Kuratiert von Wiebke von Bernstorff, Sebastian Schweer, Lisa Brunke

Das Wort Antifaschismus ist in gegenwärtigen Debatten und aus gegebenem Anlass wieder in aller Munde. Das ist sicher kein Grund zum Feiern, aber dafür umso mehr ein Anlass, sich auf die Suche nach der Geschichte dieses Begriffs und seiner vielfältigen Auslegungen in der Literatur zu machen.

Diese Leseliste fragt aus einer literaturhistorischen Perspektive danach, was Antifaschismus war, wodurch sich diese Haltung auszeichnet und mit welchen ästhetischen und politischen Praktiken sie verbunden ist. So ist eine vielstimmige Kollaboration entstanden. Wir haben Autor*innen, Wissenschaftler*innen und interessierte Menschen gebeten, einen oder zwei literarische Texte, die zwischen 1918–1945 entstanden sind und Teil des antifaschistischen Kampfes waren, vorzustellen.

Wir wenden uns an die Literatur, um Auskunft über die mit dem Begriff verknüpften politischen Bewegungen, ihre Geschichte und ihren Nachhall in den verschiedensten literarischen Genres zu erhalten. So zeigen sich hinter dem vereinheitlichenden »Anti-« verschiedene Überzeugungen, ästhetische und politische Ansätze, Genres und Perspektiven. Durch die Texte entsteht eine mal (selbst-)kritische, mal parteiische, mal literarisch ambitionierte, mal plakative oder komplexe Perspektive auf den vielgestaltigen Kampf gegen den deutschen Faschismus. Kurzum: Diese Liste soll einen Eindruck der Bandbreite antifaschistischen Schreibens vermitteln.

Es ist ein Merkmal von Listen und ganz besonders von dieser, dass sie nur eine Auswahl abbilden kann und zur Unvollständigkeit verdammt bleibt. So greift unsere Liste explizit nicht die vielen Texte auf, die in anderen Sprachen entstanden und/oder weitere Aspekte des Faschismus beleuchten, aus dem Lager heraus schrieben, sich in Beziehung zum Kolonialismus setzten, im Kontext des spanischen Bürgerkriegs entstanden. All das sind Themen für weitere mögliche Listen, die noch zu schreiben sind. Damit ist diese Liste eine Einladung zum Lesen und Wiederlesen, zum Nachrecherchieren und Ergänzen, aber vor allem ein Appell zum Weiterdenken und Weitermachen!

Unsere Straße. Eine Chronik

/ 1947
Erstveröffentlicht 1936 in Prag

Der Tatsachenroman »Unsere Straße« von Jan Petersen (recte Hans Schwalm) gilt als der einzige antifaschistische Text, der während der NS-Zeit in Deutschland verfasst und unter großer Gefahr außer Landes geschmuggelt wurde. Erste Ausschnitte des Textes wurden bereits 1935 in Paris veröffentlicht, der Roman erschien erstmals 1936 in Prag, zeitgleich also zur in NS-Deutschland stattfindenden Olympiade.

Der Roman hebt darauf ab, eine »authentische« Schilderung der Verhältnisse, insbesondere der Gleichschaltung, und des antifaschistischen Widerstands in NS-Deutschland zu liefern und er steht in der Tradition linker »Straßenromane« seit Klaus Neukrantz »Barrikaden am Wedding« (1930) und Willi Bredels »Rosenhofstraße« (1931). Bei der Lektüre wird schnell klar, dass es sich um den Text eines KPD-Kaders handelt, was sich etwa in der Darstellung der vergreisten und eher ahnungslosen SPD-Genoss*innen niederschlägt. Dennoch findet sich in der Figurenrede durchaus eine Kritik an der Sozialfaschismusthese und Sozialdemokrat*innen gelten denn auch prinzipiell als Genoss*innen im gemeinsamen Kampf gegen den deutschen Faschismus. Doch nicht nur der Entstehungsgeschichte, sondern auch dem episoden- und anekdotenhaften Schreibstil ist es geschuldet, dass der Text eine Sogwirkung entfaltet. Auf wenigen Seiten werden kurze, häufig äußerst spannende oder bestürzende Begebenheiten aus dem (stets politischen) Alltag des Ich-Erzählers und seiner Genoss*innen geschildert. Die schwer erträgliche Passage, in der ein Mithäftling Erich Mühsams über dessen Demütigungen, Misshandlungen und Folter im Konzentrationslager berichtet, bleibt eindrücklich in Erinnerung. mehr

Warum lesen?

Durch seine Entstehungsgeschichte ist »Unsere Straße« ein besonderes literarisches Zeugnis des antifaschistischen Kampfes. Der Roman zeigt eindrücklich, was mit den politischen Gegner*innen passiert ist, als der Staatsapparat in die Hände der (deutschen) Faschisten fällt – und damit, was die Weltöffentlichkeit ab 1936, dem Jahr der Olympiade in Berlin, über NS-Deutschland hätte wissen können. Ein großes Verdienst des Textes ist es, den heute kaum mehr bekannten Kommunist*innen aus dem Widerstand zu gedenken und diese in kurzen, wertschätzenden Charakterisierungen nahbar zu machen.

