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Brecht und das Fragment: Öffentliche Tagung


© AdK, Berlin, Bertolt-Brecht-Archiv FA 02/088



Fr. 09.02.2018 / 10:00 Uhr / Tagung


Brecht und das Fragment: Öffentliche Tagung


Veranstaltungsort: Literaturforum im Brecht-Haus
Eintritt frei!


10:00

Begrüßung Astrid Oesmann (Houston), Matthias Rothe (Minneapolis)

 

10:15

Tom Kuhn (Oxford): Gedichte/Fragmente

 

11:00

Martin Kölbel (Berlin): „Seine Abfälle sammelte er mit Ehrfurcht.“ Brechts Arbeit in den Notizbüchern am Beispiel des „Gösta Berling“

 

Kaffeepause

 

12:00

Kalani Michell (Frankfurt a.M.): Ereignissen hinterherrennen. Arbeitsweise und Fragment

 

Mittagspause (12:45 – 14:15)

 

14:15 – 16:00

Fragment und Archiv: Erdmut Wizisla und Iliane Thiemann führen durch das Brecht-Archiv (Zwei Archivführungen mit begrenzter Teilnehmerzahl, Listen zur Anmeldung: vor Ort)

 
 

16:15

Nicholas Johnson (Dublin): Brechts „David“-Fragment

 

Kaffeepause

 

17:15

Milena Massalongo (Verona): Abschied vom Werk. Die Fatzerübung.

 
 

18:00

Ramona Mosse (Berlin): Brechts Theaterästhetik der Zukunft

 

18:45

Schlussworte zur Tagung Astrid Oesmann und Matthias Rothe

 

19:00

Performance von Susanne Sachsse: Confessions of an Actress oder Von Brecht zu Bruce LaBruce und wieder zurück



Nicholas Johnson ist Literaturwissenschaftler und Künstler am Trinity College in Dublin. Er hat umfangreich zu Samuel Beckett veröffentlicht und arbeitet regelmäßig als Dramaturg und Regisseur. Er ist Begründer des Samuel Beckett Laboratoriums und hat Werke von Brecht, Toller, Trakl, Kafka und Frisch übersetzt.
 
In den 1920er Jahren war Brecht über mehrere Jahre damit beschäftigt, ein Stück
über den biblischen David zu entwickeln. Von dieser Entwicklung sind nur Fragmen-
te übrig geblieben, und diese scheinen wenig Gemeinsamkeiten mit der biblischen
Figur David aufzuweisen. Die erste englische Übersetzung und Aufführung des Tex-
tes lieferten Nicholas Johnson und David Shepherd nach zweijähriger Arbeit 2017
am Trinity College in Dublin. Der Vortrag bezieht sich auf diese Arbeit, diskutiert die
Herkunft des Textes und die Möglichkeiten der Darstellbarkeit von Fragmenten.
 
Tom Kuhn lehrt an der Universität Oxford, wo er als Fellow des St Hugh’s College und Professor of German Literature tätig ist. Er ist der leitende herausgeber der englischen Brechtausgabe bei Bloomsbury - Methuen Drama und autor zahlreicher Beiträge zu Brecht.
 
Ein bedeutender Teil der Gedichte aus der Brecht-Gesamtausgabe, die zu Brechts Lebzeiten nicht veröffentlich wurden, werden in seinen Notizen als „Fragmente“ oder „möglicherweise Fragmente“ bezeichnet. Wie genau können wir das verstehen? Können wir so etwas wie eine Typologie erstellen: ‚nicht beendete, nicht nachgearbeitete, nicht vollendete gedicht-Fragmente’? Warum gibt es so viele von ihnen? Und was verraten sie uns über Brechts Schreibprozesse und Schreibzwecke?
 
Martin Kölbel studierte Literaturwissenschaft und Philosophie in Berlin, Freiburg/ Brsg. und Paris, Promotion über Franz Kafkas Das Schloss, wissenschaftlicher Mitarbeiter im Bertolt-Brecht-Archiv der Akademie der Künste, in Berlin. Veröffentlichungen u. a.: Willy Brandt und Günter Grass, der Briefwechsel; Bertolt Brecht, Notizbücher, bisher Bände 1-3 und 7.
 
Im Frühjahr 1923 macht sich Brecht an sein erstes Auftragswerk: die Dramatisierung des Bestsellers von Selma Lagerlöf Gösta Berlings Saga. Das Theaterstück soll vom „Untergang der Romantik“ handeln, und dieser Idee folgt auch Brechts Arbeitsweise, die frühromantische Konzepte teils ruiniert, teils modernisiert. Aus der ästhetik des gewollten Fragments wird in den Notizbüchern eine des gesammelten Materials.
 
Milena Massalongo ist Germanistin, Lehrbeauftragte für Deutsche Literatur und Kultur an der Fondazione Università di Mantova und wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Verona. Doktorarbeit: Heiner Müller liest Bertolt Brecht: das Fatzer-Fragment, ein Jahrhunderttext. Zahlreiche Publikationen u. a. Brecht Gebrauchen: Theater, Methoden, Texte (hg. mit „F. Vassen” und B. Ruping, Berlin 2017).
 
