Von Saša Stanišić

Ich lese immens wenig, vor allem seit ich vor siebeneinhalb Vater geworden bin. Und seit mich, zeitgleich in etwa beginnend, das Auseinanderfallen der Welt – des Klimas, des Friedens, der Politik – so sehr beschäftigt, dass ich schlicht nicht die Kraft und Ruhe für andere Gedanken finde und dafür, „mal ein Buch für mich zu lesen“.

Und weil ich älter geworden bin und schneller müde werde beim Lesen.

 

Die einzige ehrliche Liste, der ich also fähig bin, ist diese:
Fünf Bücher aus den letzten siebeneinhalb Jahren,

-       die ich geschafft habe, zu Ende zu lesen,

-       die ich nicht wegen einem Moderationsauftrag oder Recherche gelesen habe,

-       die ich auch einiger Maßen anderen Müden, Abgelenkten empfehlen kann

Die Schule der Dummen

/ 1993

Es ist nicht ganz leicht, ein Buch zusammenfassen, in dem es um alles auf einmal geht – vom schönen Klang des Sprechens in eine Regentonne bis zur unerwiderten Liebe – und scheinbar nichts zusammenkommt in den Gedanken, Erinnerungen, Wünschen und Handlungen eines russischen Hilfsschülers. Und wenn der auch noch mit sich selbst spricht, und dieses andere Ich sehr gern widerspricht – dann, ja dann ist man schon mittendrin in der „Schule der Dummen.“

 

Warum lesen

Weil es ein sprachlich komplett überwältigender, inhaltlich hochinteressanter Stream-of-Consciousness eines – ja – dummen Menschen ist.

Oder?

/ 2021

Jetzt verstoße ich gegen ein eigenes Kriterium. Dieses kleine, großartige Buch habe ich für eine Moderation gelesen. Aber ich habe es auch für die Moderation vorgeschlagen, denn es ist eines der besten, kleinen, großartigen Bücher, die ich gelesen habe (und darunter sind auch Bücher aus der Zeit, als ich viele Bücher las). Es geht darum um Emanzipation, um eine Odyssee, aber auch darum, dass sich die Romanfiguren ihrer Figurenhaftigkeit bewusst werden und anschließend die Kontrolle über den Text übernehmen.

 

Warum lesen

Lesen für eine einmalige metafiktionale Erfahrung, Witz und Fressen.

Sprache und Sein

/ 2020

Wer sind wir? Wir sind das Sprechen, wir sind die Kommunikation, wir – jede und jeder von uns – eine eigene mannigfaltige Welt, und wir sind aber auch die Perspektive eines Sprechers oder Sprecherin auf uns selbst, wir sind die, die Perspektiven bauen und das Sprechen benutzen als Weg zueinander und leider auch gegeneinander.

 

Warum lesen

Lesen, weil so ein kluges Plädoyer fürs Aufpassen beim Mundaufmachen.

Tenth of December

/ 2013

Die besten (mit Abstand) Short Stories, die ich in den letzten siebeneinhalb Jahren gelesen habe. Dazu muss ich aber auch sagen, ich habe überhaupt nur drei oder höchstens vier (habe es ehrlich vergessen) Sammlungen gelesen. Diese hier spielen an den Rändern der amerikanischen Gesellschaft, wo sich Traumatisierte, finanziell Ruinierte, Kriminelle und überhaupt Außenseiter tümmeln. Und sie erzählen von deren finsteren Machenschaften und abscheulichen Taten, vom Wert des Lebens und Denkens (klein), von Traumata und wie man sie vielleicht überwindet (indem man das Haus der eigenen Mutter abfackelt?).

 

Warum lesen

Lesen, weil stilistische Könnerschaft, interessante Themen, präzise Figurenzeichnungen, super Dialoge.

Wazn Teez?

/ 2017

Es gibt so viele doofe Bilderbücher. „Wazn Teez?“ ist das undoofste, schönste, beste. Lesen, weil jede Sprache eine mal erfundene ist. Hier erfindet Carson Ellis eine Sprache für das Vergehen von Zeit

 

Warum lesen

Es ist doch eigentlich alles dann leichter zu ertragen (theoretisch). Elternschaft, schwierige Aufgaben, schwierige Menschen, schwierige Zeiten. Oder auch nicht, je nachdem. Natürlich öffnen Bücher ganze Welten, aber das tun auch eigene Recherchen oder kluges Reisen. Ich glaube auch an die Kraft des Buches als Einschlafmittel.

Infos zu dieser Liste
Erstveröffentlicht: 19.12.2022
Zuletzt aktualisiert: 19.12.2022
Diese Liste wurde gefördert durch

Saša Stanišić: Autor von Büchern für jung und alt. Lebt in Hamburg