Loading Events

Frauke Meyer-Gosau und Jochen Vogt


Fr. 11.02.2011 / 20:00 Uhr / Vorträge und Diskussion


Frauke Meyer-Gosau und Jochen Vogt

Moderation: Steffen Richter

Veranstaltungsort: Literaturforum im Brecht-Haus
Eintritt: 5,- € / ermäßigt: 3,- €
Einlass: ab 19:00 Uhr


Frauke Meyer-Gosau: Eine Heldin der neuen Zeit: Lisbeth Salander transponiert Menschlichkeit als Richtschnur des Handelns ins virtuelle Zeitalter

 

Lisbeth Salander ist keine Heilige Johanna. Der Heldin in Stieg Larssons „Millennium“-Trilogie, physisch und psychisch schwer versehrt durch die Übergriffe der Protagonisten eines gewalttätigen patriarchalen Herrschaftssystems, geht es darum, ihre konkreten Feinde, die sie für ihr Leben gezeichnet haben, zur Strecke zu bringen – den Vater, den pädophilen Psychiater, den sadistischen Anwalt. Da sie alle zugleich als Agenten des politischen Systems handeln, nimmt sie es unvermeidlich auch mit dem Staat und dessen Agenturen auf. Salander will Gerechtigkeit als Ausdruck der Menschlichkeit – und dies nicht nur für sich selbst. Mit ihrer besonderen Ausstattung als literarische Figur wird Salander, die Kampfsportlerin und Hackerin von Weltrang, zur emblematischen Heldin des virtuellen Zeitalters.

 

 

Jochen Vogt: Kultbuch mit Mängeln, Heldin mit Macken. Über Lisbeth Salander und die sogenannte Millennium-Trilogie

 

Zweifellos ist Lisbeth Salander eine neuartige, geschickt gewählte, faszinierende Ermittlerfigur. Ob man sie aber ernsthaft in die Tradition der Jungfrau von Orléans stellen oder sie nicht eher als eine traumatisierte Pippi Langstrumpf verstehen sollte, das wäre zu diskutieren. Aber wie lässt sich der überwältigende Publikumserfolg der Trilogie erklären? In Deutschland hat er sich erst verspätet eingestellt, zeitgleich mit der Verfilmung und auch aufgrund eines Marketings, das die drei Bücher zum Vermächtnis des plötzlich verstorbenen Autors stilisierte. Andererseits ist die Faszination vor allem der Leserinnenschaft durch die Figur der Lisbeth Salander so stark, dass man dies als Indiz dafür nehmen könnte, dass diese Figur kein abstraktes Konstrukt ist, sondern in ihren Stärken und ihren Schwächen brisante Erfahrungen, Bedürfnisse, Wünsche und Ängste der Gegenwart bündelt.