 

[Sebastian Schweer]

Furcht und Elend des Dritten Reiches

/ 1970
Uraufführung 1938

»Furcht und Elend des Dritten Reiches« stellt Brechts direkteste dramatische Konfrontation mit dem Faschismus dar. Während »Arturo Ui« dessen (»aufhaltsamen«) Aufstieg mit hintergründiger Allegorie entlarvt und »Frau Carrar« die Entscheidungsfrage des Widerstandes stellt, besteht dieses Stück aus einer Reihe von zwei Dutzend »(Schreckens-)Szenen« aus NS-Deutschland. 1937–38 in Zusammenarbeit mit Margarete Steffin entstanden, basiert es auf Zeitungs- und Zeugenberichten, die die beiden im dänischen Exil aus dem knapp 60 km entfernten Deutschland erreichten.

Diese Szenen, die in Auswahl und beliebiger Reihenfolge von Amateur:innen gespielt werden können, sind Paradebeispiele eines eingreifenden, zeitgenössischen Theaters und wurden schon vor 1945 in London, New York, Moskau, Paris und vor Frontsoldaten in Leningrad inszeniert. mehr

Warum lesen?

Die Szenen »Rechtsfindung«, »Die jüdische Frau« und »Der Spitzel« zählen zum Beklemmendsten und Bewegendsten, was im Brecht-Kreis je geschrieben wurde; selten sind die Alternativen von Kollaboration, Selbstverrat und Solidarität so schonungslos dargelegt worden. Brecht und Steffin bohren hier unter die Oberfläche des Alltags, um die kommunikativen Strukturen menschlichen Zusammenlebens freizulegen. Justiz, Religion, Ehe, Erziehung, Wirtschaft und Wissenschaft werden mit klinischem Blick gemustert, um aufzuzeigen, wie sie sich – vom faschistischen Virus befallen – zersetzen und sich das Gewebe der Gesellschaft auflöst. Die Ergebnisse sind soziologisch exakt, menschlich erschütternd und unerbittlich aktuell.

[Noah Willumsen]

Die Geschichte des Hitlerjungen Adolf Goers

/ 1947
1940 englische Erstausgabe

Der Protagonist Adolf Goers kommt aus der Bündischen Jugend, arbeitet im Bekleidungsgeschäft eines jüdischen Inhabers und geht lediglich auf äußeren Druck in die HJ. Die klare Struktur von Befehl und Gehorsam, die körperliche Schinderei und die regelmäßigen »Saufabende« schrecken ihn ab. Aus der Not heraus will er aufsteigen, um dem größten Druck zu entgehen. Schnell gerät er ins Zentrum von Intrigen und Machtspielen und erfährt, was es bedeutet, »seine Sterne im Bett« zu verdienen. Sex und Macht sind hier zwei Seiten einer Medaille. Doch lernt der heterosexuelle Adolf auch einen um etliche Stufen höherstehenden schwulen Führer kennen, der nicht in das vorgezeichnete Muster passt und ein Bild davon vermittelt, was echte schwule Liebe bedeuten kann.

Seit der Jahrhundertwende nutzen Sozialisten und Kommunisten die herrschenden Vorurteile gegen Homosexuelle als politisches Argument, konstruieren einen Zusammenhang von Homosexualität und Faschismus und sprechen im Exil sogar von der NSDAP als »Bewegung der Homosexuellen«. Wer in dieser Situation ein humanistisches Bild schwuler Liebe zeigen will, kommt um das übermächtige Stereotyp vom »schwulen Nazi« nicht herum. So muss Siemsen (1891–1969) es erst bedienen, wenn er ihm etwas entgegensetzen will. Er vermittelt eine interessante, in Ich-Form präsentierte, auf Authentizität angelegte und deshalb teils auch naiv wirkende Innenansicht der Hitlerjugend und spiegelt zugleich die ausweglose Situation, in die Schwule wie er durch den Opportunismus ihrer Genoss:innen gebracht werden. mehr

Warum lesen?

Ein literarisches Vergnügen bereitet dieser Roman nicht. Aber neben einer wenig schmeichelhaften Innenansicht der Hitlerjugend aus Perspektive eines »Mitläufers« zeigt er die mächtige Wirkungsweise des konstruierten Zusammenhangs zwischen Homosexualität und Faschismus. Wer sich heute noch fragt, woher in manchen linken und antifaschistischen Kreisen eine tiefsitzende Abneigung gegenüber schwulen Männern kommt, findet hier deutliche Hinweise. Man muss allerdings die entsprechenden Zeitumstände dabei »mitlesen« (Kurt Tucholskys »Röhm« und Klaus Manns »Homosexualität und Faschismus« sind insofern vielleicht aussagekräftiger.)

