
»aufzeigend das mögliche«. Die »wissenschaftlich-technische Revolution« in sowjetischen Filmen, Teil 2:
»Erde«
Prenzlauer Allee 80, 10405 Berlin
Oleksandr Dowschenkos »Erde« gilt als einer der größten Filme aller Zeiten. Das Meisterwerk der sowjetischen Kinoavantgarde zeigt in ikonisch gewordenen Montage-Bildern, wie die Kollektivierung der Landwirtschaft während des Ersten Fünfjahresplans bäuerliche Traditionen in der Ukraine radikal verändert. Als der Film entstand, waren die fatalen Konsequenzen dieser gewaltsamen Industrialisierungspolitik und der durch sie ausgelösten Hungerkatastrophen noch nicht bekannt. Heute ist Dowschenkos »Erde« vor allem ein einzigartiges Kinokunstwerk, das in unvergesslichen und emotional aufrüttelnden poetischen Filmbildern das damalige Verhältnis zur Umgestaltung der Natur darstellt.
Film: Erde (Oleksandr Dowschenko, UdSSR 1930, 75 Min., Stummfilm mit engl. UT)

Gespräch zur dreiteiligen Filmreihe »aufzeigend das mögliche«
Moderation Vettka Kirillova und Matthias Schwartz
Prenzlauer Allee 80, 10405 Berlin
Der Historiker Klaus Gestwa und die Schriftstellerin Theresa Hannig diskutieren, ausgehend von den auf den Brecht-Tagen gezeigten Filmen, Fragen der sowjetischen Technopolitik und Umweltgeschichte im Zeitraum zwischen den 1930er und 1980er Jahren. Der Spannungsbogen reicht dabei in thematischer Hinsicht von den mit der Beseitigung der agrarischen Lebensweise verbundenen sozialrevolutionären Wirkungen bis zum Erschrecken vor der Zerstörung der Lebensgrundlagen in der Industriegesellschaft, in ästhetischer Hinsicht vom Avantgarde-Kino bis zum Science-Fiction-Film.

Invalidenstraße 43, 10115 Berlin
Die Veranstaltung ist bereits ausgebucht.
Fermentation ist mehr als eine uralte Methode zur Haltbarmachung von Lebensmitteln – sie ist ein Sinnbild für Transformation, Gemeinschaft und lebendige Prozesse. Wie Mikroorganismen Gemüse in aromatische Lebensmittel verwandeln, so kann auch unser Umgang mit Ernährung und Landwirtschaft im Wandel begriffen werden: hin zu mehr Achtsamkeit, Kreisläufen und Verbundenheit mit dem, was wir essen. In dem Workshop tauchen wir gemeinsam in die faszinierende Welt der Lakto-Fermentation ein: Ein Prozess, der zeigt, wie aus Rohem etwas Neues entsteht und wie Nährstoffe, Geschmack und Gemeinschaft gleichzeitig gären und wachsen können. Zu Beginn starten wir mit einer theoretischen Einführung über die Grundlagen der Lakto-Fermentation um anschließend durch eine Verkosten die Vielfalt mikrobieller Kulturen zu erleben. Im zweiten Teil kommen wir selbst ins Tun und stellen unser eigenes Gemüseferment her. Zum Abschluss gibt es noch einen Einblick in die süße Fermentation mit Honig.

»Brecht im Planetarium. Konstellationen von Sternen und Menschen«
Begrüßung Tim Florian Horn
Prenzlauer Allee 80, 10405 Berlin
Das Planetarium dient Brecht als Modell für einen neuen Typus der Dramatik. Bewegungen der Sterne und Bewegungen der Menschen erscheinen darin gleichermaßen als Konstellationen; »ohne Halt und in großer Fahrt« sind die Gestirne am Himmel und die Menschen auf der Erde. In collageartiger Weise zeichnet der Vortrag einige Beziehungen zwischen astronomischer und theatraler Demonstration nach. Eröffnet Brechts Planetariums-Bühne Wege, »aus den Kräften des Kosmos zu leben« (Walter Benjamin)? Und wo führen diese Wege ins heutige Zeitalter des »Planetaren«? Eingangs begrüßt Tim Florian Horn, Direktor des Zeiss-Großplanetariums.

