Literatur auf dem Weg durch die Stadt

Annett Gröschner

Flanieren, spazieren, promenieren, schlendern, schlenkern, stromern, spazierengehen, walken, wandern, ein Bad in der Menge nehmen, flexen. Es gibt viele verschiedene Worte im Deutschen, um das Durchstreifen von Städten zu beschreiben, das nicht unmittelbar mit einem geplanten Ziel verbunden ist. Ich möchte diese Leseliste nicht Flanieren nennen, weil das Wort so besetzt ist von Baudelaire, Poe, Hessel, Benjamin. Eine Liste des Flanierens erschöpft sich schon lange nicht mehr allein in diesen Namen. Und immer bleibt für mich die Frage: Wie frei flaniert eine Frau? Kann sie es sich leisten, wie der intellektuelle Herr Mustermann nachts mit der Schildkröte unbehelligt durch die Stadt zu spazieren? Oder in unbekannten Gegenden? Ich selbst bewege mich seit 40 Jahren sehend und notierend durch Städte, aber ich bin häufiger schreibend in öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs als durch die Straßen gehend. Wer sagt, dass man beim Flanieren nicht auch sitzen kann? Fontane ist ja auch am liebsten in der Kutsche durch Brandenburg gewandert. Bewegung in der Stadt als Motiv der Arbeit wäre vielleicht eine treffende Umschreibung dessen, worum es geht. Dies hier ist eine Empfehlungsliste, in der Bewegung zu lesen. Im Laufe der Zeit wird sie sich vielleicht auch noch einmal verändern. In Anlehnung an einen Gedichtzyklus von Anna Louisa Karsch aus dem 18. Jahrhundert, der auch Auftakttext dieser Reihe ist, habe ich meine Liste Spazier-Gaenge genannt. Spazier-Gaenge bezeichnete im 18. Jahrhundert neben dem Akt des Gehens einer Person auch den Weg, auf dem sie sich bewegte; Wege durch die Stadt, auf denen die Gefahr, von Pferden umgeritten oder von Kutschen überfahren zu werden, gering war. Später setzte sich das Wort Promenade durch, Spaziergänge wurden ortsunabhängige Tätigkeiten der Fortbewegung. Es ist gleichsam ein Weg durch das Dickicht der Spaziergangs-Literatur.

Die Spazier-Gaenge von Berlin

/ 1761

Die Dichterin Anna-Louisa Karsch kam im Januar 1761 in die Residenzstadt Berlin. Sie blieb ein halbes Jahr, dann folgte sie dem Hof nach Magdeburg, wo sie zwölf Monate lebte, um danach bis an ihr Lebensende in Berlin zu bleiben. In dem ersten halben Jahr in Berlin, das sie anfangs wegen seiner Größe überwältigte, ging sie oft spazieren, allein und ohne dass sie, wie es sich für Frauen dieser Zeit geziemte, zielgerichtet zum Markt ging oder zum Brunnen, einen Korb oder eine Gans unterm Arm. Dabei entstand der Zyklus, aus drei Gedichten bestehend, die drei verschiedene Promenaden im näheren Umkreis des Berliner Schlosses durch die dort stehenden Bäume charakterisiert, Unter den Linden, Weidendamm und Lustgarten mit seinen Kastanienreihen. Über die Spree schreibt sie: „Sie rollt indessen fort, nimmt still in kurzen Wellen / Durch Königstädte ihren Lauf. / Die majestätsche Spree! und ihre Ströme schwellen / So wie sie forteilt, stärker auf.“
Auch das nicht unerheblich: Anna Louisa Karsch ist den größten Teil ihres Lebens barfuß durch die Welt gewandert oder in schlechten Schuhen durch Schlamm und Staub. Berlin war an manchen Tagen so sandig-windig, dass eine Verschleierung notwendig war, wollte man beim Spazierengehen nicht ersticken. mehr

 

Warum lesen?