[Detlef Grumbach]

Die Gronauer Akten

/ 1954
geschrieben 1936 in Moskau

Auf Gut Gronau wird ein SA-Mann ermordet. Günther Geismar, wie der Autor in der Wandervogel-Jugend sozialisierter Bildungsbürger, wird als Sonderermittler im Dienst der NSDAP mit der Aufklärung des Falls beauftragt. Schnell gerät der Parteigenosse in ein unübersichtliche Beziehungsgestrüpp von SA und SS, einem Gutsherren, der auf eigene Rechnung arbeitet, und dem Hauslehrer Berger, der sich am Ende als KPD-Genosse auf »Urlaub«, also ohne Parteiauftrag dort, erweist. Der Schöngeist Geismar interessiert sich aber eigentlich mehr für die »Gronauer Akten«, die im Archiv der Pfarrei liegen und von einem mittelalterlichen Hexenprozess erzählen. Er verheddert sich in den Niederungen seines Falls, Hexenverfolgung und politisch instrumentalisierte Ermittlungsarbeit überlagern sich und Geismar muss begreifen, dass er seine humanistischen Ideale über Bord werfen muss, wenn er im Sinne der Macht bestehen will. So endet er als Kommandant eines KZ.

Alfred Kurella schreibt den Roman 1936 in Moskau, nachdem er ins Visier der stalinistischen Säuberungen geraten ist. So soll ihm dieser Roman über innere Widersprüche in NS-Deutschland und die schwierige Arbeit der KPD zu neuer Reputation verhelfen. Subkutan gerät ihm aber auch eine Art Selbstportrait, denn zu sehr gleichen sich biografischer Hintergrund und Charakterzüge Geismars und Kurellas. So zeigt sich an dem Roman vielleicht auch das subversive Eigenleben künstlerischer Arbeit, denn er wirft auch einen interessanten Blick auf die zerstörerische Situation des Individuums, das in seinen Grundhaltungen in Widerspruch zu der Gruppe (Partei) gerät, mit der allein er wirksam für seine Ziele arbeiten kann. Gedruckt wird er nicht. Kurellas Bruder Heinrich wird 1937 in Moskau zum Tode verurteilt und hingerichtet. Erst ein Jahr nach Stalins Tod erschien der Roman in der DDR. mehr

Warum lesen?

Der Roman konterkariert das Bild des Nationalsozialismus als eines durchorganisierten und geschlossenen Herrschaftssystems und zeigt innere Widersprüche, wo sie sich am ehesten entfalten konnten: weit weg von Berlin auf dem Land. Einen besonderen Reiz hat der Roman für jene, die sich für Alfred Kurellas ambivalente Rolle in der Kulturpolitik der DDR interessieren.

[Detlef Grumbach]

Transit

/ 1947
1944 auf Spanisch und Englisch erstveröffentlicht

Der Roman handelt von der transitorischen Situation von Flüchtlingen in Form eines dialogischen Monologs: Ein Ich, dessen wahren Namen man nicht erfährt, erzählt einem ebenso anonymen Du in der Hafenstadt Marseille, einer Zwischenstation auf der Flucht vor dem Nationalsozialismus 1940/41, von den kafkaesken Mühen, Transitvisa zu beschaffen. Anna Seghers schrieb den Roman selbst in einem Raum des Transits während ihrer Flucht in Marseille, den Pyrenäen und auf einem Schiff nach Martinique. Er wurde 1944 auf Englisch und Spanisch veröffentlicht, 1947 auf Deutsch. Der Roman ist auch in seiner literarischen Form den Flüchtlingen gewidmet, ihrer flüchtigen Zeit – »flüchtig« ist das hervorstechendste Adjektiv des Texts – und ihrer ephemeren Rolle im Räderwerk der herrschenden Verhältnisse, dem dennoch zarte Bande der Solidarität und der Sorge entgegengesetzt werden. Nicht zuletzt verbinden sich in einer Liebesgeschichte mythische Figuren der Wiederkehr und der Identitätsvertauschung mit der radikalen Gegenwärtigkeit unaustauschbarer historischer Umstände. mehr

Warum lesen?

In höchster Intensität rüstet uns »Transit« für die Bedrohungen aktueller Faschismen und bringt die heutige Gefangenschaft nicht nur von Migrant:innen in einer scheinbar unentrinnbaren Gegenwart ästhetisch auf den Punkt. In dieser Verbindung von Wiederkehr und historischer Konkretion liegt seine atemberaubende Gegenwärtigkeit.

[Florian Kappeler]

 

Zehn Millionen Kinder. Die Erziehung der Jugend im Dritten Reich

/ 1938

Unter dem Titel »School for Barbarians« war dieses Buch 1938 drei Monate nach Erscheinen in den USA ein Bestseller (40.000 Exemplare). Ausgangspunkt und Anlass für die gründlichen Recherchen war Erika Manns Vortragstätigkeit in Volkshochschulen, Women's Clubs, Kirchen und Wohlfahrtsorganisationen seit 1937. Für ihre Mission, die amerikanische Öffentlichkeit von der Gefährlichkeit des Faschismus zu überzeugen, arbeitet Mann mit Zitaten aus Hitlers »Mein Kampf«, aus Erlassen für Schule und Unterricht, aus Lehrerbegleitheften für den »Rasse- und Wehrkundeunterricht«, aus der »Fibel« und aus dem »Stürmer«. Diese Dokumentation bindet sie in fiktionale, aber durch Erzählungen von Menschen aus Deutschland geformte Kinderleben und Kinderperspektiven ein. Das aufrüttelnde und zugleich aufklärerische Potential der Darstellung von Familie, Schule und Jugend im »Dritten Reich« ist bis heute ungebrochen. mehr

Warum lesen?

