Dein unbekannter Bruder

/ Berlin: Dietz 1952
Erstveröffentlichung 1937 in deutschsprachigen Exilverlagen in London, Basel, Prag und Moskau sowie in russischer Übersetzung.

»Dein unbekannter Bruder« wurde 1937 parallel in mehreren Exilverlagen veröffentlicht. Inhaltlich und zeitlich schließt er an Bredels 1934 veröffentlichten Roman »Die Prüfung« an, das literarische Zeugnis seiner vierzehnmonatigen Schutzhaft im Hamburger KZ Fuhlsbüttel.

Die Handlung umfasst die Zeit zwischen November 1934 und 1935, die Hauptschauplätze sind Hamburg und Berlin. Souverän zwischen den Innenperspektiven seiner Figuren wechselnd, erzählt der Roman vom konspirativen, von der verbotenen KPD koordinierten antifaschistischen Widerstand in Form einer Geschichte von Helden und Schurken: Ein Verräter in den eigenen Reihen liefert Genoss*innen an die Gestapo aus, bis er am Ende enttarnt wird. Den politischen Kern des Romans bildet die Debatte um die Volksfront: Ganz im Sinne des VII. Weltkongresses der Komintern vom August 1935 vollziehen Kommunisten und Sozialdemokraten am Ende den Schulterschluss gegen den Faschismus. Der Roman endet daher siegesgewiss. Allerdings hat er merklich Mühe, die Widersprüche zu überdecken, die sich ergeben, wenn man einerseits die Dimitroff-These vertritt und das Bild einer nahezu geschlossen antifaschistischen Arbeiterklasse zeichnet, andererseits aber auch den breiten Rückhalt für den Nationalsozialismus in der deutschen Bevölkerung konstatieren muss, der sich im Roman etwa an der Saarabstimmung zeigt, bei der 90 Prozent für den Anschluss an das nationalsozialistische Deutschland stimmten. mehr

Warum lesen?

Willi Bredel verkörpert wie kaum ein anderer den Typus des operativen Schriftstellers im antifaschistischen Kampf. Sein Schreiben ist von seiner eigenen KZ-Haft-Erfahrung und von Berichten aus erster Hand informiert. Er will aber nicht nur dokumentieren, sondern wirken: »Mut, Arnold, Mut!«, ruft die Erzählstimme am Ende ihrem Protagonisten zu. Dessen Entwicklung wird als erfolgreiche Überwindung von Weichheit, Zweifeln und Angst geschildert. »Dein unbekannter Bruder« ist damit nicht nur ein Dokument der leidvollen Erfahrungen des antifaschistischen Kampfes, sondern auch und vor allem ein Dokument seiner fatalen Illusionen. Wer den Roman heute desillusioniert liest, kann daraus viel über die Ursachen für die Niederlage der deutschen Arbeiterbewegung lernen.

[Lukas Betzler]

Auf der Liste: Antifaschistische deutschsprachige Literatur (1918-1945)

»Nach Mitternacht«

/ 1937

Irmgard Keun zeigt in diesem Roman (von 1937), wie eine Hybridgattung – Kriminalroman und Exilliteratur – bis heute seine Wirkung nicht verfehlt und als Sozialstudie gelesen werden kann. Die naiv anmutende Perspektive der neunzehnjährigen Sanna zeigt uns ihr Privatleben und das gesellschaftliche Umfeld. Es ist repräsentativ für das Alltagsleben der Menschen in NS-Deutschland nach 1933, in der Provinz an der Mosel, aber auch in Köln und Frankfurt. Von sozialer Ungleichheit, Profitdenken und extremer Gewaltbereitschaft geprägt, herrscht eine Atmosphäre der Angst. Gegenseitige Überwachung, Denunziation und Bigotterie des Kleinbürgertums werden durch Sannas emotionalen und unverstellten Blick schlüssig offenbart. Ohne Absicht ist sie hochpolitisch, antifaschistisch, subversiv und entblößt die Lächerlichkeit der NS-Ideologie.

Heini, Intellektueller und ehemaliger Journalist, mutiert infolge der Zensur nicht zum Schriftsteller der Literatur der Innerlichkeit, sondern schweigt lieber und ergänzt Sannas Perspektive, indem er in vielen Dialogen voller Ironie, sarkastisch und zynisch die politische Situation rational analysiert. Die Verzahnung beider Perspektiven führt zu enormer Spannung, absurden Situationen und Situationskomik. mehr

Warum lesen?

