-jüdische Einwanderer zu schreiben, damit sie Entschädigungsansprüche geltend machen können. Während Slawa darum ringt, die komplexen Erfahrungen und Verhaltensweisen der Generation seiner Großeltern (geprägt von Weltkrieg, Shoah, Antisemitismus und Korruption in der sowjetischen Gesellschaft) zu verstehen, hinterfragt er seine eigene Identität im Verhältnis zur amerikanischen und amerikanisch-jüdischen Gegenwart, in der er sein eigenes Leben führt. mehr
Warum lesen?
Fishmans Roman beschäftigt sich mit Kernthemen der Shoah-Erinnerung und der Migration in der dritten Generation sowie mit tiefgreifenden Fragen nach Authentizität und Aneignung. Es ist ein humorvolles und ehrliches Buch, das uns herausfordert, über Fiktion als Rache, als Wiedergutmachung oder als Form von Gerechtigkeit nachzudenken.
[Jonathan Skolnik]
Eure Heimat ist unser Albtraum
/ 2019Heimat finden, Heimat haben, heimatlos sein, viele Schriftsteller*innen haben sich schon mit Heimat beschäftigt. Welche Vorstellungen haben wir von Heimat und wer ist eigentlich wir?
Das Buch »Eure Heimat ist unser Albtraum« ist der Widerstand derjenigen, die vom Konzept der Heimat ausgeschlossen werden – und so lautet auch die Widmung der Autor*innen: »Für Uns«. Es beginnt mit einer Einordnung der aktuellen Erweckung des Heimatbegriffs und der damit verbundenen Gefühle und Annahmen. Weiter geht es mit Alltagssituationen, in denen auffällt, dass anscheinend selbstverständlich Menschen davon ausgeschlossen sind, mitgedacht und gemeint zu werden. Die Schlüsse, die die Texte zulassen, sind eindeutig: Die Vorstellung des bundesdeutschen »Wir« ist immer noch vor allem an rassistische Kriterien geknüpft: Aussehen, Sprache, Religion.
Warum lesen?
Fatma Aydemir, Max Czollek, Sharon Dodua Otoo, Margarete Stokowski und acht weitere Autor*innen schreiben von Sichtbarkeit, von Arbeit und deren Wert, sie schreiben über Sprache, Blicke, Zuhause und Gegenwartsbewältigung. Es wird deutlich, dass Heimat immer völkisch gedacht und rassistisch genutzt wird – von Nationalist*innen wie von vielen Menschen, die sich für neutral halten und meinen, eine vermeintliche »Mitte« zu repräsentieren.
Manja. Ein Roman um fünf Kinder
/ 1938/2014Fünf Kinder werden 1920 in einer Nacht in den unterschiedlichsten Verhältnissen gezeugt. In einem sozialen Psychogramm stellt Gmeiner einen Querschnitt durch die Gesellschaft dar: Die Familie des arbeitslosen Vertreters und späteren SS-Mannes Anton Meißner, die Familie des klassenbewussten Proletariers Eduard Müller, die großbürgerliche jüdische Familie Hartung, die des liberalen Arztes Ernst Heidemann und die verarmte, alleinerziehende Jüdin Lea, deren älteste Tochter Manja ist. Als einziges Mädchen bildet sie den Mittelpunkt der Kindergruppe, die sich immer heimlich zum Spielen an einer Mauer trifft. Dort, am Rande der Gesellschaft und im „Katzenkorb der Kindheit” (1938, 8) haben die gesellschaftlichen und politischen Verhältnisse keine Macht. Mit Erstarken des Nationalsozialismus bricht der Antisemitismus aber auch in diesen utopischen Ort und damit in die Freundschaft der Kinder ein. Nachdem ein Hitlerjunge Manja zu vergewaltigen versucht, begeht sie Selbstmord. Dieser mehrsträngig erzählte Roman gibt realistische Einblicke in die Alltagsgeschichte und zeigt anhand der Kinderfiguren und oft aus deren Perspektive wie der Nationalsozialismus nach und nach die Herrschaft übernimmt. mehr
Warum lesen?
Eine hellsichtige Gegenwartsanalyse der Autorin verknüpft mit realistischen Kinderfiguren, an denen die gesellschaftlichen Veränderungen ihre Spuren hinterlassen, ohne, dass diese als Opfer gezeigt werden.