Die Beantwortung dieser Frage hängt auch von dem Ort ab, an dem man sich befindet. Ist es Berlin, liegt es nahe, mit den Gedichten der Karschin, wie sie zu Lebzeiten genannt wurde, die Orte abzugehen, die vor mehr als 260 Jahren beschrieben worden sind. Einige lassen sich unschwer erkennen und hinterher mit anderen Augen sehen. Das Zeughaus zum Beispiel, heute Deutsches Historisches Museum, oder die Straße Unter den Linden. Andere, wie Tusculums, sprich Sulzers Garten, sind lange überbaut. Dort befindet sich heute der Garten der Alten Nationalgalerie. Dass eine da, gegen alle Widerstände als unterklassierte Frau, so ein Werk hervorbringt, lässt sich am besten durch Lesen würdigen.

Spazieren in Berlin

/ 1929

Nicht mehr romantisch in Mittelgebirgen wandernd, sondern in der Großstadt flanierend, aber auch nicht mehr wie Baudelaire bekifft und als Dandy verkleidet im bourgeoisen Paris, sondern in der realistischen, bisweilen brutalen Metropole Berlin, seiner Heimatstadt – das ist Franz Hessels „Spazieren in Berlin“. Die Berliner*innen sind eher misstrauisch einem Menschen gegenüber, der sich nur langsam durch die Stadt bewegt. Sie fürchten, es könne sich um einen Taschendieb handeln. „Hierzulande muß man müssen, sonst darf man nicht. Hier geht man nicht wo, sondern wohin. Es ist nicht leicht für unsereinen.“ Herumlaufen ist für Hessel Erwerb von Bildung, Heimatkunde, wenn man Vergangenheit und Zukunft mitbedenkt. Man merkt den Hesselschen Texten schon deutlich an, wo sich der Autor wie ein Fisch im Stadtfluss bewegt (Ku-Damm) oder wo er fremdelt (Alexanderplatz). Mit dem Berliner Norden oder Osten betritt er fremdes Terrain. Da wird er eher Ethnologe als Vertrauter der Szene. Auch der Südosten hat seine Tücken: „Um seiner selbst willen Neukölln aufzusuchen, dazu kann man eigentlich niemandem raten.“ In Dahlem und im Regierungsviertel werden jetzt einige heftig nicken. Anders als Hessel werden sie sich aber wahrscheinlich nicht aufmachen, um sich trotzdem am Hermannplatz umzusehen. Evergreen bleibt der Satz: „Flanieren ist eine Art Lektüre der Straße, wobei Menschengesichter, Auslagen, Schaufenster, Café-Terrassen, Bahnen, Autos, Bäume zu lauter gleichberechtigten Buchstaben werden, die zusammen Worte, Sätze und Seiten eines immer neuen Buches ergeben.“ mehr

 

Warum lesen?

Keine Literatur über das Spazieren oder Flanieren in Berlin kommt ohne den Hinweis auf Franz Hessel aus. Deswegen sollten alle, die sich der spazierenden Literatur verschreiben, zumindest mal drin geblättert haben. Auch weil Hessel ein Berlin beschreibt, das schon wenige Jahre später untergegangen ist, nicht zuletzt deshalb, weil Menschen wie er aus der Stadt vertrieben wurden. Ein Verlust an Intelligenz und Verstand, von dem sich Berlin bis heute nicht ganz erholt hat. Was bleibt: „Wir Berliner müssen unsere Stadt noch viel mehr bewohnen.“ Keine Ahnung, ob da Frauen mitgemeint sind.

Das Buch der Unruhe

/ 1982

Fernando Pessoa schrieb für die Wäschetruhe. Bevor er sein „Buch der Unruhe“ beendete, starb er an Krebs. Bis dahin war er ein Spaziergänger durch Lissabon, aber einer ohne Wanderschuhe, sondern in der korrekten Verkleidung eines Hilfsbuchhalters, also nie ohne Hut und Krawatte in der Stadt unterwegs. Das Buch der Unruhe besteht aus Aufzeichnungen, Betrachtungen und Notizen, die zwischen 1913 und 1934 geschrieben wurden. Erst 1982, 47 Jahre nach Fernando Pessoas Tod erschien eine erste Ausgabe auf Portugiesisch. Es ist ein Werk von fragmentarischem Charakter, die deutsche Ausgabe von 2006 vereint 481 kurze Stücke. Zum Durchlesen ist es weniger geeignet als zum Stöbern. Ein Buch für den Nachttisch oder die Straßenbahn „Vom Traum und für den Traum leben, das Universum auseinandernehmen und wieder zusammensetzen – gedankenverloren wie in den Augenblicken, in denen wir träumen.“ Oft lässt sich nicht mit Sicherheit sagen, ob er im realen Lissabon gelaufen ist oder in einem Traumlissabon, ob Pessoa spricht oder sein Alter Ego Bernardo Soares. „Wir alle, die wir träumen und denken, sind Hilfsbuchhalter in einem Stoffgeschäft oder in irgendeinem anderen Geschäft in irgendeiner Unterstadt.“ mehr

 

Warum lesen?