Verpackt in eine Liebesgeschichte handelt es sich um einen spannenden, filmreifen, gesellschaftskritischen Krimi und antifaschistischen Exilroman, ohne das Exil selbst zu beschreiben: Sanna flieht mit ihrem Verlobten Franz mit dem Zug nach Mitternacht – dabei ist es schon längst »Nach Mitternacht« für die deutsche Gesellschaft.

[Simela Delianidou]

Auf der Liste: Antifaschistische deutschsprachige Literatur (1918-1945)

»Deutsche Hörer!« Radiosendungen nach Deutschland

/ 1940-1945

Im Oktober 1940 sendete die BBC über ihren Deutschen Dienst die erste von fast 60 Reden Thomas Manns. »Deutsche Hörer!« – so begann jede Ansprache, die er monatlich aus dem US-amerikanischen Exil an seine Landsleute richtete, um ihnen die Monstrosität der Nationalsozialisten vor Augen zu führen und sie dazu zu bewegen, den Krieg zu beenden. Überzeugt davon, dass es einem Schriftsteller seines Ranges nicht gestattet sei, die Politik von der Kunst zu trennen, sah er in den Radiosendungen vor allem einen »moralischen Gewissensdienst«.

Die Anfrage der BBC bot dem prominenten Schriftsteller Mann Gelegenheit, mit seinem deutschen Publikum, das im Krieg keinen Zugang mehr zu seinen Büchern hatte, verbunden zu bleiben – zumindest mit denjenigen, die sich vom Verbot, den »Feindsender« einzuschalten, nicht einschüchtern ließen.

Mit Mann engagierte die BBC einen wortmächtigen Intellektuellen, an dessen Gegnerschaft zu Hitler kein Zweifel bestand. Schließlich hatte der Nobelpreisträger einen großen Teil seines Vermögens, seine deutsche Staatsbürgerschaft sowie die Möglichkeit zur Veröffentlichung seiner Bücher verloren und war damit selbst Opfer des Regimes geworden.

Neben dem Wunsch, in den Köpfen seiner deutschen Leserschaft präsent zu bleiben, boten die Radiosendungen Thomas Mann Gelegenheit, seinen Hass auf die Nationalsozialisten in die Welt zu rufen. Dementsprechend heißt es in einem Brief an Agnes Meyer vom 28. April 1942: »Ich kann mir nicht helfen: Es tut doch wohl, Hitler so recht ins Gesicht hinein einen blödsinnigen Wüterich zu nennen.« Seine scharfzüngigen Attacken gegen Hitler durchziehen die Reden wie ein roter Faden, und je länger der Krieg dauerte, desto polemischer wurde auch sein Ton.

Mann ging es mit seinem Botschaften vor allem darum, der Lügenpropaganda der Nazis eine Stimme der Wahrheit entgegenzusetzen und so sprach er schon im September 1941 von der Judenverfolgung; berichtete im Januar 1942 von der Tötung holländischer Juden durch Vergasung und vom Grauen der Konzentrationslager, von Auschwitz und Majdanek und schonte seine Hörer nicht. Immer wieder drängte er seine Hörer mit flammenden Appellen zur Selbstbefreiung, zu einer »demokratischen Revolution von innen«.

Als dann im Mai 1945 die Kapitulation Deutschlands erfolgt war, forderte Thomas Mann seine Landsleute auf, den Sieg als Leistung der Alliierten anzuerkennen und ihn als Stunde der Rückkehr zur Menschlichkeit zu betrachten.

Doch neben diesen versöhnlicheren Tönen gab es auch andere: Denn die Radiosendungen adressieren auch die kollektive Schuld und Verantwortung des deutschen Volkes – ein Grund für die bisweilen heftige Ablehnung, mit der deutsche Intellektuelle nach 1945 auf Thomas Mann reagierten. mehr

Warum lesen?

Die »Deutsche Hörer!« -Sendungen sind ein herausragendes Beispiel für das politische Engagement Thomas Manns im Kampf gegen Faschismus. Zu Unrecht führten die Rundfunktexte – neben seinen berühmten Romanen – lange ein Schattendasein, Erzählungen und Essays. Es lohnt sich, Thomas Mann von einer weniger bekannten Seite kennenzulernen und seine sprachliche Virtuosität auch in den BBC-Reden zu bewundern.