Meine erschreckendste Einsicht aus diesem Buch lautet: »Das alles also lag 1937 vollkommen offen zu Tage und konnte jede*r jederzeit zur Kenntnis nehmen!?« Der Text zeigt in seiner Kombination aus Fakten und Fiktion (faction) bis heute zugleich systematisch, detailliert und unendlich emphatisch, wie faschistische Herrschaftsstrukturen funktionieren und wie sie das Individuum infiltrieren und angreifen, um es zu zerstören.

[Wiebke von Bernstorff]

Professor Mamlock

/ 1933

In seinem 1933 erschienenen Theaterstück »Professor Mamlock« zeigt Friedrich Wolf das Chaos nach dem Reichstagsbrand und wie die Nationalsozialisten durch emotionale Manipulation und Wortverdrehung schnell die Macht ergreifen können. Der angesehene jüdische Chirurg Mamlock, der sich als Kriegsveteran in Sicherheit wähnt, verliert durch die »Gesetze zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums« über Nacht seine Klinik. Auch seine Familie ist davon betroffen: Seine Tochter Ruth wird aus der Schule ausgeschlossen und gedemütigt, während sein Sohn Rolf sich den Kommunisten anschließt. Generationenkonflikte und die drängende Frage, wie man sich verhält, wenn die Grenzen zwischen Legalität und Willkür verschwimmen, prägen das Stück.

Mamlocks blindes Vertrauen in Wissenschaft und Nation verdeutlicht die Ohnmacht der Vernunft, denn die Nazis brauchen keine Logik, schließlich lebt ihr System von Hass. Indem Wolf die NS-Propaganda wörtlich wiedergibt, vertraut er darauf, dass ihre Absurdität von selbst sichtbar wird. mehr

Warum lesen?

Weil das Stück präzise die Ereignisse von 1933 und die Reaktionen verschiedener gesellschaftlicher Milieus in kurzer Form einfängt und damit besonders lehrreich ist. Weil es in einer Zeit, in der Fakten ignoriert und Emotionen instrumentalisiert werden, die drängende Frage nach Widerstand und Verantwortung stellt.

[Margot Desplanches]

Unsere Töchter, die Nazinen

/ 1935

Hermynia Zur Mühlen, die im April 1933 aus Deutschland mit ihrem jüdischen Partner nach Wien geflohen war, setzte sich mit ihren Werken für Kinder und Erwachsene für eine gerechtere Welt ein. In »Unsere Töchter, die Nazinen« lässt die Autorin drei ältere Frauen aus unterschiedlichen sozialen Schichten zu Wort kommen, eine Arbeiterin und Anhängerin der sozialistischen Partei, eine Gräfin, die ebenfalls den Sozialist*innen nahesteht und eine mit einem nationalsozialistisch eingestellten Arzt verheiratete Frau. Alle drei haben Töchter, die sich, zumindest zeitweise, den Nazis anschließen. Jede der drei Frauen erlebt die politische Situation in Deutschland unterschiedlich: die Bücherverbrennungen, der Antisemitismus, die Gewalt und die »Arisierungen« werden so in den drei Figurenperspektiven reflektiert. Angetrieben wird das Erzählen von der Frage, warum sich die Töchter dem Nationalsozialismus zuwenden. Hermynia zur Mühlen beweist in diesem Roman ihre politische Weitsicht, zeigt aber auch, anhand der Ehefrau des Arztes, wie Kränkungen, Neid und zwischenmenschliche Probleme dazu führen können, sich einer menschenverachtenden Politik zuzuwenden. mehr

Warum lesen?

Obwohl das Buch als spannende Fiktion zu lesen ist, gibt die Autorin einen tiefen und zeitgenössischen Einblick in die Entstehung und frühe Zeit des Nationalsozialismus und zeigt, wie eine Nähe zur nationalsozialistischen Ideologie – oft unreflektiert – entstehen kann.

[Susanne Blumesberger]

Elisabeth, ein Hitlermädchen

/ 1937

Maria Leitners (1892–1942) antifaschistischer Roman »Elisabeth, ein Hitlermädchen« ist in mehrerlei Hinsicht außergewöhnlich: Er wurde 1937 in Fortsetzungen in der »Pariser Tageszeitung« veröffentlicht, zu einem Zeitpunkt, zu dem Leitner bereits seit mehreren Jahren im französischen Exil lebte. Anders als die meisten ihrer Kolleg*innen berichtet Leitner in »Elisabeth« jedoch nicht von der Mühsal und den Herausforderungen nach der Flucht aus Deutschland, sondern beschreibt eindringlich die nationalsozialistischen Verhältnisse. Dem Geschilderten kommt dabei eine hohe dokumentarische Qualität zu, denn Leitner war trotz ihrer Gefährdung als jüdische und linke Autorin nach 1933 immer wieder inkognito nach Deutschland gereist, um über die dortigen Arbeitsverhältnisse sowie über Aufrüstung und Giftgasproduktion zu berichten.