Anders als für eine Leseliste üblich, möchte ich neben dem Buch ganz ausdrücklich das auf CD erschienene Hörspiel von Kai Grehn empfehlen: „Fernando Pessoa: Tape-Recordings eines metaphysischen Ingenieurs“. Das Hörstück vereint einzelne Fragmente Pessoas mit Musik von Shaban, der Stimme von Robert Gwisdek und Geräuschen des heutigen Lissabons zu einem poetischen Streifzug durch die Sprache und den Gegenstand des Werks Pessoas – die Stadt Lissabon als civitas.

Ich geh‘ so gern durch diese Stadt

/ 2023

David Wagner ist ein würdiger Nachfolger flanierender Berliner wie Benjamin, Hessel oder Döblin, der es sich als Mann – oder wie man heute sagt, als männlich gelesener Autor – sogar leisten kann, ironisch mit einer Schildkröte durch Berlin zu laufen, wie in dem Buch- und Ausstellungsprojekt „Nachtwach“, das er zu Coronazeiten mit dem Fotografen Ingo van Aaren verfolgt hat.  Seit einem Vierteljahrhundert, seit er bei den legendären Berliner Seiten der Frankfurter Allgemeinen Zeitung mitgeschrieben hat, bewegt David Wagner sich als Flaneur alter Schule durch Berlin. Mitunter sieht man ihn unter freiem Himmel an einem der abgeratzten Tische des Vinetaplatzes im Wedding schreiben und lesen – sein Freiluftbüro.  Meine Lieblingsgeschichte David Wagners ist nach wie vor „Die Mülltüte“ von 2011. Ein Ich-Erzähler will nur den Müll runterbringen, verstrickt sich aber, bevor er die Tüte loswird und weil es so gut nach Frühling riecht, in den Fängen der Stadt. Der Weg führt ihn samt Mülltüte von der Oderberger, über die Choriner bis auf die Torstraße, von dort über die Alte Schönhauser Straße durchs Scheunenviertel und zurück über die Schönhauser Allee, vier Kilometer und ein Bier lang im Haliflor. „Geht die Stadt vielleicht mit mir spazieren?“, fragt der Autor? Nach mehrfachem Lesen zu unterschiedlichen Zeiten, die Geschichte ist 12 Jahre alt, bin ich zu dem Schluss gekommen, dass die Mülltüte nochmal spazierengehen wollte, durch ein Berlin, das es, wie sie, inzwischen nicht mehr gibt. mehr

 

Warum lesen?

Ich geh‘ so gern durch diese Stadt vereint Texte aus drei im Verbrecher Verlag erschienenen Büchern mit feuilletonistischen Texten über Berlin, quasi im Laufen geschrieben. Es zeigt – auch wenn David Wagner ein grundsätzlich optimistischer Autor ist, der mehr beobachtet als herumkrittelt – den schleichenden Abbau großer Träume seit der Hauptstadtwerdung Berlins um das Millenium herum bis hin zum Coronastillstand. Der vergessliche Vater sagt am Telefon: „‘Hast du gedacht, es würde immer so weitergehen? War doch klar, dass das eines Tages aufhört.‘“ (…)“Er meint auch noch, jedenfalls verstehe ich ihn so, wir hätten unsere Goldenen Zwanziger schon gehabt. Wir hätten es nur nicht bemerkt.“