[Sonja Valentin]

Auf der Liste: Antifaschistische deutschsprachige Literatur (1918-1945)

Die Gronauer Akten

/ 1954
geschrieben 1936 in Moskau

Auf Gut Gronau wird ein SA-Mann ermordet. Günther Geismar, wie der Autor in der Wandervogel-Jugend sozialisierter Bildungsbürger, wird als Sonderermittler im Dienst der NSDAP mit der Aufklärung des Falls beauftragt. Schnell gerät der Parteigenosse in ein unübersichtliche Beziehungsgestrüpp von SA und SS, einem Gutsherren, der auf eigene Rechnung arbeitet, und dem Hauslehrer Berger, der sich am Ende als KPD-Genosse auf »Urlaub«, also ohne Parteiauftrag dort, erweist. Der Schöngeist Geismar interessiert sich aber eigentlich mehr für die »Gronauer Akten«, die im Archiv der Pfarrei liegen und von einem mittelalterlichen Hexenprozess erzählen. Er verheddert sich in den Niederungen seines Falls, Hexenverfolgung und politisch instrumentalisierte Ermittlungsarbeit überlagern sich und Geismar muss begreifen, dass er seine humanistischen Ideale über Bord werfen muss, wenn er im Sinne der Macht bestehen will. So endet er als Kommandant eines KZ.

Alfred Kurella schreibt den Roman 1936 in Moskau, nachdem er ins Visier der stalinistischen Säuberungen geraten ist. So soll ihm dieser Roman über innere Widersprüche in NS-Deutschland und die schwierige Arbeit der KPD zu neuer Reputation verhelfen. Subkutan gerät ihm aber auch eine Art Selbstportrait, denn zu sehr gleichen sich biografischer Hintergrund und Charakterzüge Geismars und Kurellas. So zeigt sich an dem Roman vielleicht auch das subversive Eigenleben künstlerischer Arbeit, denn er wirft auch einen interessanten Blick auf die zerstörerische Situation des Individuums, das in seinen Grundhaltungen in Widerspruch zu der Gruppe (Partei) gerät, mit der allein er wirksam für seine Ziele arbeiten kann. Gedruckt wird er nicht. Kurellas Bruder Heinrich wird 1937 in Moskau zum Tode verurteilt und hingerichtet. Erst ein Jahr nach Stalins Tod erschien der Roman in der DDR. mehr

Warum lesen?

Der Roman konterkariert das Bild des Nationalsozialismus als eines durchorganisierten und geschlossenen Herrschaftssystems und zeigt innere Widersprüche, wo sie sich am ehesten entfalten konnten: weit weg von Berlin auf dem Land. Einen besonderen Reiz hat der Roman für jene, die sich für Alfred Kurellas ambivalente Rolle in der Kulturpolitik der DDR interessieren.

[Detlef Grumbach]

Auf der Liste: Antifaschistische deutschsprachige Literatur (1918-1945)

Furcht und Elend des Dritten Reiches

/ 1970
Uraufführung 1938

»Furcht und Elend des Dritten Reiches« stellt Brechts direkteste dramatische Konfrontation mit dem Faschismus dar. Während »Arturo Ui« dessen (»aufhaltsamen«) Aufstieg mit hintergründiger Allegorie entlarvt und »Frau Carrar« die Entscheidungsfrage des Widerstandes stellt, besteht dieses Stück aus einer Reihe von zwei Dutzend »(Schreckens-)Szenen« aus NS-Deutschland. 1937–38 in Zusammenarbeit mit Margarete Steffin entstanden, basiert es auf Zeitungs- und Zeugenberichten, die die beiden im dänischen Exil aus dem knapp 60 km entfernten Deutschland erreichten.

Diese Szenen, die in Auswahl und beliebiger Reihenfolge von Amateur:innen gespielt werden können, sind Paradebeispiele eines eingreifenden, zeitgenössischen Theaters und wurden schon vor 1945 in London, New York, Moskau, Paris und vor Frontsoldaten in Leningrad inszeniert. mehr

Warum lesen?

Die Szenen »Rechtsfindung«, »Die jüdische Frau« und »Der Spitzel« zählen zum Beklemmendsten und Bewegendsten, was im Brecht-Kreis je geschrieben wurde; selten sind die Alternativen von Kollaboration, Selbstverrat und Solidarität so schonungslos dargelegt worden. Brecht und Steffin bohren hier unter die Oberfläche des Alltags, um die kommunikativen Strukturen menschlichen Zusammenlebens freizulegen. Justiz, Religion, Ehe, Erziehung, Wirtschaft und Wissenschaft werden mit klinischem Blick gemustert, um aufzuzeigen, wie sie sich – vom faschistischen Virus befallen – zersetzen und sich das Gewebe der Gesellschaft auflöst. Die Ergebnisse sind soziologisch exakt, menschlich erschütternd und unerbittlich aktuell.

