Ann Cotten: Platz für Dialektik

 

Social Distancing ist das Schlagwort der Zeit. Wir haben Autor*innen gebeten, Perspektiven auf diesen Begriff zu formulieren.

 

Platz für Dialektik

 

(3.4.2020)

 

Ich mag Distanz. Nähe empfinde ich öfter als Druck, merke sie an den Schuldgefühlen. Ich mag viele Menschen nicht. Nein, das stimmt nicht. An den meisten sozialen Spielen mag ich so nicht teilnehmen, aber die freie Konstruktion neuer Verhaltensmuster ist anstrengend. Besonders anstrengend ist das ständige Abtasten und Kontrollieren und vor allem das Spekulieren über die Gefühle der Mitmenschen. Lästig finde ich den Druck, bestimmte Dinge empfinden zu sollen, die ich nicht empfinde, und wenn das gar nicht der Fall ist und ich nur vorauseilend angenommen habe, dass ich in dieser Situation das und das simulieren muss, kommen noch Vorwürfe an mich selbst hinzu, warum ich mir das Leben so unnötig schwer mache. Deswegen finde ich das Zusammensein mit anderen Menschen, obwohl ich sie interessant finde, auch lästig und energieraubend. Am liebsten sind sie mir in Entfernung und ohne Unterstellung von Gemeinsamkeiten, und so neige ich zum Exotismus.
Vielleicht wäre es akkurater zu sagen, ich neige zur Theorie.
Das hat Gründe. Es ist mir wichtig, die relativen quantitativen Verhältnisse nicht aus dem Blick zu verlieren. In einem Gespräch mit Masha Jacobs hat diese dem Begriff „Verhältnismäßigkeitspanik“ zur Geburt verholfen. Einzig das Gerüst einer prinzipiellen Betrachtungsweise bietet einen Aussichtspunkt, von dem aus die Einzelheiten in ihrer relativen Bezüglichkeit angemessen holistisch verstanden werden können.
Die Gefahr der Abstraktion sind Sätze wie dieser.
Ich reite sie.

 

Der Auftrag zu diesem Text war von der Anmerkung begleitet, dass wir ja eigentlich schon recht lange in einer bedenklichen sozialen Distanz leben, und ich war innerlich so „ja, aber–“ und denke immer noch darüber nach. Im Bewusstsein, dass ich vielleicht auch etwas falsch auffasse, möchte ich hier darlegen, warum ich es ungünstig finde, mehr soziale Nähe zu fordern. Als Ziel. Es ist ein ganz zentraler Punkt. Es wälzt wieder einmal auf die Menschen als Mitmenschen ab, was Aufgabe der Organisationsform des Staates wäre allein schon wegen des Überblicks. Klar helf ich den Nachbarn und solidarisiere mich mit allem, was ich mitbekomme, aber erstens setzt mich das im Konkurrenzkampf außer Gefecht (und ich bin als Frau besonders statistisch gefährdet, vor lauter sozialer Wärme leider karrieretechnisch nichts zu reißen) und vor allem ist es eigentlich der Zweck des Staates, die Grundlage einer Existenz für alle zu organisieren – eben damit sich alle in der Hauptsache um ihre eigenen Aufgaben kümmern können. Soziale Nähe, menschliche Wärme und so weiter sind kein Ersatz für Sozialismus.

 

Im Begriff des „Sozialen“ verschmilzt das Zwischenmenschliche mit dem Politischen, Bauchgefühl mit Ratio. Und das ist nicht gut. Nichts gegen die Politisierung des Bauchs wohlgemerkt: Wenn man sich übergibt, wenn man erfährt, wie es zum Schinken kommt, dann ist das ein gut informiertes und korrektes Bauchgefühl. In der Umkehrung wird aber ein Teufel draus, wenn die Politik mit dem (eben massiv desinformierten) Bauchgefühl von Einzelpersonen (Wählennnie1) verknüpft wird. Die moderne, globalisierte Welt ist zu komplex, um sie mit dem Gefühl anzugehen. Es ist fatal, wenn das politische System von Menschen abhängt, die von den realen Verhältnismäßigkeiten keine Ahnung haben, deren Bauch aber auf die auf Manipulation der menschlichen emotionalen Wärme spezialisierten Scheindiskurse reagiert. Werbeindustrie wird ins Spiel gebracht, um Probleme ins Bewusstsein zu rücken; die Probleme kommen in Konkurrenz zueinander – der Quatsch hört nie auf. Und in der halbinformierten Einzelperson stapelt sich ein Bauchgefühl aufs andere, bis ein emotionaler Burnout sie handlungsunfähig, kaum mehr zu einem Gedanken fähig macht. Distanziert betrachtet also: Alle Leute müssen Zugang zu den Grundbedingungen zum Leben haben, egal ob ich sie mag oder nicht, egal ob ich sie sehe oder fühle oder nicht.