»aufzeigend das mögliche«. Die »wissenschaftlich-technische Revolution« in sowjetischen Filmen, Teil 3:
»Neun Tage eines Jahres«
Prenzlauer Allee 80, 10405 Berlin
Michail Romms Film »Neun Tage eines Jahres« ist einer der wichtigsten Filme der Tauwetterzeit, als nach Stalins Tod eine kritischere Auseinandersetzung mit Vergangenheit und Gegenwart in der Sowjetunion möglich wurde. Während Romm in Deutschland vor allem durch seinen Dokumentarfilm »Der Gewöhnliche Faschismus« (1965) noch heute bekannt ist, der sich der totalitären Vergangenheit widmet, sind die Neun Tage eines Jahres der damals brennenden Physiker-und-Lyriker-Debatte gewidmet. In ihr ging es um den Status von Kunst und Wissenschaft für die junge rebellierende Generation. Bei Romm experimentieren zwei junge Atomphysiker, beide in dasselbe Mädchen verliebt, mit Verfahren der Kernspaltung, wobei einer sich eine tödliche Strahlendosis einfängt: war der Forschungsenthusiasmus dieses Lebensrisiko wert? Die in dem Film aufgeworfenen Fragen ethischer und gesellschaftlicher Verantwortung, die auch private Beziehungen miteinschließt, sind auch heute noch von anhaltender Aktualität.
Film: Neun Tage eines Jahres (Michail Romm, UdSSR 1962, 111 Min., OV mit dt. UT)

Invalidenstraße 43, 10115 Berlin
Anmeldung erforderlich: netzwerknaturwissen@mfn.berlin
Wer Brechts »Erziehung der Hirse« nur für ein harmloses Naturstück hält, irrt gewaltig. Hinter dem scheinbar schlichten Bild vom Wachsen und Werden entfaltet sich ein Gedicht von überraschender Komplexität – ein Text, der ebenso viel über die Welt erzählt wie über den Menschen, der in ihr handelt.
In dem Workshop lädt das Netzwerk Naturwissen Schüler:innen dazu ein, diesem vielschichtigen Werk mit neugierigen Augen zu begegnen. Wir wechseln bewusst die Perspektive: Wie liest ein Historiker das Gedicht, der Brechts Text in den Windschatten politischer Umbrüche stellt? Welche Fäden entdeckt eine Literaturwissenschaftlerin, wenn sie der Sprache, den Bildern und dem Bau des Gedichts folgt? Und was sieht ein Biologe, dem das stille Wissen über Böden, Witterung und Wachstum sofort ins Auge springt? Aus diesen unterschiedlichen Blickwinkeln entsteht ein überraschend reiches Panorama. Der Text beginnt zu leuchten, weil er nicht länger eindimensional gelesen wird, sondern als das, was er ist: eine kleine Parabel über Einsicht, Geduld und den klugen Umgang mit der Wirklichkeit.
Am Ende führen wir alle Perspektiven zusammen, wie Erntekörner, die erst im Zusammenspiel einen vollen Sack ergeben. So entsteht ein Bild, das mehr ist als die Summe seiner Teile, und Brechts Gedicht zeigt sich in seiner ganzen feinen, manchmal widerspenstigen Schönheit. Ziel des Workshops ist es also, ein Verständnis dafür zu entwickeln, wie ökonomische, ökologische und politische Machtverhältnisse Landwirtschaft und Ernährung beeinflussen. Dadurch sollen Verbindungen zwischen dem historischen Kontext, der aktuellen Ernährungspolitik und potentiellen individuellen Handlungsmöglichkeiten hergestellt werden.
Ein Workshop für alle, die Lust haben, sich von Literatur irritieren, inspirieren und ein wenig erziehen zu lassen. (Ab Klasse 11)