[Noah Willumsen]

Auf der Liste: Antifaschistische deutschsprachige Literatur (1918-1945)

Unsere Straße. Eine Chronik

/ 1947
Erstveröffentlicht 1936 in Prag

Der Tatsachenroman »Unsere Straße« von Jan Petersen (recte Hans Schwalm) gilt als der einzige antifaschistische Text, der während der NS-Zeit in Deutschland verfasst und unter großer Gefahr außer Landes geschmuggelt wurde. Erste Ausschnitte des Textes wurden bereits 1935 in Paris veröffentlicht, der Roman erschien erstmals 1936 in Prag, zeitgleich also zur in NS-Deutschland stattfindenden Olympiade.

Der Roman hebt darauf ab, eine »authentische« Schilderung der Verhältnisse, insbesondere der Gleichschaltung, und des antifaschistischen Widerstands in NS-Deutschland zu liefern und er steht in der Tradition linker »Straßenromane« seit Klaus Neukrantz »Barrikaden am Wedding« (1930) und Willi Bredels »Rosenhofstraße« (1931). Bei der Lektüre wird schnell klar, dass es sich um den Text eines KPD-Kaders handelt, was sich etwa in der Darstellung der vergreisten und eher ahnungslosen SPD-Genoss*innen niederschlägt. Dennoch findet sich in der Figurenrede durchaus eine Kritik an der Sozialfaschismusthese und Sozialdemokrat*innen gelten denn auch prinzipiell als Genoss*innen im gemeinsamen Kampf gegen den deutschen Faschismus. Doch nicht nur der Entstehungsgeschichte, sondern auch dem episoden- und anekdotenhaften Schreibstil ist es geschuldet, dass der Text eine Sogwirkung entfaltet. Auf wenigen Seiten werden kurze, häufig äußerst spannende oder bestürzende Begebenheiten aus dem (stets politischen) Alltag des Ich-Erzählers und seiner Genoss*innen geschildert. Die schwer erträgliche Passage, in der ein Mithäftling Erich Mühsams über dessen Demütigungen, Misshandlungen und Folter im Konzentrationslager berichtet, bleibt eindrücklich in Erinnerung. mehr

Warum lesen?

Durch seine Entstehungsgeschichte ist »Unsere Straße« ein besonderes literarisches Zeugnis des antifaschistischen Kampfes. Der Roman zeigt eindrücklich, was mit den politischen Gegner*innen passiert ist, als der Staatsapparat in die Hände der (deutschen) Faschisten fällt – und damit, was die Weltöffentlichkeit ab 1936, dem Jahr der Olympiade in Berlin, über NS-Deutschland hätte wissen können. Ein großes Verdienst des Textes ist es, den heute kaum mehr bekannten Kommunist*innen aus dem Widerstand zu gedenken und diese in kurzen, wertschätzenden Charakterisierungen nahbar zu machen.

 

[Sebastian Schweer]

Auf der Liste: Antifaschistische deutschsprachige Literatur (1918-1945)

Shadowrun: Marlene lebt

/ 2019

Marlene Dietrich starb 1992 in einem Hotelzimmer – und erwacht nach ihrem Tod in der magischen Cyberpunk-Zukunft des Shadowrun-Erzählkosmos in einem jungen Körper, der wie ihrer aussieht, aber nicht ihrer ist. Offenbar soll sie als neue Attraktion Besucher*innen in ein gigantisches Bordell ziehen, doch sie entkommt auf die Straßen eines futuristisch-dystopischen Dortmunds. »Marlene lebt« ist ein politischer und ideenreicher Roman, der sich jedoch teils in Shadowrun-typischen Doppelverraten und einen unschönen dickenfeindlichen Erzählstrang verstrickt. Meiner Meinung nach sind aber Marlene als Hauptfigur, die antifaschistische Grundhaltung des Romans und die außergewöhnlichen Antagonisten die Lektüre wert: Der Manager der Unterhaltungskette, deren Teil Marlene hätte sein sollen, hat ein japanisches und ein weiß-deutsches Elternteil und ist dank seines neu-rechten Schwiegervaters derart in internalisierten Rassismus verstrickt, dass er seine Mixed-Race-Identität als eine Schwäche interpretiert, die er niemals wird überkommen können. Das Weltbild des Schwiegervaters ist von der neuen Rechten in den USA ebenso inspiriert wie von aktuellen völkischen Ideologien in Deutschland und auf eine eiskalte, zukunftsorientierte Weise faschistoid, die einem nicht so schnell aus dem Kopf geht.