Im Zentrum von »Elisabeth, ein Hitlermädchen« steht die junge Angestellte Elisabeth Weber, die zu Beginn noch eine überzeugte Anhängerin des NS ist. Im Verlauf der Handlung wird sie jedoch zum Arbeitsdienst eingezogen und lernt schnell, dass nationalsozialistische Erziehung in erster Linie militärischer Drill und Schikane ist. Im Arbeitslager trifft sie auch auf eine Vielzahl von Frauen mit unterschiedlichsten sozialen und politischen Hintergründen. Sie alle – von Elisabeth über die bürgerliche Studentin Lilli bis hin zur sozialistischen Arbeiterin Hilde – werden sich schlussendlich zusammentun und eine Revolte gegen die drakonische Lageraufseherin Frl. Kuczinsky anzetteln. Dabei bilden sie eine durch und durch heterogene Gemeinschaft, die sich markant vom nationalsozialistisch-völkischen Kollektiv unterscheidet. mehr

Warum lesen?

In »Elisabeth, ein Hitlermädchen« erfolgt der Zusammenschluss der aufständischen Lagergemeinschaft im Dialog der Figuren. Dadurch gelingt die literarische Herstellung eines ebenso diversen wie inklusiven politisch wirksamen Kollektivs, was schließlich auch ermöglicht, das antifaschistische Figurenarsenal durch neue Akteurinnen zu bereichern. Darüber hinaus widmet sich Leitner Themen, die zum Teil selbst von der historischen Forschung erst seit kurzem bearbeitet werden: So berichtet sie nicht nur von Arbeitsdienst und Zwangssterilisation, sondern auch von weiblicher Täter*innenschaft im NS.

[Stephanie Marx]

Der Abgrund

/ 1936

Oskar Maria Graf hält sich nach dem 24. Februar 1933 zu einer Lesereise in Wien auf. Die Stadt sollte danach seine erste Exilstation werden. Zwei Tage nach dem Scheitern des Februar-Aufstands der Wiener Arbeiter gegen die Regierung Dollfuß flieht er zusammen mit seiner Lebensgefährtin Mirjam Sachs am 16. Februar 1934 aus Österreich über Bratislava nach Brünn (Tschechoslowakei). Dort wird er bis zu seiner Ausreise in die USA 1938 leben.

1934, im Exil in Brünn, arbeitete Graf an dem Zeitroman »Der Abgrund«, der zwei Jahre später im Malik Verlag in London und in der Verlags-Genossenschaft ausländischer Arbeiter in der UdSSR erschien. Den Nukleus des Romans bilden die Erfahrungen, die er in seinem Wiener Jahr 1933/34 machte, und durch die er seine Enttäuschung über das Scheitern einer Einheitsfront gegen den Nationalsozialismus verarbeitete.

Der Roman behandelt die Zeitspanne von 1930 bis in die Wirren des Wiener Arbeiteraufstands 1934 und stellt den Nationalsozialismus am Beispiel der Münchener Familie Hochegger dar. Die divergierenden Positionen zwischen Sozialdemokratie und Kommunismus zeigen sich anhand unterschiedlicher Familienmitglieder.

Grafs Ziel war es, mit der kritischen, literarischen Darstellung der Ereignisse zur antifaschistischen Einheitsfront beizutragen. 1956 überarbeitete er den Roman und gab ihm den neuen Titel »Die gezählten Jahre«. Dieser Fassung (posthum 1976 veröffentlicht) fehlt die hoffnungsvolle Geste vom Schluss der Erstfassung. mehr

Warum lesen?

Der Roman enthält eine gelungene Mischung aus faktualen und fiktionalen Elementen, mit denen der Einbruch der historischen Katastrophe 1933 aufgegriffen wird. Graf rief sein Publikum im Exil zur produktiven Auseinandersetzung mit Differenzen auf. Was im Roman geschieht, so seine Intention, soll von der Leserschaft fortgesetzt werden, allerdings als vielstimmiger Dissens, der zur Gemeinschaftlichkeit neigt, so wie es radikale Demokratietheorien heute formulieren.

[Waldemar Fromm]

Caféhaus Payer

/ 1941

»Caféhaus Payer« (1941) ist die erste umfangreichere literarische Arbeit der Schriftstellerin, Theaterschaffenden und Journalistin Hedda Zinner. Zinner, die später zu den meistgelesenen Autorinnen der DDR gehören wird, verfasste den Text im sowjetischen Exil, in das sie durch die nationalsozialistische Machtergreifung 1933 gezwungen war. Das Stück spielt im März 1938 in Wien, also kurz nach dem sogenannten »Anschluss« Österreichs an Deutschland. Zinner greift somit einen sehr spezifischen kulturellen, aber auch politischen Kontext auf, denn dem NS war in Österreich mit dem Austro-Faschismus bereits ein anderes autoritäres Regime vorangegangen.