Im Jahr des Affen

/ 2019

Als ich in sehr jungen Jahren für mich entschied, das Schreiben, die Kreativität zum Beruf zu machen, brauchte ich Unterstützung, um mich zu vergewissern, dass es nicht eine Sackgasse ist, weil am Anfang des Weges nicht zu sehen war, ob er hinter der nächsten Kurve ohne Ausweg enden könnte. Ich brauchte also Begleiterinnen. Role Models, die Erfahrung hatten mit diesen Reisen und die das Scheitern, Stürze und Abbrüche als Chance und Lernprozess sahen und Träume nicht verachteten. Eine von ihnen ist Patti Smith, über die ich, damals hinterm Mond, nicht viel wusste. Ich kannte nur ihre Platten und ihre Verehrung für Rimbaud, die ich teilte. Später fiel mir ein, dass mich instinktiv das interessierte, was sie ausmachte, die Übergänge, das nicht in einfache Formeln zu Bringende, das Grenzüberschreitende, das Androgyne, das Leben zwischen Traum und Realität. Sie war ja damals schon nicht nur Rockmusikerin und Dichterin, sie stand in der Drehtür zum Punk, war Performerin, Fotografin und Mutter. Eine, die nie viel Geld hatte, aber das Honorar einer Performance für eine Erstausgabe von James Joyces „Finnegans Wake“ auf den Kopf hauen konnte. Neben ihrer Musik interessierte mich immer auch die Träumerin und die Flaneurin, was wie bei allen guten Autor*innen dieses Metiers nicht so einfach zu trennen ist. Auf ihren Tourneen durch die Welt streift sie durch Städte und Landschaften, jahrelang mit einer alten Polaroidkamera, inzwischen auch auf Instagram. Vor zehn Jahren hat sie angefangen, daraus Bücher zu machen. mehr

Wenn es um das Durch-die Welt-Wandern geht, gibt es mehrere Bücher, die hier zur Debatte stehen könnten. Am nächsten kommt meinem Thema „Im Jahr des Affen“, ein Gang durch ein Jahr, vom Neujahrsmorgen in Santa Cruz bis zur Amtseinführung dessen, den sie nicht nennt, im Januar 2017. In New York Schnee zu Ostern: „Zehn Tage später haben die Müllsammler mit diesen langen Picken sie gefunden. Massenweise, kleine Eichhörnchen mit ihren Müttern, erfroren. Ist doch Wahnsinn. Die ganze Welt spielt verrückt.“ Intensivstation in San Francisco, wo ein Freund stirbt, in Lissabon besucht Smith das Archiv des verehrten Dichters Fernando Pessoa. Augusttage in Kentucky. „Ich gewöhnte mir an, nachts spazieren zu gehen, eingehüllt in Stille.“

 

Warum lesen?

„Solche Bücher liest man nicht, man saugt sie auf“, heißt es „Im Jahr des Affen“, und im „Buch der Tage“ steht am Ende eine Leseliste, der ich bedenkenlos folgen kann wie Edgar Allan Poes Erzähler dem Mann der Menge.

Was geht?

/ 2018

Ann Cotten hat mal sinngemäß auf der Bühne des Literaturforums im Brecht-Haus gesagt, dass sie ihre jungen Jahre damit verbracht habe, männliche Autoren zu lesen, die über andere männliche Autoren schrieben und sie das genossen habe, auch wenn sie wusste, dass sie nicht damit gemeint war. Flaneurliteratur wäre da das beste Beispiel. Ihre Salzburger Stefan Zweig Poetikvorlesung hat sie dem Spazierengehen in vielfältigsten Bildern und Begriffen gewidmet. Das ist klug und auf intelligente Art sehr, sehr lustig. Schon der erste Satz: „Flaneusen sind (und natürlich Flaneure) ein großes Ärgernis, nicht nur für die Putztrupps, denen sie in die frisch gewischten Strandpromenaden tappen, sondern vor allem auch für die anderen Flaneursen.“ Deren gehässiger Blick trifft „umso mehr, wenn man eine Frau ist, oder ein unsicherer Mann, eine Flaneudarstellerin also, die auf einmal, indem sie sich selbst in ihm sieht, bemerkt, dass schon das Modell lächerlich und fragwürdig ist.“

Diese doppelte Bedeutung von „Was geht?“ ist Programm. Als Berlinerin habe ich immer gleich einen Tonfall von Jugendlichen im Ohr, die sich auf der Straße begrüßen. Dieses betont coole: Was geht, Bruder, Bro, Alter? Es geht Cotten um die Tücken des Spazierengehens. Es geht um die Tücken des „Anderen“. Es geht um die Probleme des langen Wegs.

