Dilek Güngör: Zweieinhalb Minuten auf dem Sofa

 

 

Social Distancing ist das Schlagwort der Zeit. Wir haben Autor*innen gebeten, Perspektiven auf diesen Begriff zu formulieren.

 

Foto © Ingrid Hertfelder

 

 

Zweieinhalb Minuten auf dem Sofa

 

 

Zweieinhalb Minuten auf dem Sofa, schon sitzt die Langeweile neben mir und will.
Will und will und will.
Die Langeweile ist immer da, ist immer schon vor mir da. Schon mein ganzes Leben lang.
Ich langweile mich selbst dann, wenn ich gerade beschäftigt bin. Nichts kann ich dagegen tun, nur tun und mich dabei langweilen.
Aber ich habe noch nicht aufgegeben.
„So viel Zeit“, denke ich. „Und niemand da, der sie mir vollstopft.“
Ich könnte den Schubladenschrank aufräumen, das Chaos darin in Ordnung bringen.
Das Stickgarn, die Baumwollfäden, die Gummibänder, die Wollreste und das Stopfgarn, ein Jedes sauber aufwickeln und in die Fächer sortieren. Die benutzten Geschenkbänder, den Draht, die Perlen und Pailletten, die bunten Kugeln, die Wäscheklammern aus Holz. Ich hatte das alles schon einmal sortiert. Die Schnüre und die Filzreste, die Glöckchen und die Buchstabenstempel, die Korken, die Murmeln, die Klebebänder, alles, alles hatte seinen Platz. Aber einmal ließ ich eine Handvoll Perlen in die oberste Schublade rieseln, einmal warf ich die Murmeln irgendwo hinein und jetzt liegt alles bei allem.
Nur wozu?
Wozu?
Es wäre aufgeräumt. Und dann könnte man etwas mit den Bändern und dem Draht, den Muscheln und den Kugeln machen.
„Ihr könntet doch was mit den Sachen aus den Schubladen basteln“, sage ich den Kindern, die sich schon vor Tagen stumpf gelangweilt haben.
Sie heben den Blick und sagen „Nö.“
Und ich sage: „Da sind so tolle Sachen drin. Schaut, alles, was das Herz begehrt.“
Alles, was mir je zwischen die Finger gekommen ist und ich aufgehoben habe, weil man es irgendwann einmal gut gebrauchen könnte. Damit sie es mit eigenen Augen sehen können, ziehe ich mit der einen Hand die eine und mit der anderen die Lade daneben auf. Sie schauen, aber sie sehen nicht, denn ihr Herz begehrt nicht, jedenfalls keine hölzernen Wäscheklammern. Es ist nur meines, das immerzu begehrt, nicht nur, dass die Langweile verschwindet, es begehrt alles. Alles. Selbst Pailletten von alten T-Shirts. Die trenne ich mit der Schere einzeln ab und fülle sie in eine leere Cremedose. Denn der Tag wird kommen, an dem ich froh sein werde über diese Pailletten. Über die Fülle im Schubladenschrank.
„Kinder, schaut, mit diesen Korken und Knöpfen, mit diesen Muscheln und Schleifen, mit den Glöckchen, die um den Hals eurer Schokohasen hingen, mit all dem können wir was Tolles machen.“ Jetzt gleich. Oder ein andermal. Oder nie.
Haben sie keine Ideen, weil die Fäden nicht bei den Fäden, die Glitzersteine nicht bei den Glitzersteinen liegen? Stören sich die Kinder am Durcheinander? Ist es das?
„Chaos inspiriert“, sage ich. „Andere Leute haben aus viel größerem Chaos ganz andere Dinge geschaffen. Die Erde zum Beispiel. Alles fein sortiert, in nur sieben Tagen.“
Die Kinder heben nicht einmal mehr den Blick.
„Los, ich fange schon mal an und ihr kommt gleich dazu.“
In ihren Schlafanzügen sitzen sie um die Schubladen auf dem Boden und starren auf das Sammelsurium nützlicher Dinge. Sie sind barfuß und wehrlos. Die Langeweile sitzt mitten unter uns und nervt. Um die Kinder anzuregen, mache ich noch mehr Unordnung in den Fächern und werfe die trockenen Maiskörner zur vertrockneten Knete. Die Kerzenstummel zu den Kronkorken. Nichts passiert. Auf eine halbe Walnussschale klebe ich zwei Wackelaugen und halte sie ihnen vors Gesicht.
„Was soll das sein?“, fragt das eine Kind.

Ich halte es näher an sein Gesicht. Sieht es nicht, dass es die Walnuss Ibrahim ist? Der Bruder von Mahmut, den der Nussknacker im letzten Herbst zermalmt hat? Ibrahim ist der einzige aus der Walnusstüte, der die Knackerei heil überstanden hat.
„Warum müssen wir was basteln?“, fragt das andere Kind.
„Damit wir was tun.“
„Warum?“
„Weil wir jetzt ganz viel Zeit haben.“
Ich sage nicht, dass ich die Langeweile in meinem Nacken spüre, sie atmen höre. Schwer und träge. Dass ich sie retten will vor ihr.
Ich biege ein Stück Pfeifenreiniger zu zwei Beinchen und klebe es Ibrahim an den Bauch.
Ibrahim braucht auch Schuhe. Jetzt macht es sich bezahlt, dass ich die Holzperlen von den Schnullerketten unserer Kinder nicht weggeworfen habe. Ibrahim bekommt Haare aus Wolle. Arme aus Draht. Hände. Eine Schleife an den Hals. Einen Papierhut, darauf ein winziges Vögelchen, das von irgendwo abgefallen ist. An die Kralle des Vogels klebe ich ein Sandkorn.
Ich könnte all das, was in den Schubladen liegt, mit Heißkleber nach und nach zu einem
Riesenklumpen kleben und es meiner Mutter schicken. Meiner Mutter kann man alles
schenken. Nie würde sie fragen, was das sein soll. Sie würde den Klumpen zu den
unförmigen Tonbatzen aus meiner Kindergartenzeit und den Zahnstochertürmen der Kinder ins Regal stellen und es liebhaben.
„Macht doch was! Ist euch nicht langweilig?“ Klinge ich aufmunternd, oder schon
verzweifelt?
Ich lege Ibrahim zu den Schrauben.
„Mir ist gar nicht langweilig“, sagt das eine Kind. „Dürfen wir gehen?“
Ich nicke, Ibrahim nickt auch.
Die beiden stehen auf.
Auf dem Schlafanzug des einen Kindes sind kleine Fische genäht. Der eine hängt schief
herab, die Naht hat sich gelöst. Mit einem Ruck reiße ich den Fisch ab und lege ihn zu den Perlen. Oder besser zu den Bändern? Die Langeweile seufzt.
Meinetwegen.
Dann bekommen abgerissene Meerestiere eben von nun an ihr eigenes Fach. Ich werde es von innen noch blau anmalen.