»Caféhaus Payer« erzählt von den verschiedenen Wegen, auf denen die Mitglieder der Familie Payer mit den neuen Machthabern in Konflikt geraten: Der antifaschistische Sohn Georg wird bei einer Hausdurchsuchung der SS angeschossen, die Tochter Gretl will den SS-Mann Marek heiraten, der es jedoch einzig auf das gut gehende Kaffeehaus der Großmutter Payer abgesehen hat. Dem Vater Wilhelm, der schon in der Habsburger Monarchie staatstreuer Beamter war, wird schließlich seine Prinzipientreue unter nationalsozialistischer Führung zum Verhängnis. Ausgehend von diesen Verwicklungen macht das Stück die Notwendigkeit antifaschistischen Widerstands – auch im bürgerlichen Milieu – deutlich. Diese Botschaft wird jedoch nicht im Ton der Didaktik, sondern im humorvollen Stil des (kritischen) Volksstücks vorgebracht. So sprechen fast alle Figuren (teils starken) Dialekt, was insbesondere beim Aufeinandertreffen der vorlauten Haushälterin Lintschi mit dem zackigen Berliner SS-Mann Flentjen zu witzigen Missverständnissen führt. mehr

Warum lesen?

Zinner gelingt es in »Caféhaus Payer«, das drängendste Thema ihrer Zeit auf überaus unterhaltsame Weise zu bearbeiten. So deutlich die politische Ausrichtung des Stückes auch ist, so wenig simplifizierend ist es dabei: Störungsmomente treten beispielsweise durch die (sprachliche und milieuspezifische) Lokalisierung des Stücks auf. Diese ästhetische und humoristische Ausgestaltung wirft explizit die Frage nach den Spezifika bzw. dem Universalismus antifaschistischer Politik(en) auf. Darüber hinaus spielen auch Geschlechterfragen eine zentrale Rolle, denn die Möglichkeiten und Grenzen antifaschistischen Handelns unter patriarchalen Verhältnissen werden in dem Theaterstück ebenfalls diskutiert.

[Stephanie Marx]

»Deutsche Hörer!« Radiosendungen nach Deutschland

/ 1940-1945

Im Oktober 1940 sendete die BBC über ihren Deutschen Dienst die erste von fast 60 Reden Thomas Manns. »Deutsche Hörer!« – so begann jede Ansprache, die er monatlich aus dem US-amerikanischen Exil an seine Landsleute richtete, um ihnen die Monstrosität der Nationalsozialisten vor Augen zu führen und sie dazu zu bewegen, den Krieg zu beenden. Überzeugt davon, dass es einem Schriftsteller seines Ranges nicht gestattet sei, die Politik von der Kunst zu trennen, sah er in den Radiosendungen vor allem einen »moralischen Gewissensdienst«.

Die Anfrage der BBC bot dem prominenten Schriftsteller Mann Gelegenheit, mit seinem deutschen Publikum, das im Krieg keinen Zugang mehr zu seinen Büchern hatte, verbunden zu bleiben – zumindest mit denjenigen, die sich vom Verbot, den »Feindsender« einzuschalten, nicht einschüchtern ließen.

Mit Mann engagierte die BBC einen wortmächtigen Intellektuellen, an dessen Gegnerschaft zu Hitler kein Zweifel bestand. Schließlich hatte der Nobelpreisträger einen großen Teil seines Vermögens, seine deutsche Staatsbürgerschaft sowie die Möglichkeit zur Veröffentlichung seiner Bücher verloren und war damit selbst Opfer des Regimes geworden.

Neben dem Wunsch, in den Köpfen seiner deutschen Leserschaft präsent zu bleiben, boten die Radiosendungen Thomas Mann Gelegenheit, seinen Hass auf die Nationalsozialisten in die Welt zu rufen. Dementsprechend heißt es in einem Brief an Agnes Meyer vom 28. April 1942: »Ich kann mir nicht helfen: Es tut doch wohl, Hitler so recht ins Gesicht hinein einen blödsinnigen Wüterich zu nennen.« Seine scharfzüngigen Attacken gegen Hitler durchziehen die Reden wie ein roter Faden, und je länger der Krieg dauerte, desto polemischer wurde auch sein Ton.

Mann ging es mit seinem Botschaften vor allem darum, der Lügenpropaganda der Nazis eine Stimme der Wahrheit entgegenzusetzen und so sprach er schon im September 1941 von der Judenverfolgung; berichtete im Januar 1942 von der Tötung holländischer Juden durch Vergasung und vom Grauen der Konzentrationslager, von Auschwitz und Majdanek und schonte seine Hörer nicht. Immer wieder drängte er seine Hörer mit flammenden Appellen zur Selbstbefreiung, zu einer »demokratischen Revolution von innen«.