 

Dazu muss das ökonomische System massiv umstrukturiert werden. Jetzt wäre ein idealer Zeitpunkt dazu. Die Tabuisierung der Idee des Kommunismus mit dem Argument, es sei eine totalitäre Regierungsform (das ist ganz und gar nicht ausgemacht und war immer eine historisch bedingte Begebenheit – logischerweise müsste ein neuer Sozialismus neue Formen entwickeln) hat den Sozialismus entpolitisiert. Daher kommt man auf  Slogans wie „mehr Menschlichkeit in der Politik“. Man ist, wenn nicht gezwungen, so doch unter Druck, den eigentlichen Kern der Sache, die notwendige totale Umstrukturierung des Systems, außen vor zu lassen.

 

Otto Neurath2 (von dem der berühmte Spruch stammt, wir müssen das Boot auf hoher See umbauen) begann ursprünglich mit einer Wirtschaftstheorie seines Vaters, in der es darum ging, die Kriegswirtschaft – bei der es plötzlich möglich ist, Güter frei zu handhaben, Rationen an Grundrohstoffen zu verteilen und den Versorgungsmarkt massiv zu kontrollieren – in einen Sozialismus zu überführen, der im großen Feld der Kleinigkeiten viel Freiheiten lässt, aber für eine Basis für alle sorgt. Die starken Regulierungen, die angesichts der Ausbreitung von Covid-19 nötig wurden und dann auch möglich waren, zeigen, was geht, wenn nur Konsens über die Notwendigkeit herrscht.

Es ist traurig, aber technisch verständlich, dass das für noch viel größere Gefahren wie das globale ökonomische Ungleichgewicht unter Menschen einerseits und das menschliches Überleben gefährdende Ausmaß der Umweltzerstörung andererseits nicht so einfach geht. Primär, weil nicht davon ausgegangen werden kann, dass es temporäre Maßnahmen sind, die in ein bis zwei Monaten wieder aufgehoben werden. Diese fiktionale Starthilfe funktioniert bei dramatischen und spezifischen „Krisen“ wie Kriegen (Stichwort Blitzkrieg, es tut nur kurz weh …) und eben dieser Pandemie, wo ein vorstellbares Ziel formuliert und an einen Zeitrahmen geglaubt wird. Trotzdem hat die Pandemie einem Krieg einiges voraus, nicht zuletzt die Ungreifbarkeit der Statistiken und die Abwesenheit eines Feindes. Das ist durchaus aufregend als Bewusstseinsschule. Nach unserem kollektiven Einführungskurs in Statistik am Beispiel der Covid-19-Graphen und dem Test unserer Fähigkeit zur einsichtsvollen Selbstbeschränkung kann uns vielleicht zugetraut werden, vernünftige Maßnahmen zur Senkung der Emissionen und zur gerechteren Verteilung von Besitz und Vorteilen zu vertragen.

 

Und wer soll für diese Planwirtschaft verantwortlich sein, sie verbessern und kontrollieren?
AI.
Deren Aufgaben in Grundzügen:
Phase 1) Errechnung eines 5-Jahres-Plans zur Linderung der global krassesten Situationen (Herunterfahren der militärischen Systeme und Demilitarisierung der Haushalte parallel zum Aufbau von kombinierten Bildungs- und Schutzräumen u.a. verstärkt in Frauenhand und als Alternativräume zu Familienstrukturen) // Regeln zur Erzwingung von Gleichberechtigung durch Personalisierung der Versorgung // Abschaffung der Nationen // Abschaffung der Figur der juristischen Person // Umrechnung eines Kanons an Grundrohstoffen und Lebensmitteln als jeweils eigene, teilweise fixierte Währung // Streichung aller Gehälter außer einem Mindesteinkommen und Naturalien // Koordinierung riesiger, gegen Kryptokapitalismus automatisch überwachter Online-Tauschbörsen für „alles nicht Bedachte“

Phase 2) Abschaffung des Konzepts vom Grundbesitz und sukzessive Überarbeitung der Besitzverhältnisse …

 

 

Bei automatischen Systemen – essentiell zur Vermeidung einer Führungselite – ist entscheidend, dass das System fuzzy wäre. Ein Kommunismus mit weichen Rändern. Die Programmierung der AI garantiert, dass die oberste Priorität Umweltfreundlichkeit ist, wobei der Mensch als ein gleichberechtigter Teil der Umwelt gilt. Ich weiß, bei jedem Entwurf eines guten Systems kommen die ganzen Geschichten von den unverbesserlichen Profiteuren und Werwölfen, die bei nachsichtiger Behandlung neue Intrigen planen. (Die gibt es allerdings auch in den sie belohnenden Systemen.) Es müsste eben bis in die Mikrostruktur so sein, wie Zhao Tingyang in der Einleitung zu „Alles unter dem Himmel“ schreibt, dass Intrigen keinen Nährboden finden.

 

Ich weiß es nicht und vielleicht weiß es niemand, aber ich hoffe, AI kann das besser manche Dinge müssen schnell passieren, und manche langsam. Fest steht, sowas denkt sich niemand alleine aus.
Ich setze die Hoffnungen auf China.

 

 

 

 

1
Die Autorin benutzt „polnisches Gendering“: alle für alle Geschlechter nötigen Buchstaben in gefälliger Reihenfolge ans Wortende.

 

2
https://www.geschichtewiki.wien.gv.at/Otto_Neurath (zuletzt aufgerufen am 7.4.20)