 

Warum lesen

Besonders der Auftakt, in dem eine vielschichtig gezeichnete historische Figur, die viele Zeitenwenden erlebt hat, sich in eine neue Welt einfindet, ist ein Highlight des Romans. Dieser spiegelt den von Marlene erlebten Faschismus der Vergangenheit in einem gentechnisch optimierten Zukunftsfaschismus.

Auf der Liste: Progressive Phantastik

Originär deutschsprachige politische Fantasy und Science-Fiction

Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß

Die Ich-Erzählerin Mimi erzählt eine mitunter herzzerreißende Verfallsgeschichte, in welcher die DDR, der soziale Kitt, die Gebäude, die Infrastruktur und auch die Menschen verfallen. Der an wahre Begebenheiten angelehnte Roman entfaltet das beklemmende Panorama der sogenannten Baseballschlägerjahre in Brandenburg und schildert die Gefahr und Bedrängnis, in der sich alljene befanden, die als ‚anders‘ gelesen wurden. Mimi und ihre Freunde sind den ständigen Attacken der ‚Gorillas‘, Neonazis mit olivgrünen Bomberjacken und Springerstiefeln, ausgesetzt – viele Freunde müssen deshalb ins Krankenhaus und es gibt sogar Tote. Ihr Anführer ist ausgerechnet ein Jugendfreund Mimis, jetzt von allen ‚Hitler‘ genannt. Verzweifelt stellen sich Mimi und ihre Freunde dem Rechtsruck entgegen. Sie organisieren ein Maifest, das von Rechtsradikalen belagert wird und greifen schließlich zu anderen Mitteln.

Warum lesen

Der Roman ist eine eindrückliche Erinnerung sowohl an die mörderischen Nachwendejahre als auch an die Notwendigkeit antifaschistischer Selbstverteidigung.

Auf der Liste: Antifaschismus im Gegenwartsroman

Literatur nach 1989

Die Operation 1653. Stay rude – stay rebell

Bernd Langer gründete in den 1980er Jahren die Initiative Kunst und Kampf (KuK), auf die das heute verwendete aktualisierte Antifa-Symbol mit einer schwarzen und einer roten Fahne zurückgeht. In den 1990ern war er Gründungsmitglied der Autonomen Antifa (M) in Göttingen und des bundesweiten antifaschistischen Organisationsversuches Antifaschistische Aktion / Bundesweite Organisation (AA/BO). mehr

Im Roman folgt der Ich-Erzähler den Anweisungen einer ominösen Organisation, interessant(er) sind die autobiografisch gefärbten Passagen, in denen über die Geschichte der antifaschistischen Aktion reflektiert wird. So erinnert sich der Erzähler an den Kampf gegen Neonazis in all seinen Formen: sowohl in Bündnisarbeit und Agitprop-Aktionen als auch in brutalen körperlichen Auseinandersetzungen. Neben Schlachtengemälden wird auch über die politische Legitimität und die Probleme von Gewalt reflektiert. Der Text ist gespickt von zahlreichen Abbildungen aus der Initiative Kund und Kampf.

Warum lesen

Der Roman vergegenwärtigt die vielfältigen Aktionen, die (vor allem) in Göttingen von der Autonomen Antifa (M) durchgeführt wurden und zeigt das weite Spektrum dessen, was Antifaschismus sein kann.

Auf der Liste: Antifaschismus im Gegenwartsroman

Literatur nach 1989

Begrabt mein Herz am Heinrichplatz

Die Hauptfigur Paul führt die Leser*in durch das Berlin der Hausbesetzer*innen und Autonomen in den 1980er und 1990er Jahren und fokussiert zumeist auf die militanten Auseinandersetzungen. mehr

Hier ist Paul stets mit dabei und durch seine Warte erleben die Lesenden die kleinen Freuden und Triumpfe aber auch die großen Niederlagen der Autonomen im Kampf mit der Polizei, bei der Verteidigung von besetzten Häusern (beispielsweise die berühmte Schlacht um die Mainzer Straße in Friedrichshain) und im Kampf gegen Neonazis. Die Pogrome in Hoyerswerda und Rostock-Lichtenhagen stürzen Paul in eine Krise: Weshalb war es den Antifaschist*innen nicht gelungen, dem Mob etwas entgegenzusetzen?