Ann Cotten nimmt uns mit auf geheime Pfade und in Labyrinthe, dringt von Sitzung zu Sitzung immer tiefer in das Dickicht des Diskurses ein, und wir folgen ihr einen Schritt vor den anderen setzend. mehr

Warum lesen?

Schon wegen der Erwähnung Johann Gottlieb Seumes, der ja bekanntlich nach Syrakus spazierte und, laut Cotten, seiner Zeit unheimlich blieb, weil „er weder zur Unterschicht, noch zur Oberschicht gehörte und gehören wollte, somit eigentlich ein Vorläufer von Schriftstellernnie heute, die mal an Tafeln tafeln, mal an Rinden nagen.“ Darauf einen getoasteten Brotkanten nachts um vier.

Flexen. Flâneusen* schreiben Städte

/ 2019

Es ist ein erheblicher Unterschied, wie eine Gestalt, die sich Tag und Nacht in der Öffentlichkeit bewegt, um darüber zu schreiben, von anderen im gleichen Raum gelesen wird. Die Frage ist, ob sie frei und unbefangen ihrer Arbeit nachgehen kann oder ob sie bei jedem Schritt über die Konsequenzen ihres Tuns nachdenken muss. Die Anthologie „Flexen“ buchstabiert dieses Tun als Hindernisparcour in „30 verschiedenen Texten mit 30 verschiedenen Perspektiven auf Städte, alle geschrieben und erlebt von Frauen*, PoC oder queeren Menschen“. Statt ums Flanieren geht es hier ums Flexen. „Flexen heißt, mich dort zu bewegen, wo ich nicht vorgesehen bin und etwas tun zu wollen, was für mich erst einmal als etwas Ungewöhnliches gilt. Mich treibt die Neugier, die Lust am Wandeln, das Alleinsein mit der Stadt. Es ist mein Raum. Er gehört mir, wie er jeder Person gehört, die sich in ihm bewegt. Das passt nicht allen. Ich gerate ins Blickfeld. Ich störe. Ich habe Lust am Stören und das kann ich schon durch meine reine Anwesenheit.“ Die Anthologie hat mich dazu gebracht, noch einmal anders über das Flanieren nachzudenken, das ja für mich als weiße Frau im Alter leichter wird, weil aus dem feministischen Ärgernis, von anderen verbal und nonverbal in unsinnige und zerstörungswürdige Schranken verwiesen zu werden, ganz dialektisch ein Vorteil wird. Ich bin so alt, dass ich übersehen werde. Mich als Flaneuse, ob nun mit oder ohne Zirkumflex â zu bezeichnen, würde mir dagegen im Traum nicht einfallen. Flaneuse klingt wie Friseuse und der Begriff ist ja zu Recht als sexistisch abgeschafft. mehr

Warum lesen?

2017 erschienen, hat die Anthologie heute schon das Zeug zur Klassiker*in (um im Diskurs zu bleiben). Simon Sahner sprach in seiner Rezension auf 54books von „Flexen“ als der Erweiterung des Flanierens, nicht seinem Gegenteil oder Ersatz. Das sehe ich auch so.

Eine Frau geht einen trinken. Alleine

/ 2023

Der Text von Lou Zucker fängt mit einer Anekdote an: Drei Männer in der Bar, morgens um Zehn beim Wein, eine Frau kommt rein, allein, bestellt einen Ricard, trinkt ihn und geht. Die Männer: „Hast du die gesehen? Kommt hier rein und bestellt sich einen Ricard. Alkohol! So früh am Morgen!“ Frauen mögen sich den öffentlichen Raum erobert haben, vielleicht nachts sogar alleine durch den Park gehen, aber als Frau ohne Begleitung eine Bar zu betreten, am Tresen zu sitzen und in Ruhe gelassen zu werden, ist eher die Ausnahme. Egal, wo frau Platz nimmt, mmer fühlt sich etwas unbehaglich an. Lou Zucker beschreibt, dass dieses Unbehagen historische Wurzeln hat und weist sie anhand soziologischer Studien, historischer Abhandlungen, von Anstands- und Manierenbüchern nach, bis hin zu politischen Arbeiten Clara Zetkins und Angela Davis‘. Sie erzählt von weiblichen Stigmata, die alt und zäh sind. Frauen, die darauf pfeifen, was die Öffentlichkeit über sie denkt, sind heute immer noch von Victim Blaming betroffen. Nur 25% der Frauen gehen in Restaurants, in eine Bar noch weniger. Analog zu Gender Pay Gap nennt Lou Zucker das Gender Fun Gap. Den Spaß haben nach wie vor die Männer, ob nun besoffen oder nicht. Der Essay ist ein Plädoyer für ein Konzept der Bar als Gemeinschaft für alle, ein safer space. In dem eine Frau mit einem Buch am Tresen sitzen kann, aus purer Lust am Lesen und nicht als Schutz vor Fragen wie: „Sind Sie alleine hier?“ mehr