Als dann im Mai 1945 die Kapitulation Deutschlands erfolgt war, forderte Thomas Mann seine Landsleute auf, den Sieg als Leistung der Alliierten anzuerkennen und ihn als Stunde der Rückkehr zur Menschlichkeit zu betrachten.

Doch neben diesen versöhnlicheren Tönen gab es auch andere: Denn die Radiosendungen adressieren auch die kollektive Schuld und Verantwortung des deutschen Volkes – ein Grund für die bisweilen heftige Ablehnung, mit der deutsche Intellektuelle nach 1945 auf Thomas Mann reagierten. mehr

Warum lesen?

Die »Deutsche Hörer!« -Sendungen sind ein herausragendes Beispiel für das politische Engagement Thomas Manns im Kampf gegen Faschismus. Zu Unrecht führten die Rundfunktexte – neben seinen berühmten Romanen – lange ein Schattendasein, Erzählungen und Essays. Es lohnt sich, Thomas Mann von einer weniger bekannten Seite kennenzulernen und seine sprachliche Virtuosität auch in den BBC-Reden zu bewundern.

[Sonja Valentin]

»Nach Mitternacht«

/ 1937

Irmgard Keun zeigt in diesem Roman (von 1937), wie eine Hybridgattung – Kriminalroman und Exilliteratur – bis heute seine Wirkung nicht verfehlt und als Sozialstudie gelesen werden kann. Die naiv anmutende Perspektive der neunzehnjährigen Sanna zeigt uns ihr Privatleben und das gesellschaftliche Umfeld. Es ist repräsentativ für das Alltagsleben der Menschen in NS-Deutschland nach 1933, in der Provinz an der Mosel, aber auch in Köln und Frankfurt. Von sozialer Ungleichheit, Profitdenken und extremer Gewaltbereitschaft geprägt, herrscht eine Atmosphäre der Angst. Gegenseitige Überwachung, Denunziation und Bigotterie des Kleinbürgertums werden durch Sannas emotionalen und unverstellten Blick schlüssig offenbart. Ohne Absicht ist sie hochpolitisch, antifaschistisch, subversiv und entblößt die Lächerlichkeit der NS-Ideologie.

Heini, Intellektueller und ehemaliger Journalist, mutiert infolge der Zensur nicht zum Schriftsteller der Literatur der Innerlichkeit, sondern schweigt lieber und ergänzt Sannas Perspektive, indem er in vielen Dialogen voller Ironie, sarkastisch und zynisch die politische Situation rational analysiert. Die Verzahnung beider Perspektiven führt zu enormer Spannung, absurden Situationen und Situationskomik. mehr

Warum lesen?

Verpackt in eine Liebesgeschichte handelt es sich um einen spannenden, filmreifen, gesellschaftskritischen Krimi und antifaschistischen Exilroman, ohne das Exil selbst zu beschreiben: Sanna flieht mit ihrem Verlobten Franz mit dem Zug nach Mitternacht – dabei ist es schon längst »Nach Mitternacht« für die deutsche Gesellschaft.

[Simela Delianidou]

Dein unbekannter Bruder

/ 1952
Erstveröffentlichung 1937 in deutschsprachigen Exilverlagen in London, Basel und Moskau sowie auf Tschechisch in Prag

»Dein unbekannter Bruder« wurde 1937 parallel in mehreren Exilverlagen veröffentlicht. Inhaltlich und zeitlich schließt er an Bredels 1934 veröffentlichten Roman »Die Prüfung« an, das literarische Zeugnis seiner vierzehnmonatigen Schutzhaft im Hamburger KZ Fuhlsbüttel.

Die Handlung umfasst die Zeit zwischen November 1934 und 1935, die Hauptschauplätze sind Hamburg und Berlin. Souverän zwischen den Innenperspektiven seiner Figuren wechselnd, erzählt der Roman vom konspirativen, von der verbotenen KPD koordinierten antifaschistischen Widerstand in Form einer Geschichte von Helden und Schurken: Ein Verräter in den eigenen Reihen liefert Genoss*innen an die Gestapo aus, bis er am Ende enttarnt wird. Den politischen Kern des Romans bildet die Debatte um die Volksfront: Ganz im Sinne des VII. Weltkongresses der Komintern vom August 1935 vollziehen Kommunisten und Sozialdemokraten am Ende den Schulterschluss gegen den Faschismus. Der Roman endet daher siegesgewiss. Allerdings hat er merklich Mühe, die Widersprüche zu überdecken, die sich ergeben, wenn man einerseits die Dimitroff-These vertritt und das Bild einer nahezu geschlossen antifaschistischen Arbeiterklasse zeichnet, andererseits aber auch den breiten Rückhalt für den Nationalsozialismus in der deutschen Bevölkerung konstatieren muss, der sich im Roman etwa an der Saarabstimmung zeigt, bei der 90 Prozent für den Anschluss an das nationalsozialistische Deutschland stimmten. mehr

Warum lesen?