Warum lesen

Der Roman ist in seiner ungebrochen affirmativen Verhandlung von autonomer Militanz ein Werk von erinnerungskulturellem Wert, insofern hier eine ‚Geschichte von unten‘ archiviert und mit ihren Problemen und inneren Widersprüchen ausgestellt wird.

Auf der Liste: Antifaschismus im Gegenwartsroman

Literatur nach 1989

Ministerium der Träume

Nach der Flucht aus dem Iran wächst die Ich-Erzählerin Nasrin mit ihrer Schwester Nushin im Deutschland der 1980er und 90er Jahre auf und sie erleben den Alltagsrassismus ebenso wie die Botschaftsverbrechen des erstarkenden Neonazismus und Rechtsterrorismus. Sie bilden eine antifaschistische Gruppe, trainieren Kampfsport und schulen sich theoretisch. Die Begegnungen mit Neonazis und die antifaschistischen Aktionen sind nicht der primäre Gegenstand, sondern fungieren vielmehr als das unbehagliche Hintergrundrauschen des Romans, der den Antifaschismus aus einer migrantischen Warte perspektiviert. Verlorene und wiedergefundene Freundschaften, migrantisches und queeres Leben in Berlin wie in der Provinz, Familienkonflikte, sowie die Frage nach der Verantwortung, sowohl innerhalb der (Wahl-)Familie als auch für gesellschaftliche Zu- bzw. Missstände werden im Roman verhandelt. Strukturiert wird dieser durch die bohrende Frage nach dem Grund für den tödlichen Unfall von Nushin. War es Mord, Selbstmord oder bloß ein Zufall? Für alle Figuren ist es selbstverständlich, dass sich sowohl bei der Aufklärung Todesumstände als auch bei der Bekämpfung rechter Umtriebe nicht auf die staatlichen Sicherheitsorgane verlassen werden kann.  mehr

Warum lesen

Der Roman gewährt einen erhellenden und alternativen Blick auf die deutschen Zustände, schildert die Wut und Verzweiflung angesichts einer diskriminierenden und häufig gefährlichen Umwelt und macht eher nebenbei deutlich, dass Antifaschismus überlebenswichtig ist.

Auf der Liste: Antifaschismus im Gegenwartsroman

Literatur nach 1989

Friss und stirb trotzdem

Der junge Ich-Erzähler ist Teil einer Gruppe zumeist migrantischer Antifaschist*innen die sich in den frühen 90er Jahren dem grassierenden Rassismus entgegenstellen – und das ist ganz wörtlich zu verstehen. Sie fahren in die Städte, in denen es Pogrome gab, um sich den rassistischen Pöbel vorzuknüpfen. Alles ändert sich jedoch, als Teile der Gruppe einen rechten politischen Kader in Neukölln attackieren – mit tödlichem Ausgang. Auch der Ich-Erzähler muss untertauchen. Versteckt bei unbekannten, aber solidarischen Genoss*innen denkt er über die vergangenen Aktionen nach. mehr

Warum lesen?

Ein beklemmender, auf wahren Begebenheiten basierender Roman über die frühen neunziger Jahre in Berlin, die Probleme politischer Organisierung, Gewalt und Solidarität.

Auf der Liste: Antifaschismus im Gegenwartsroman

Literatur nach 1989

Nichts bleibt. Die Quetschenpaua-Autonomografie

Seine Lieder sind vielen ein Begriff; der Musiker und Kleinkünstler Yok aka. Quetschenpaua hat die linksautonome Szene seit Jahrzehnten mit verschiedenen Projekten musikalisch begleitet. In seinem autobiografischen Text führt der Erzähler die Leser*innen durch seine politische Sozialisation und zahlreichen Musikprojekte. Dabei lässt sich en passant einiges über die Geschichte der bundesdeutschen linksautonomen Szene erfahren. Erfolge und Niederlagen, etwa die Pogrome in Rostock Lichtenhagen und das Erstarken des Rechtsextremismus in den 1990er Jahren, werden anekdotenreich aus einer ‚Insiderperspektive‘ geschildert und reflektiert. mehr

Warum lesen?

Im Text lässt sich nicht nur einiges über den Künstler Yok und die Subkultur der BRD erfahren, sondern hier werden auch die Probleme und Erfahrungen antifaschistischer Mobilisierung kenntnisreich verhandelt und reflektiert.

Auf der Liste: Antifaschismus im Gegenwartsroman

Literatur nach 1989