Beim Schreiben von Fatzer hört Brecht schließlich auf, in Richtung auf ein Werk hin zu arbeiten. Es gibt in der Literatur viele mehr oder weniger „offen“ gebliebene Werke, das Einzigartige am Fatzer scheint aber darin zu liegen, dass Brecht die Idee des Werkes selbst aufgibt und alle Folgen fürs Publikum, für den Erfolg, den Kunstwert, die ästhetische Erfahrung usw. in Kauf nimmt. Er verlässt den Bereich, in dem Kunst- und Denkgegenstände auf einen wie auch immer raffinierten Konsum hin konzipiert werden, den Bereich also, in dem sich unser kulturelles Erleben immer noch abspielt. Zur Frage steht, was für eine Erfahrung der von Brecht (oder von uns?) abgebrochene Weg möglich macht.
 
 
Kalani Michell ist postdoctoral researcher im Graduiertenkolleg Konfigurationen des Films an der Goethe-Universität Frankfurt am Main. Sie promovierte an der University of Minnesota zum Thema audiovisuelle Medien. Veröffentlichungen zu Themen der Film- und Medienwissenschaft, zeitgenössischer- und Performance-Kunst.
 
Als Thomas Heise in einem Interview gefragt wurde, ob er durch sein „improvisierte[s], intuitive[s] Vorgehen“ beim Filmemachen irgendetwas verpasse, antwortet er mit einer Referenz auf Bertolt Brecht: „Verpassen heißt, du rennst irgendwelchen Dingen und Ereignissen, dem Glück, hinterher. Über den Unsinn gibt’s einen Song in der Dreigroschenoper". Dieser Vortrag interessiert sich für die Möglichkeit einer Arbeitsweise,
deren Ausgangspunkt noch keine Schlussfolgerung ist, und dafür, welche Rolle in
Brechts Fall dabei jene medialen Objekte spielen, die üblicherweise als sekundär und
das „Werk“ vorbereitend verstanden werden, wie Skizzen, Storyboards und Modelle.
 
 
Ramona Mosse ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Theaterwissenschaft der Freien Universität Berlin und Core convener des Performance Philosophy-Netzwerks. Sie studierte in Großbritannien und den USA und promovierte über Tragödie und Utopie u. a. bei Brecht und Müller an der Columbia University inNnew York. Publikationen zum Theater des 19. und 20. Jahrhunderts. Ramona Mosse ist außerdem als freie Dramaturgin und Übersetzerin tätig.
 
Brechts Theatermodell scheint dem Fragment zunächst diametral entgegengesetzt:
Die zwingende Vorgabe einer Vorlage unterläuft das Unfertige und Vorläufige des
Fragments. Die Auseinandersetzung mit Brechts Modellbüchern zeigt jedoch, dass
gerade das Modell die Aufführung selbst als Fragment versteht und im Spiel von
Text, Bild und Inszenierung infrage stellt, wo Brechts Theaterbegriff eigentlich beginnt
und aufhört. In der Spannung zwischen Fragment und Modell projiziert Brecht eine
Zukunft, die zur Gegenwart unseres Theaters geworden ist.
 
Astrid Oesmann ist Professorin für Germanistik an der Rice University in Houston, Texas. Sie beschäftigt sich mit der Repräsentation von ideologischen Veränderungen und traumatischen Prozessen in Literatur, Kunst und Theater des 20. Jahrhunderts und hat zu dieser Thematik, unter anderem Beiträge zu Bertolt Brecht und Heiner Müller, publiziert.
 
 
Susanne Sachsse ist Schauspielerin. Sie war Mitglied des Berliner Ensembles, wo sie mit Heiner Müller, Einar Schleef und Robert Wilson zusammenarbeitete. 2001 gründete sie das art collective CHEAP. Sie arbeitet in Theater-, Film- und Kunstkontexten zusammen mit u. a. Phil Collins, Vaginal Davis, Bruce LaBruce, Vegard Vinge /Ida Müller und xiu xiu.
 
Iliane Thiemann ist Germanistin und Bibliothekarin, sie arbeitet als wissenschaftliche Mitarbeiterin im Bertolt-Brecht-archiv der Akademie der Künste, Berlin.
 
Erdmut Wizisla ist Literaturwissenschaftler, er leitet die Archive von Walter Benjamin und Bertolt Brecht in der Akademie der Künste, Berlin.
 
Vollendung im Fragment? Eine kleine Expedition ins Bertolt-Brecht-archiv der Akademie der Künste.
Anders als bei Buchausgaben zeigt sich im Archiv das Prozesshafte, Unabgeschlossene, mitunter Unabschließbare. Brechts Experimentierfreude ist bekannt. Wir führen Sie durch verschiedene Stadien seines Schreibens, arbeiten uns durch Schichtungen und stolpern über Stufen, die das Werk in seiner fragmentarischen Vollkommenheit lebendig werden lassen.
 
 


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