Willi Bredel verkörpert wie kaum ein anderer den Typus des operativen Schriftstellers im antifaschistischen Kampf. Sein Schreiben ist von seiner eigenen KZ-Haft-Erfahrung und von Berichten aus erster Hand informiert. Er will aber nicht nur dokumentieren, sondern wirken: »Mut, Arnold, Mut!«, ruft die Erzählstimme am Ende ihrem Protagonisten zu. Dessen Entwicklung wird als erfolgreiche Überwindung von Weichheit, Zweifeln und Angst geschildert. »Dein unbekannter Bruder« ist damit nicht nur ein Dokument der leidvollen Erfahrungen des antifaschistischen Kampfes, sondern auch und vor allem ein Dokument seiner fatalen Illusionen. Wer den Roman heute desillusioniert liest, kann daraus viel über die Ursachen für die Niederlage der deutschen Arbeiterbewegung lernen.

[Lukas Betzler]

Briefwechsel mit Adolf Hitler (1933)

/ 1985
Aus: Gesammelte Werke in Einzelausgabe, hg. v. Bodo Uhse und Gisela Kisch, 3. Auflage, Berlin und Weimar. Aufbau 1985, S. 296–300

Im August 1933 jährt sich die Verleihung des Eisernen Kreuzes I an Adolf Hitler zum 15. Mal. Hitler hatte es angeblich aufgrund einer mutigen, »seltenen Tat« verliehen bekommen. Anlässlich dieses Jubiläums schreibt der Ich-Erzähler mit dem Namen Egon Erwin Kisch, der vorgibt, ebenso wie Hitler im 1. Weltkrieg »Meldegänger« gewesen zu sein, seinem »Kollegen«. Der Brief ist eine Bloßstellung des »Führers«: Hitler könne die Heldentat nicht vollbracht haben, er könne kein Französisch, sei nur im Hinterland der Front unterwegs und zu dumm für eine Beförderung zum Unteroffizier gewesen, habe die Verleihung des Ordens selbst in seinen Militärpass gekritzelt. »Fein, Adolf!«, lobt ihn der Ich-Erzähler voller Sarkasmus … mehr

Warum lesen?

Kisch wird früh mit dem nationalsozialistischen Terror konfrontiert: Er ist unmittelbar nach dem Reichstagsbrand verhaftet worden und hat die grausamen Foltermethoden der Nationalsozialisten in seinem Text »In den Kasematten von Spandau« (1933) festgehalten. Im Pariser Exil ist er eine Zentralfigur des antifaschistischen Widerstands – in allen Aktionsgruppen ist er vertreten. Allerdings finden sich in seinen literarischen Reportagen wenig konkrete antifaschistische Einlassungen. Dieser kurze Erzähltext ist ein mutiges Bekenntnis und ein provokanter Affront, der den nationalsozialistischen Heroismus und Patriotismus eindampft und ins Gegenteil des Lächerlichen führt.

[Andrea Schütte]

Manja. Ein Roman um fünf Kinder

/ 1938/2014

Fünf Kinder werden 1920 in einer Nacht in den unterschiedlichsten Verhältnissen gezeugt. In einem sozialen Psychogramm stellt Gmeiner einen Querschnitt durch die Gesellschaft dar: Die Familie des arbeitslosen Vertreters und späteren SS-Mannes Anton Meißner, die Familie des klassenbewussten Proletariers Eduard Müller, die großbürgerliche jüdische Familie Hartung, die des liberalen Arztes Ernst Heidemann und die verarmte, alleinerziehende Jüdin Lea, deren älteste Tochter Manja ist. Als einziges Mädchen bildet sie den Mittelpunkt der Kindergruppe, die sich immer heimlich zum Spielen an einer Mauer trifft. Dort, am Rande der Gesellschaft und im „Katzenkorb der Kindheit” (1938, 8) haben die gesellschaftlichen und politischen Verhältnisse keine Macht. Mit Erstarken des Nationalsozialismus bricht der Antisemitismus aber auch in diesen utopischen Ort und damit in die Freundschaft der Kinder ein. Nachdem ein Hitlerjunge Manja zu vergewaltigen versucht, begeht sie Selbstmord. Dieser mehrsträngig erzählte Roman gibt realistische Einblicke in die Alltagsgeschichte und zeigt anhand der Kinderfiguren und oft aus deren Perspektive wie der Nationalsozialismus nach und nach die Herrschaft übernimmt. mehr

Warum lesen?

Eine hellsichtige Gegenwartsanalyse der Autorin verknüpft mit realistischen Kinderfiguren, an denen die gesellschaftlichen Veränderungen ihre Spuren hinterlassen, ohne, dass diese als Opfer gezeigt werden.

Auch Teil der Liste: Kinder- und Jugendliteratur des Exils

Literatur als Widerstand

Infos zu dieser Liste
Erstveröffentlicht: 06.07.2026
Zuletzt aktualisiert: 06.07.2026
Diese Liste wurde gefördert durch

Diese Literaturliste wurde erstellt im Rahmen des Lesefestivals antifaschistische Literatur, gefördert aus Mitteln des Landes Berlin, Senatsverwaltung für Kultur und Gesellschaftlichen Zusammenhalt.