
Polarisierung:
Das Wagnis produktiver Unruhe
Wo das Gespenst der Polarisierung umgeht, werden schnell Zusammenhalt und Konsens beschworen, die offenbar nur durch unlautere Akteure gefährdet werden. Dies dient freilich immer auch der Wahrung gewohnter Komfortzonen, der Fraglosigkeit etablierter Überzeugungen und der Unsichtbarmachung bestehender Dominanzverhältnisse. Denn eine politische Debatte ohne Polarisierung ist eine, in der Strittiges gar nicht erst zur Sprache kommt. Dass es den Konsens nicht gibt, bleibt verborgen. Polarisierung hingegen kann die Verhältnisse in Bewegung bringen. Doch wenn kritische Stimmen die Polarisierung als Mittel eben hierzu betonen, hat auch diese Gegenposition ihre offensichtlichen Tücken. Merkmal polarisierter Debatten sind schließlich auch verfeindete Erregungsgemeinschaften, die nur sich selbst Recht geben und echte Probleme gar nicht erst adressieren, geschweige denn zu tragfähigen Lösungen kommen. Polarisierung bleibt daher immer ein Wagnis, das schief gehen kann, ohne das produktive Politik aber nicht auskommt.
In Auseinandersetzung mit Schlüsseltexten zu politischer Polarisierung, polarisierenden Techniken und polarisierenden Figuren widmet sich dieses Seminar der Frage, wie dieses Wagnis der Polarisierung gelingen kann. Was ist politische Polarisierung – und leben wir in einer »polarisierten Gesellschaft«? Was ist es, das die Polarisierung polarisiert? Vor allem geht es aber darum, Eckpunkte für die Orientierung polarisierenden Handelns zu finden: Lassen sich gute und schlechte Formen der Polarisierung unterscheiden? Wenn ja, worauf kommt es hierbei an?
- Seminar mit vier Sitzungen: 9.6., 16.6., 23.6. und 30.6.26, jeweils 16:00–18:00 Uhr
- Anmeldung per Mail an campus@lfbrecht.de
- Die Texte werden über einen Reader zur Verfügung gestellt
Tim F. Huttel ist politischer Philosoph mit einer Schwäche für Provokateure aller Art. Er studierte Soziologie, Religionsphilosophie und Politische Theorie in Leipzig und Frankfurt am Main. Derzeit promoviert er zum Thema »Agonistik. Politische Ethik des Streits« an der Universität Rostock. In seinen bisherigen Veröffentlichungen widmete er sich unter anderem Fragen des Gemeinwohls, der Redefreiheit sowie der Interpretation von Friedrich Nietzsche, Max Weber und Hannah Arendt.