Warum lesen?

Schon das Design der MaroHefte ist eine Wucht. Und bei dem hier, Heft 11, ganz besonders. Die Gestalterin Josephin Ritschel verweist auf Edward Hoppers berühmtestes Bild „Nighthawks“ und variiert es mit knalligen Farben.

Ich mag es, wenn feministische Themen entspannt, humorvoll und klug daherkommen.

Das kunstseidene Mädchen

/ 1932

Im ersten Moment würde wohl niemand Irmgard Keuns frühe Romane wie „Gilgi, eine von uns“, 1931 erschienen, oder „Das kunstseidene Mädchen“ (1932) zur Flanierliteratur zählen. Aber in ihnen wird sich viel und häufig durch die Stadt bewegt. In „Das Kunstseidene Mädchen“ ist Doris Tag und Nacht unterwegs in der für sie neuen Stadt. Sie treibt Neugier, aber eine Flaneurin ist sie nicht, denn sie muss Geld verdienen, Männerbekanntschaften schließen.

Aber dann wird sie unbeabsichtigt zur Flaneurin. Mit Brenner, dem Blinden aus dem Haus, in dem Doris untergekrochen ist, verbindet sie eine besondere Beziehung. Ihm erzählt sie die Stadt, durch die sie täglich hindurchgeht, und unbeabsichtigt durch ein Jahrhundert hindurch auch uns. Doris erzählt ein Berlin, das es nicht mehr gibt, nur ein paar Landmarken sind geblieben. Eine schöne Aufgabe: Erkläre einem, der nicht (hin)sieht, die Welt.

Mit ihren Augen können wir heute über den Kurfürstendamm gehen und fragen: „Was hast du gesehen (…) ‚Ich habe gesehen – Männer an Ecken, die verkaufen ein Parfüm und keinen Mantel und kesses Gesicht und graue Mütze und Plakate mit nackten rosa Mädchen – keiner guckt hin – ein Lokal mit soviel Metall und wie eine Operation, da gibt es auch Auster‘, (…) Was hast du gesehen? „Ich habe gesehen – ein Mann mit einem Plakat um den Hals ‚Ich nehme jede Arbeit‘ und ‚jede‘ dreimal rot unterstrichen – und ein böser Mund, der zog sich nach unten mehr und mehr. (…) Ich sehe – gequirlte Lichter, das sind Birnen dicht nebeneinander – Frauen haben kleine Schleier und Haar absichtlich ins Gesicht geweht. Das ist die moderne Frisur.“ mehr

Warum lesen?

Im Präsens, volle Präsenz.

Infos zu dieser Liste
Erstveröffentlicht: 18.12.2023
Zuletzt aktualisiert: 08.01.2023
Diese Liste wurde gefördert durch

Annett Gröschner hat vor 40 Jahren, gerade frisch in (Ost-)Berlin angekommen, angefangen, öffentliche Verkehrsmittel als Ort des Flanierens zu benutzen. Sie stieg einfach an der Schönhauser Allee in die erstbeste Straßenbahn ein und fuhr bis zur Endstelle im Weichbild der Stadt. Seitdem hat sie nicht aufgehört damit und ist neben ihrer Arbeit als Schriftstellerin, Performerin, Kulturjournalistin und Dozentin immer auch eine, die sich in fremden Städten treiben lässt – am liebsten mit der Linie 4.